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Im Fokus

Weihnachten in der Fremde

Im Fokus - Weihnachten in der Fremde
Gabriella Minetto aus Brasilien erlebte in ihrem Austauschjahr zum ersten Mal Schnee: „Wunderbar“, fand sie – trotz ungewohnt kalter Temperaturen. © Mathias Krahnert (alle)

Fast 600 Inbounds werden 2019 in Deutschland und Österreich von Rotariern unterstützt. Gerade zu den Festtagen warten besondere Eindrücke und Erlebnisse auf sie.

Sabine Meinert01.12.2019

„Ich liebe deutsches Essen! Vor allem das Brot werde ich vermissen, wenn ich am 10. Januar wieder zurückfliege.“ Amelie Connell aus Australien ist schon ein wenig wehmütig. Fast ein Jahr ist die 15-Jährige in Hannover, und sie genießt die letzten Tage in vollen Zügen: Treffen mit den Freunden, Weihnachtsmarkt, Wochenende mit den Inbounds.

Beim adventlichen Plätzchenbacken war Gabriella mit Eifer und viel Probierfreude dabei.

Sie muss lachen, wenn sie an ihre ersten Schritte auf deutschem Boden denkt: „Abgeflogen bin ich in Sydney bei 43 Grad Celsius – und gelandet bei minus sechs Grad. Ich bin im dünnen Blazer aus dem Flieger gestiegen, brrrr … Ich musste erst mal eine warme Jacke kaufen.“ Amelie findet es bis heute spannend, dass die Jahreszeiten in Deutschland sich so deutlich unterscheiden, anders als in ihrer Heimat.
Die Australierin ist eine der jüngsten unter den Austauschschülern. Dennoch fühlt sie sich pudelwohl. „Ich glaube, dass ich so lange nicht zu Hause bin, ist für meine Eltern schlimmer als für mich.
Sie haben mehrfach gefragt, ob sie mich besuchen können. Aber nun fahr ich ja bald zurück“, sagt sie mit einem Lachen. In der Adventszeit will sie aber noch mal Deutsches erleben: „Weihnachtsdeko, Adventskalender, Plätzchen, Glühwein – in unserer Nachbarschaft gibt es am Weihnachtstag sogar einen kleinen Basar. Das wird spannend.“

Sprache als Türöffner
Drei Gastfamilien hat Amelie kennengelernt. Beim Start in der ersten sprach sie noch gar kein Deutsch. Doch Gastschwester Bella und ihre Eltern halfen ihr. Inzwischen spricht sie sehr gut, schreibt sogar Arbeiten in der Schule mit – und bekommt auch Noten. Denn die ehrgeizige Schülerin will zu Hause im australischen Newcastle das Schuljahr nicht wiederholen, sondern gleich in die elfte Klasse einsteigen.
Auch Rebecca ist eine gute Schülerin. Die 16-jährige Finnin wohnt seit einigen Monaten in Kassel. „Es macht den Unterricht interessanter, wenn man etwas versteht und mitarbeiten kann. Aber man muss sich trauen, mit dem Sprechen anzufangen. Mir halfen da meine Freunde.“
Rebecca ist seit Juli in Deutschland und auf die Weihnachtszeit freut sie sich besonders. Mit ihrer Gastfamilie wird sie ein paar Tage zum Skifahren verreisen. „Das wird voll cool, aber eben ganz anders als zu Hause. Vorher will ich die Weihnachtsmärkte unsicher machen: Gebäck, Mandeln, Adventslieder … So was gibt es bei uns nicht.“
In Rebeccas Familie in Sastamala bei Pampere wird es zu Weihnachten üblicherweise belebt. „Nach der Kirche sind wir mit Tanten, Onkels, Cousins, Cousinen und den Großeltern um die 35 Leute am Tisch. Dann singen wir alle zusammen und der Weihnachtsmann kommt – der wohnt ja in Finnland“, lacht sie. Dabei gehe es weniger um Geschenke, „sondern ums Zusammensein“. Wie hier in Kassel, ist sie sicher.
Die Schülerin ist mit deutschen Gebräuchen schon einigermaßen vertraut, weil sie seit drei Jahren die Sprache intensiv lernt. So wurde sie zur Sprecherin der Inbounds, um – wo nötig – zwischen rotarischen Gremien und Austauschschülern zu vermitteln.

Ein Jahr mit Ausrufezeichen
„Unvergesslich!“ – „Ein Jahr, das einen wachsen lässt.“ – „Man erhält einen Einblick in eine andere Kultur, wie er sonst kaum möglich ist.“ – Wer aus Deutschland oder Österreich zurückkehrende Austauschschüler befragt, hört von tollen Erlebnissen, Wahnsinnsreisen, neuen Freunden in aller Welt. Doch vor allem bedeutet das Austauschjahr, eine ganze Zeit lang fern von der Familie und dem, was man so kennt, zu leben.
Zu Weihnachten kommt bei vielen doch Heimweh auf, weiß Helmut Lanfermann (RC Alzenau). Er hat beim Jugendaustausch in Deutschland die Fäden in der Hand und weiß deshalb, dass für ein gelungenes Austauschjahr nicht nur Rotarier, sondern auch Gasteltern, Schulen, Vereine und Gemeinden an Bord geholt werden müssen.
Fast 2200 Teilnehmer eines rotarischen Austausches haben die deutschen und österreichischen Distrikte für 2019/20 gemeldet. Rund ein Viertel davon bleibt für ein ganzes Jahr. Meist erleben die jungen Leute mehrere Gastfamilien und werden vom örtlichen Rotary Club eingeladen, den Cluballtag zu erleben. Das gibt fürs Erste ein bisschen Struktur, später freunden sich die Inbounds untereinander an und gehören wie selbstverständlich zu den Schülern ihrer deutschen Klasse.
So wie Reches Pasternak. Der 16-jährige Kanadier ist aus Port Perry, nordöstlich von Toronto, nach Schwerte bei Dortmund gekommen. Erst mal ohne Sprachkenntnisse, denn Deutschland stand auf seiner Wunschliste nicht ganz oben. Immerhin fand er im Internet deutsche Musik, die ihm gefiel: „99 Luftballons“ von Nena oder die Songs von Santiano. Ein Anfang – genau wie die Reisen, die er mit den Gastfamilien zu alten Schlössern machte.
Denn Geschichte interessiert Reches. Zu Hause wurde im Unterricht der Kalte Krieg behandelt, hier geht es bis zu den Kreuzzügen zurück – spannend. Mit den Inbounds des Distrikts 1900 lernte er zudem Hamburg, Berlin, Dresden und München kennen. Aber auch das Konzentrationslager in Dachau. Für den jüdischen Schüler war auch das eine wichtige Station. Solche Touren gehören in Deutschland und Österreich zum festen Plan.
Im Dezember begeht Reches’ Familie in Kanada üblicherweise das Chanukka-Fest. Aber er hofft, 2019 auch viel zu christlichen Bräuchen erfahren zu können. Der neunarmige Chanukkia-Leuchter ist schließlich nicht so weit entfernt vom hier üblichen Kerzenleuchter und Pfannkuchen oder in Öl gebackene Kräpfel vom Adventsmarkt sind ganz ähnlich wie eine jüdische Speise, weiß er schon.
Zu Hause in Kanada hat es gerade zu schneien angefangen. „Es wäre schön, wenn hier auch noch Schnee käme, dann ist mindestens eine Schneeballschlacht mit den Freunden fällig plus Schneemannbauen.“ Skiwoche, Rodeln, Schneewandern – die gut 50 Inbounds in Österreich können so was schon sicher einplanen: Auf die „Energiewoche“ im Februar freuen sich die meisten bereits jetzt, weiß man in D 1910 und 1920.
Reches freut sich indes auf einen möglichen Besuch seines Vaters, der beruflich nach Europa kommt. Ob der seinen Sohn noch wiedererkennt? „Ich bin viel selbstständiger geworden. Und erwachsener, denke ich. Man kann hier ohne großes Geld viel mehr machen als bei uns. Davon werde ich meinen Freunden zu Hause erzählen – und auch alles über die Weihnachtszeit. Wahrscheinlich dauert das einen Monat lang“, schmunzelt er.

Von warm zu kalt

Weihnachtsmärkte kennt Mazvita Vanessa Kanombirira aus Simbabwe auch. Allerdings zeigt das Thermometer im Dezember in Harare um die 20 Grad. In Deutschland will sie am liebsten „tanzen im Schnee und einen Iglu bauen“. Denn eine Erfahrung mit Schneeflocken hat sie bereits im März bei einem Schwarzwaldausflug gemacht.
Mazvita wird mit ihrer derzeitigen Gastfamilie eher ein ruhiges Christfest erleben. Kirche, zusammen kochen, mit den Großeltern klönen und sich ausruhen. „Das wird ganz anders als bei uns, wo immer viel los ist: Musik, tanzen und grillen, ein großes Familienfest mit einer Menge Trubel.“
Die junge Frau aus Afrika hatte eigentlich ein Jahr in Frankreich geplant. Doch ihr Weg führte ans Gymnasium Max-Brauer-Allee in Hamburg, wo sie Lehrer wie betreuende Rotarier überraschte: Sie lernte so schnell und so gut Deutsch, dass sie nirgendwo Schwierigkeiten hat.

Hier wie da: Ein neuer Anfang
„Das ist es aber: Man kommt in ein fremdes Land, kennt keinen Menschen und muss zurechtkommen. Da lernt man schnell, auf andere zuzugehen und Unvorhergesehenes zu managen“, sagt Isabell Hebel. Die ROTEXerin aus dem Distrikt 1841 hat als Schülerin selbst ein Jahr in Ecuador verbracht.
Sie rät allen, die eine Austauschzeit planen, sich bloß nicht zu viel auszumalen. „Es kommt meist anders. Obwohl das Fazit oft ist: Es war eigentlich ideal – mit Kulturaustausch, vielen Freundschaften, Erfahrungen und neuer Sicht auf die Welt.“
Isabell, inzwischen im Vorstand von ROTEX Deutschland, hilft mit anderen Ehemaligen den Inbounds in D 1841 und D 1842, richtig anzukommen. Das bedeutet, etwa 15 Wochenend-Treffen für 30 Leute vorzubereiten: Sprachcamps, Ausflüge, Orientierungen, dazu ein Berlin-Ausflug und eine Deutschland-Tour. In der Adventszeit findet das Inbound-Treffen natürlich in Nürnberg statt – mit Besuch auf dem Christkindlesmarkt. „Ein Erlebnis! Da wird alles probiert, getestet, bestaunt!“
Isabell Hebel ist auch Teil des Patenprogramms der ROTEXer. Ehemalige Austauschschüler geben Tipps an Inbounds weiter: Was muss man für eine Wandertour hierzulande einpacken? Welche Gastgeschenke kommen gut an? Was ist eine Datenschutzerklärung?
„Die jungen Leute sorgen für den Multiplikatoreffekt: als heimkehrende Austauschschüler oder Jugendliche, die andere betreuen“, sagt Jugenddienst-Fachmann Helmut Lanfermann und sieht sich durch seinen österreichischen Kollegen Tomislav Hauptfeld (RC Wien DC) ­bestätigt. „Sie alle können das bisherige Bild von Rotary ändern, verjüngen.“
Lanfermann ist auf jeden Fall stolz auf die Entwicklung, die bei den jungen Leuten zu beobachten ist. „Eine der Austauschschülerinnen, die von meinem Club entsandt wurde, hat den internationalen Fokus des rotarischen Austauschs später noch ausgebaut. Sie engagiert sich nun bei der UNO. – Die haben wir auf die Schiene gesetzt.“

Neues auch für die Gastfamilien
Lais aus Brasilien will auf jeden Fall auch etwas aus ihrer Kultur dalassen – zum Beispiel kulinarische Eindrücke. In den letzten Wochen hat sie schon Feijoada (Bohnen-Fleisch-Eintopf) und Käsebällchen für ihre Gastfamilie, die Lehmanns aus Torgelow, zubereitet.
Lais ist mit ihren 17 Jahren ziemlich strikt: Auf das Skypen mit ihrer Familie verzichtet sie freiwillig, lediglich telefonieren geht – sie fürchtet, sonst zu oft an zu Hause zu denken. Dabei ist dafür gar keine Zeit. Tagsüber muss sie zum Gymnasium nach Ueckermünde. Danach Hausaufgaben und Sport: Lais unterstützt die Volleyballerinnen des SV Einheit Ueckermünde in der Verbandsliga. Nach drei Monaten steht sie fast jedes Spiel auf dem Feld.
Und ihr Deutsch baut sie mit zusätzlichem Unterricht und beim Spielen mit den Enkelkindern von Gastfamilie Lehmann aus. Neulich war sie zudem mit einem Vortrag im Englisch-Club – mit Karottenkuchen im Gepäck. Wobei: Bis Weihnachten stehen in der Küche bei Familie Lehmann noch viele Plätzchen auf dem Plan. Vielleicht ist auch noch mal Zeit für ein Naturerlebnis. „Lais war so fasziniert, als wir ihr kürzlich die Hirschbrunft gezeigt haben“, erzählt Margot Lehmann.
Die wünscht sich indes kaltes Wetter für Weihnachten. Denn vor einigen Tagen hat sie das erste Mal Raureif auf den Büschen vor dem Haus gesehen – zauberhaft, fand sie. „Zu den Feiertagen werden wir auf jeden Fall in die Kirche gehen. Hier wird die Messe wohl etwas kürzer als zu Hause. Dafür ist die Dekoration eine ganz andere. Mit Tannenbaum …“
Diese Begeisterungsfähigkeit gefällt Margot Lehmann besonders an ihrer Gasttochter. Im Gegenzug lernt sie, vieles mit mehr Ruhe und Gelassenheit zu nehmen. „So gibt jeder auch etwas zurück.“

Rotarier als Vertriebstruppe
„99 Prozent der jungen Leute sehen den Austausch als große Chance. Eine, die wir auch finanziell nicht so gut gestellten Jugendlichen ermöglichen können“, sagt Jugenddienst-Chairman Helmut Lanfermann. „Insofern sollten sich alle Rotarier auch als Vertriebstruppe verstehen: Wie können wir diese jungen Menschen rotarisch prägen, bevor wir sie wieder in die Welt entlassen? Und auch im Verwandten-, Freundes- und Bekanntenkreis Ausschau nach potenziell geeigneten Jugendlichen für den rotarischen Austausch halten.“
Umgekehrt sind die Inbounds selten zu übersehen, wenn sie auf deutschen und österreichischen Distriktkonferenzen ihren Weg beschreiben, besingen, vorführen. In D 1910 sind oftmals auch Austauschschüler aus den Clubs in Bosnien-Herzegowina dabei, die dort mehrheitlich englischsprachige Schulen besuchen. Mehr Internationalität geht kaum.
Chih-Ning Yehs Vater ist Clubpräsident in New Taipeh City, ihr Bruder war vor vier Jahren in Südamerika zum Austausch. Der Wechsel an den Tegernsee war für die 18-Jährige eine große Umstellung. Allein die viele freie Zeit! „Wo ich herkomme, hatten wir bis nachmittags Schule, dann Nachhilfe bis abends. Wer noch ein Ins­trument spielt, hat quasi keine Freizeit.“

Auch dass Schüler im Unterricht selbst denken und ihre Meinung äußern sollen, ist neu. Und dann das traditionell Bayerische: Dirndl, Oktoberfeste, Tradition. „Und ich liebe Spätzle und Kartoffelsalat. Das Essen ist wirklich gut“, schwärmt sie.
Weihnachtsmann-Mützen, Xmas-Dekoration, Adventskränze, Kerzen – das alles will Chih-Ning sehen. Und am 22. Dezember wird sie mit ihrer Gastmutter und deren Ensemble in einem Weihnachtskonzert Flöte spielen. Auch um die Weihnachtsstimmung wirklich zu spüren.
Einen Pin bekommt Chih-Ning bei diesem Konzert wahrscheinlich nicht. Aber an jedem anderen Ort, den sie besuchte, hat sie schon einen mitgenommen – für ihren Rotary-Blazer. Am Ende des Austauschjahres kann sie wie jeder Inbound dann stolz auf ihre Jacke zeigen – übervoll mit den kleinen, bunten Abzeichen, die den Reichtum an Erfahrungen und Erlebnissen symbolisieren. In einem Rotary-Info-Flyer zum Austauschjahr heißt es dazu passend: „Es ist nicht ein Jahr in Deinem Leben – es ist ein neues, ein anderes Leben in einem Jahr.“