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Reutlingen

Schwerpunkt Gustav Werner

Reutlingen - Schwerpunkt Gustav Werner
Im "Bruderhaus Diakonie" in Reutlingen: Präsident Lothar Bauer (RC Reutlingen-Tübingen-Nord) mit dem Nachbau eines "Kalanders". Diese waren für die Papierherstellung erforderlich. © Bruderhaus Diakonie Reutlingen

Der RC Reutlingen-Tübingen-Nord befasste sich in den vergangenen Monaten intensiv mit Pfarrer Gustav Werner (1827–1887) und dessen Werk.

Immo Eberl01.01.2020

Ideengeber dafür war Clubpräsident Lothar Bauer, Vorstandsvorsitzender der Bruderhaus Diakonie Stiftung Gustav Werner und Haus am Berg. Nach dem Besuch des Evangelischen Seminars Maulbronn studierte er von 1827 bis 1832 Theologie am Tübinger Stift. In seiner anschließenden Tätigkeit als Privatlehrer in Straßburg lernte er das sozialdiakonische Werk Johann Friedrich Oberlins kennen, das seine weitere Arbeit stark beeinflusste. Als Vikar in Walddorf gründete er 1834 die erste Kinderrettungsanstalt für Waisenkinder, die sich nach seiner Übersiedlung 1840 nach Reutlingen vergrößerte und 1848 an die 80 Waisenkinder versorgte. Er fügte seinem "Rettungshaus" einen Handwerksbetrieb hinzu und erwarb eine Fabrik in Reutlingen, um seine sozialen Projekts finanzieren zu können. Diese diakonische Einrichtung nannte er 1855 "Bruderhaus", das vor allem Menschen mit Benachteiligungen fördern wollte und ihnen Ausbildung und Heimat bieten sollte. Bereits 1861 wurde in Dettingen an der Erms die Papierfabrik zum Bruderhaus eröffnet, die 1981 verkauft wurde.

Vorreiter der Inklusion
Um den Fortbestand seiner sozialen Arbeit zu sichern, gründete er 1881 die Gustav Werner Stiftung zum Bruderhaus, die in Baden und Württemberg zu einem großen diakonischen Hilfswerk heranwuchs. Gustav Werner schuf eine neue, christlich gesonnene Arbeits- und Lebensgemeinschaft, die das Konzept der heutigen Inklusion vorwegnahm: in den Arbeitsstätten der Stiftung arbeiteten erstmals Menschen mit und ohne Behinderung im Fabrikbereich zusammen. Gustav Werner und seine Freunde haben in den schlimmsten Notstandsgebieten Südwestdeutschlands diakonische Rettungsarbeit und gleichzeitig gewerbliche Aufbauarbeit geleistet, die den Menschen ermöglichte auf eigenen Beinen zu stehen und von der eigenen Arbeit zu leben und sich somit ein selbstständiges Leben zu schaffen. In der Konfliktlage zwischen Kapital und Arbeit, die immer wieder zu Gewalteskalationen führte, hat Gustav Werner mit seinen "christlichen Fabriken" einen "Dritten Weg" geschaffen, die ein Beispiel gab und in die schwäbische Unternehmerschaft hineingewirkt hat. 2004 entstand die BruderhausDiakonie Stiftung Gustav Werner und Haus am Berg mit Sitz in Reutlingen, die in acht Regionen Baden-Württembergs Einrichtungen unterhält. Sie widmet sich der Jugend-, Behinderten- und Altenhilfe, der Sozialpsychiatrie und neben der Arbeit in den Werkstätten auch der beruflichen Bildung. 

Immo Eberl
Immo Bernhard Eberl, geb. 1947, Studium an der Universität Tübingen (Geschichte, Germanistik, Kirchenrecht und Rechtswissenschaft - M.A.). Später Erstes Staatsexamen in Geschichte und Germanistik. 1976 Promotion und Habilitation zum Dr. phil. habil. Ernennung zum apl. Professor 1990. Arbeit an der Uni Tübingen, unter anderem am Historischen Seminar, Abteilung für mittelalterliche Geschichte sowie als Geschäftsführer des Instituts für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde. Tätigkeit als Leiter des Stadtarchivs Ellwangen (Jagst) bis 2015; nebenamtlich Leiter der Volkshochschule Ellwangen. Bis heute Lehrtätigkeit an der Uni Tübingen, an der Hochschule für Politik München, der Phil.-Theol. Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz im Wienerwald.
Mitglied im RC Ellwangen seit 1994, Club-Präsident 2009/2010, Paul-Harris-Fellow. Verheiratet, ein Sohn.