Forum - Bilder vergangener Lebensformen

Sehnsucht nach Form und Anmut: der Schweizer Historiker Jacob Burckhardt (1818–1897) © Hans Hinz/Artothek

01.05.2018

Forum

Bilder vergangener Lebensformen

Eberhard Straub

Der Schweizer Kulturhistoriker Jacob Burckhardt prägte wesentlich unser Bild von Renaissance
und Antike. Gedanken zu seinem 200. Geburtstag

Der Historiker Jacob Burckhardt, vor zweihundert Jahren am 25. Mai 1818 in Basel geboren, wird vorzugsweise mit der Renaissance als Idee und Epoche verbunden. Seine Kultur der Renaissance in Italien, 1860 erschienen, ist keine chronologische Ereignisgeschichte. Sein Buch war etwas ganz neues: eine „totale Geschichte“ als Bild einander ergänzenden Lebensformen und Lebensanschauungen, die jenen erstaunlichen Moment wie ein großes Individuum mit seiner ganz eigenen, durchaus großartigen Physiognomie und Haltung vergegenwärtigen.

Die Renaissance in Rom und Florenz und den weiteren Residenzen in Italien trat nun endgültig als die dritte klassisch-vorbildliche „Gestalt“ neben das Athen des Perikles und das Rom des Augustus; denjenigen Welten, in denen vorübergehend der Mensch zu seiner schönsten und geistvollsten Erscheinung fand. Sich an diese Augenblicke gesteigerten Daseins zu erinnern, gehörte zu den wenigen sicheren Bedingungen des höheren geistigen Glücks für Jacob Burckhardt. Denn diese betrachtende Annäherung an nie vergehende Vergangenheiten höchster Vollendung befreie von der Gegenwart mit ihren Zwängen und Kleinlichkeiten und halte den Geist offen für „das Mysterium des Schönen“, das diese drei Weltmomente miteinander in Beziehung brachte und über alle anderen emporhob.

"Mysterium des Schönen"
Es handelte sich bei diesem Mysterium, von dem sich auch Karl Marx vorbehaltlos ergreifen ließ, immer um das Klassisch-Schöne, das mit den Griechen zum ersten Mal als weltverändernde Kraft in die Geschichte einbrach. Den anspruchsvollen Forderungen hellenisch-ästhetischer Erziehung, mit einer umfassenden Lebenskunst das unberechenbare Leben harmonisch zu ordnen und ihm darüber einigen Glanz zu verleihen, versuchten die Römer auf mannigfache Weisen zu genügen. Deren Beispiel entfachte den Mut und die Phantasie der Italiener, in dürftiger Zeit nach einer Wiedergeburt aus dem Geist der Antike zu verlangen, also die Freiheit durch die Schönheit zu versittlichen.

In endlich hinter sich zu lassen. Dies hochherzige Verlangen setzte eine erneuerte virtus romana voraus, die von Machiavelli gefeierte virtù, den Willen, nicht vor dem Widerspruch zwischen Ideal und Leben zu verzagen, sondern sich als strahlender Sieger über alle Schwächen zu behaupten und den Adel des Menschengeschlechtes herzbezwingend mit der eigenen Person zu veranschaulichen. Davon kündeten Fresken, Gemälde, Opern, Epen und vor allem die bedeutungsvollen Feste – Gesamtkunstwerke, in denen sich der Übergang vom Leben in die Kunst manifestiere.

Historiker der Untergänge
Jacob Burckhardt sah in der Fähigkeit zu wechselnden Renaissancen und dem gesamten Leben mit Rückgriffen auf frühere Lebensanschauungen und Lebensformen eine neue Richtung zu weisen, eine Besonderheit der Europäer. Das unruhige Streben nach solchen Wiedergeburten schuf eine Kontinuität vom klassischen Athen über das klassische Rom nach Florenz, Venedig und abermals Rom. Es ist aber zugleich ein Hinweis auf umfassende Krisen, die immer wieder die erreichte Kultur erschütterten und deren Verbindung zur Vergangenheit lockerten oder unterbrachen.

Jacob Burckhardt ist deshalb vor allem auch der Historiker von Untergängen, der den Zusammenbruch des klassischen Athen in seiner Griechischen Kulturgeschichte dramatisierte und vor allem in seiner Zeit Konstantins des Großen die europäische Urkatastrophe schlechthin, das allmähliche Verlöschen des Römischen Reiches und der antiken Welt seit dem 3. Jahrhundert nach Christus. Der Untergang Roms blieb unvergesslich. Er veranschaulichte den Europäern, die in der Antike stets den Untergang Trojas und Karthagos vor Augen hatten, dass alles, was sich in der unberechenbaren Zeit entwickelt, vergeht, verlischt, verglüht. Daran erinnerte Jacob Burckhardt unermüdlich.

Keine noch so raffinierte Zivilisation ist vor dem Rückfall in die Barbarei geschützt. Auch das nahezu ewige Rom erwies sich nur als eine Phantasie der Zeit. Die Geschichte entwickelt sich nicht systematisch und vernünftig. Sie ist für Jacob Burckhardt, wie für die Historiker der Renaissance, das Reich der Überraschungen. Zu dem gehören Rückschritte, der Zerfall, das Altern und Vergreisen von Kulturen oder deren mutwillige Zerstörung durch ahnungslose oder eigenwillige Kräfte, die an Macht gewinnen und endlich gar zur Übermacht werden und mit Gewalt und Schrecken den allgemeinen Umsturz bewirken. Die „Alten“ – Griechen und Römer – gaben sich keinen Illusionen über die Hinfälligkeit sämtlicher Reiche und Staaten mit ihren besonderen Lebensformen und Weltanschauungen hin.

Sie ließen sich nicht „vom Narrenspiel der Hoffnung“ blenden, was Jakob Burckhardt den Liberalen oder Sozialisten seiner Zeit vorwarf, die sich von ihrem Optimismus und ihren humanitären Utopien überwältigen ließen. Mit der französischen Revolution begann für Jakob Burckhardt eine neue, alles ergreifende Krise, weil diese für ihn nicht eine Konsequenz der Renaissance war, sondern eine Revolution gegen deren Geist und praktische Vernunft. Die Revolutionäre und deren Erben überschätzten zu seinem Unmut in „kecker Antizipation eines Weltenplanes“ ihre Zeit als Übergang zur besten aller Welten, in der die Geschichte an ihr Ziel gelange.

Sie empörten sich gegen die klassische Besonnenheit, dem Menschen unbedingt zu misstrauen und glaubten vielmehr inbrünstig an eine Vernunft, die sie mit ihren Wünschbarkeiten verwechselten und ihren ganz unvernünftigen Leidenschaften. Darüber ging der antike Sinn für Ordnung, Proportion und Maße wieder verloren, mit dem sich die Menschen in der Renaissance vor verlockenden Übertreibungen bei der Absicht, die Zukunft zu gestalten, zu hüten verstanden.

Die Gegenwart vergaßen Optimisten, die entschlossen in die Zukunft ausgriffen und die Vergangenheit höchstens als Argument gebrauchten, um ihre Revolution als logische Folge unerbittlicher Prozesse zu rechtfertigen, die gar nicht aufzuhalten waren und das Tempo der Geschichte ungemein beschleunigten. Geschichtliche Kontemplation, wie sie Jacob Burckhardt in klassischer Tradition pflegte, wurde zu seiner Irritation nun durch Geschichtspolitik ersetzt, was eine schreckliche Verwüstung des Geistes durch Zeitungen und Publizistik anrichtete, die er häufig beklagte.

Die akustische Täuschung, nämlich der Lärm der Presse mit ihren Sinnstiftern und Wertesetzern, führte zur Gewissheit, wie Jakob Burckhardt missmutig beobachtete, dass kein besonderes Lied in den vergangen Dingen schlummere, auf das es zu hören gelte, um darüber nicht nur klüger für ein anderes Mal, sondern weise für immer zu werden. Daraus ergebe sich doch ganz von selbst der Sinn des Geschichtlichen und seines Studiums, eben nicht – von der Aktualität vollständig beherrscht – übermütig und einseitig zu werden, sondern stets auf das Stirb und Werde in der Welt als Geschichte dauernden Wandels und Verwandelns, der Untergänge und Übergänge zu achten.

"… die Sonne scheidet bald" 
Das einzige, was ihm in seiner aufgeregten Zeit mit ihren Krisen, Wirren und Unwägbarkeiten, festen Halt gab, das war die alteuropäische Bildung. Burckhardt verfolgte aufmerksam das Zeitgeschehen, kommentierte es in Briefen zuweilen geistreich, spöttisch oder unwirsch. Insgesamt lebte er wie die letzten Römer Symmachus und Eugenius, die beschäftigt mit ihrem großen Erbe keine Ansprüche an die Gegenwart erhoben, aber im Einklang mit dem Geist einer großen, nun versiegenden Kultur blieben, während am Horizont längst weiße Barbaren auftauchten und ferne Täler schon vom Getöse der Waffen erfüllt waren.

Eine weitere Renaissance erwartete Jakob Burckhardt nicht mehr. Der Kulturbruch der Revolution im Aufstand gegen die Geschichte erschien ihm als irreparabel und endgültig. So schlürfte er selbstgenügsam während häufiger Reisen quer durch das Europa vom goldenen Überfluss der Geschichte, treu der Aufforderung Goethes: „Komm nun aber und genieße, / Denn die Sonne scheidet bald“. 

Erschienen in Rotary Magazin 5/2018

Eberhard Straub
Dr. Eberhard Straub ist Historiker und Publizist. Zu seinen Büchern gehören unter anderem „Eine kleine Geschichte Preußens“ (2001, Siedler), „Kaiser Wilhelm II. in der Politik seiner Zeit. Die Erfindung des Reiches aus dem Geist der Moderne“ (2008, Landt Verlag).Zuletzt erschien „Der Wiener Kongress. Das große Fest und die Neuordnung Europas“ (Klett Cotta 2014). www.eberhard-straub.de

Rotary Magazin 5/2018

Rotary Magazin Heft 5/2018

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