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Rotary Aktuell

2804 Freunde in Datenbank erfasst

Rotary Aktuell - 2804 Freunde in Datenbank erfasst
Ein Großteil der Akten aus der Frühphase von Rotary in Deutschland liegt im Geheimen Staatsarchiv in Berlin. © dpa Picture-Alliance / Jörg Carstensen

Sämtliche Vorkriegsrotarier sind jetzt identifiziert – sie alle werden in einer Datei zur Rotary-Geschichte in der Zeit des Nationalsozialismus aufgelistet.

Matthias Schütt01.01.2019

Die seit 2016 aktive Expertengruppe zur Aufarbeitung der Geschichte Rotarys im Nationalsozialismus konnte jetzt einen ersten zentralen Etappenschritt abschließen: Die digitalisierte Datenbank hat alle 2804 Rotarier mit Namen, Beruf und weiteren Merkmalen erfasst, die zwischen der Gründung des RC Wien 1925 und der Selbstauflösung der Clubs unter dem Druck des NS-Regimes 1937 in einen Rotary Club des damaligen Distrikts 73 aufgenommen wurden.

Ziel: Würdigung und Rehabilitierung

Neben den Mitgliedern der 44 deutschen und elf österreichischen Clubs zählen dazu auch die Rotarier in Danzig und Saarbrücken. Beide Städte gehörten nach dem Vertrag von Versailles nicht mehr zum Deutschen Reich, ihre Clubs aber doch zum Distrikt 73. Diese insgesamt 57 Clubs bilden die Basis für die Personenrecherchen und die Pflege der entsprechenden Datenbank durch Past-Gov. Peter Diepold (RC Göttingen).

Die Ermittlung der rotarischen Freunde der Vorkriegszeit mithilfe alter Mitgliederverzeichnisse und durch Recherchen in den Vorkriegsakten im Berliner Geheimen Staatsarchiv ist eine Vorarbeit für das eigentliche Anliegen der Arbeitsgruppe: die Würdigung und Rehabilitierung der Mitglieder, die nach 1933 aus politischen oder rassischen Gründen aus den Rotary Clubs ausgestoßen wurden. Dieses Ziel folgt dem leidenschaftlichen Appell von Paul Erdmann (RC Stuttgart), der in der ersten Planungssitzung im Frühjahr 2016 gefordert hatte, „den Freunden ein Denkmal zu setzen, die wir verraten haben“.

Die Initiative begann im Oktober 2015 in dieser Zeitschrift. Unter der Überschrift „Aufarbeitung nötig“ forderte der Politikwissenschaftler Kurt-Jürgen Maaß (RC Stuttgart-Wildpark), endlich „den Mantel des Schweigens“ über die Vorgänge in der NS-Zeit zu lüften. Dabei geht es nicht nur um den Verrat an sich, sondern auch um die – nicht weniger brisante – bisherige Vernachlässigung einer umfassenden Aufarbeitung der Hintergründe. Nicht zuletzt im Hinblick auf die Rotary Convention in Hamburg, auf der sich „unser“ Rotary der Weltgemeinschaft präsentiert, stehe es uns gut an, über die dunklen Jahre endlich Auskunft zu geben. Rotary dürfe dabei nicht hinter zahlreichen Universitäten, Unternehmen und Behörden zurückbleiben.

Seit drei Jahren arbeiten rund 50 Rotarier, zumeist Historiker, Archivare sowie historisch interessierte Freunde, am Aufbau der Datenbank. Sie kümmern sich unter der Leitung von Carl-Hans Hauptmeyer (RC Calenberg-Pattensen), vorrangig um die Ereignisse in den einzelnen Rotary Clubs, die bisher sehr unterschiedlich mit ihrer Vergangenheit umgegangen sind. Neben vorbildlichen Darstellungen, die zum Beispiel über die Clubs Stuttgart und München vorliegen, gibt es viele Clubs, die noch ganz am Anfang stehen.

Jeder Dritte verließ seinen Club

Unter den 2804 ermittelten Freunden hat Peter Diepold bis heute 137 Rotarier mit jüdischen Wurzeln identifiziert, für die dank der Zuarbeit aus dem Deutsch-Israelischen Länderausschuss und der Eigenrecherchen zum Teil „vorzügliche und detaillierte Informationen“ vorliegen.
Das ist aber nur ein Teil der Rotarier, die nach der NS-Machtübernahme ihre Clubs verließen oder verlassen mussten. Nach Diepolds Recherchen haben die damaligen Clubs in zwei Jahren ein Drittel ihrer Mitglieder verloren, zwischen 1932 und 1934 genau 540 von 1628.

Bis 1936 wurden allerdings 665 Rotarier neu aufgenommen. Das werden kaum Juden oder Regimegegner gewesen sein, womit die Frage in den Vordergrund rückt, wer eigentlich die Geschicke der Clubs in den 1930er Jahren bestimmte und wie nahe die Clubvorstände den Machthabern und ihren ideologischen Forderungen standen. Die Rehabilitierung der Verstoßenen schließt notwendigerweise die Identifizierung derjenigen mit ein, die die politische Gleichschaltung in den Clubs durchsetzten.

Zusätzlich zu den Personen hält die Datenbank weitere wichtige Materialien bereit. Sie weist die rund 25.000 Dokumente nach, die im Geheimen Staatsarchiv in Berlin zur rotarischen Vorkriegsgeschichte lagern, sowie 160 Veröffentlichungen zum Thema „Rotary und der Nationalsozialismus“. Die Personendaten sind nur mit Passwort zugänglich, da für den betreffenden Personenkreis zum Teil noch Datenschutz besteht. Bei berechtigtem Interesse wird das Passwort mitgeteilt (peter@diepold.de). Öffentlich zugängliche Dokumente (Veröffentlichungen und „Blog“) findet man unter http://d-1800.org/Rotary_und_NS.

Broschüre zur RI-Convention

Da die Convention in Hamburg zum Ausgangspunkt der Arbeit wurde, sollte das Thema dort auch einen Platz finden. Dazu ist eine Broschüre in Deutsch und Englisch in Vorbereitung, in der die Geschichte Rotarys nachgezeichnet und der erreichte Forschungsstand dargestellt werden. Ein Informationsstand im House of ­Friendship ist vorgesehen, eine Breakout Session wurde bereits ins Convention-Programm aufgenommen.


Buch-Tipp

Paul Erdmann (RC Stuttgart)

Rotarier unterm Hakenkreuz.

Anpassung und Widerstand in Stuttgart und München.
Salier Verlag Leipzig
2018
980 Seiten
39,90 Euro

Matthias Schütt

Matthias Schütt ist selbständiger Journalist und Lektor. Von 1994 bis 2008 war er Mitglied der Redaktion des Rotary Magazins, die letzten sieben Jahre als verantwortlicher Redakteur. Seither ist er rotarischer Korrespondent des Rotary Magazins und seit 2006 außerdem Distriktberichterstatter für den Distrikt 1940.