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Titelthema

Das Sinnbild einer europäischen Stadt

Titelthema - Das Sinnbild einer europäischen StadtFotostrecke: Das Sinnbild einer europäischen Stadt
Zur Ansicht der Galerie bitte Bild klicken. © Jan-Peter Boening/Zenit/laif

Als Hauptstadt eines Landes, das sich seit alters zwischen den großen Mächten behaupten musste, war Brüssel nach 1945 prädestiniert dazu, zum Zentrum des europäischen Einigungsprozesses zu werden.

Eberhard Straub01.04.2019

Brüssel gehörte einmal zu den schönsten und elegantesten Städten in Europa. Obschon es dort immer noch ehrwürdige Kirchen und vornehme Häuser gibt, beachtliche Ensembles von Straßen und Plätzen, steht es nicht mehr im Rufe, ein Ort urbaner Verheißungen zu sein. Die Bürobauten der EU und der NATO vermitteln mit ihrer Banalität ein Bild erstarrten Lebens, ins Monumentale gesteigert, um von ihrer architektonischen Nichtigkeit abzulenken. Sie künden von der mechanisierten Versteinerung, die Max Weber für die Zukunft erwartete, wenn „Fachmenschen ohne Geist und Genussmenschen ohne Herz“ das Übergewicht erlangen, und sich einbilden, „eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben.“ Diese Festungen aus abweisendem Glas und einschüchterndem Beton verdeutlichen mit fast gewalttätigem Kraftaufwand, dass die Europäische Union sich in jüngster Zeit allein mit ihrem prallen Dasein rechtfertigt. Doch widerspricht diese monotone Gegenwart dem Geist der Stadt Brüssel und der Lebenskraft eines vielgestaltigen Europas, die sich beide im Laufe der Jahrhunderte in mannigfachen Metamorphosen entwickelten.
„Es ist Europa der Welt herrliches Antlitz: stolz in Spanien, schön in England, anmutig in Frankreich, klug in Italien, frisch in Deutschland, kraus in Schweden, sanftmütig in Polen, liebreizend in Griechenland und düster in Moskowien“. So beschrieb der Spanier Baltasar Gracián 1651 in seinem Roman „El criticón“ die Einheit in Vielfalt des erstaunlichen Europas, das in den Nationen sein Wesen mit einem jeweils anderen Gesicht zeigt und damit Nuancen seiner immer beweglichen Lebenslust. Belgien mit seiner Hauptstadt Brüssel gehörte damals zur Monarchie der spanischen Casa Austria und war zugleich ein Teil des Römischen Reiches, dessen Kaiser gewohnheitsmäßig aus dem Haus Österreich stammten. Belgien war also eingebunden in weite Zusammenhänge; die beiden Machtblöcke, die durch das Haus Österreich von Kaiser Karl V. miteinander verschränkt worden waren, nahmen die Idee eines einigen Europas schon vorweg. Italien und Belgien waren die Säulen, auf denen das spanische Reich in Europa ruhte.
Die Spanier, klug gemacht durch die Rebellion der nördlichen und protestantischen Niederlande, respektierten trotz gelegentlich heftiger Reibereien die Freiheiten und Rechte der Belgier genauso wie die Kaiser, die nach dem Aussterben der spanischen Linie ihres Hauses Belgien seit 1713 mit der österreichischen Monarchie vereinigten. Der Partikularismus oder Nationalismus war nie ein Gegensatz zum Universalismus, der Zusammenschlüsse mehrerer Staaten in einem Reich oder einer „Monarchie“. Seit Karl dem Großen waren Völker in ihrer Eigenart, mit ihren besonderen Rechten, Gewohnheiten, Sprachen und Sitten geschützt von einem Oberherrn – zuerst dem Römischen Kaiser –, der sie in einer größeren Ordnung aufeinander bezog, deren Würde darin bestand, Eintracht zu stiften. Einigkeit, nicht Einheit. Das konnte später auch der spanische König sein, der französische, oder im Norden der schwedische, der seinen Nachbarn versprach, deren Interessen besser wahrnehmen zu können als andere Herrscher.

Überlieferte Vielfalt
Dem Pluriversum partikularer Autonomien entsprach ein Pluriversum konkurrierender Reichs- und Ordnungsideen, mit ihren Verheißungen einer besonderen Friedensordnung, die durchaus dem Vorteil der Christenheit, des Abendlandes und später eben Europas gelten sollten. Die Teile und das Ganze, das mehr ist als die Summe aller Teile, standen in lebhaftem Austausch. Belgien am Rande des Heiligen Reiches gelegen, unterhielt immer mit den anderen Randgebieten gute Beziehungen, also mit Lothringen, der Freigrafschaft Burgund bis hinunter zu Savoyen und Piemont und hinüber nach Mailand. Locker gefügt wie alle Ordnungen im alten Europa boten solche Verknüpfungen alle möglichen Gelegenheiten, sich etwa mit dem König von Frankreich oder Gegnern des Kaisers im Reich zu verständigen, wenn solche Kombinationen dem regionalen Ehrgeiz nützlich sein konnten.
Dies Europa der Sonderformen, die gleichwohl, um überleben zu können, auf umfassendere Gemeinschaften angewiesen waren, befand sich in dauernder Bewegung, wie das individuelle Leben der unerschöpflichen Einzelnen, das sich im Kleinen in freien und überraschenden Lebensbezügen entwickelte. Goethe schätzte die schwer zu bändigende Lust der Deutschen, an ihrem jeweils beschränkten Dasein unbedingt festzuhalten, um nicht unter beengende Vormundschaft zu geraten. Ihm gefiel die Fülle der Residenzen und regionaler Mittelpunkte im Reich als Ausdruck von Lebensfülle. Das Lebensgewebe der Staatenwelt bestätigte ihm im Großen Erfahrungen, die jedem aus seinem Alltag vertraut sind: „Das Gewebe unseres Lebens und Wirkens bildet sich aus gar verschiedenen Fäden, indem sich Notwendiges und Zufälliges, Willkürliches und Rein-Gewolltes, jedes von der verschiedensten Art und oft nicht zu unterscheiden, durcheinander schränkt“.
Die kleine und die große Welt durchdrangen einander und kamen sich überhaupt nicht lebensfremd vor. Sie brauchten gar nicht umständlich von Transparenz zu reden, weil trotz der Geheimdiplomatie die vielfachen Energien immer auf öffentlichen Schauplätzen – vom Salon bis zum Schlachtfeld – aufeinander stießen und sich dort bündelten. Öffentlichkeit musste nicht von Öffentlichkeitsarbeitern hergestellt werden, sie war so selbstverständlich, wie ein Baum grün ist. Als Europäer verstanden sich alle, die dauernd unterwegs waren: die Aristokraten der Geburt und des Geistes, Künstler, Fernhändler oder Abenteurer, die das Wagnis suchten und sich nicht am wärmenden Ofen verhocken wollten. Insofern konnten sich gerade im kleinteiligen, etwas unübersichtlichen Raum städtischer und gräflicher Selbstbestimmung, vieler freier Genossenschaften und bei der Andacht auch vor dem unscheinbarsten Eigentum wahre Europäer bilden, weil wie in Brüssel auf vielfache Weise mit den wichtigen Städten im engeren oder weiten Europa verbunden.

Ein idealer europäischer Ort
Es sei hier nur an einen der größten Maler erinnert, an den Flamen Peter Paul Rubens, ein Künstler, der in Rom, Madrid und London zu Hause war, ein Humanist, der Latein wie Italienisch mühelos sprach und schrieb, und der als gründlicher Kenner klassischer Historiker wie Livius und Tacitus – ein politischer Kopf im Verständnis damaliger Zeiten – auch für diplomatische Aufgaben vom spanischen König 1629 eingesetzt werden konnte, um zum Wohle Europas und auch Belgiens eine spanisch-englische Annäherung vorzubereiten. Der europäische Geist gerade in einer kleineren Residenz, die sich im Einverständnis mit einer großen Macht befand, aber auch an ihren begrenzten Interessen beharrlich festhielt und deshalb auf eine gewisse Beweglichkeit und Unabhängigkeit achtete, empfahl Brüssel nach den Katastrophen im 20. Jahrhundert als idealen europäischen Ort. Die großen Europäer, die nach 1945 danach strebten, Fundamente für eine Rekonstruktion des in zwei totalen Kriegen zerstörten Europa zu sichern und einen geistigen, aus der Geschichte gewonnenen Begriff Europas wiederzugewinnen, kamen ja selber aus „kleinen Verhältnissen“, ohne sich selbstgenügsam in ihr Schneckenhaus zurückzuziehen.
Alcide de Gasperi, nach 1945 italienischer Ministerpräsident, saß bis 1918 als kaisertreuer Abgeordneter im Wiener Reichsrat; Robert Schuman, später französischer Minister und Ministerpräsident, war bis 1918 ein loyaler deutscher Elsässer; Konrad Adenauer war ein Kölner Patriot, aber als solcher immer neugierig auf die europäischen Entwicklungen in Kunst, Wissenschaft und Technik. Alle drei kamen aus der „Welt von Gestern“ vor dem Ersten Weltkrieg, als Europa den Europäern noch nicht fragwürdig geworden war. Charles de Gaulle, aus Lothringen stammend, dem deutsch-französischen Grenzland und Gebiet dauernder Begegnung, sprach Deutsch und kannte deutsche Literatur und Geschichte. Das Latein und die römische Kirche verwiesen ihn ohnehin ebenso auf Europa wie die anderen drei Staatsmänner und den Belgier Paul Henri Spaak, der die Römischen Verträge von 1957 vorbereitet hatte. Bewusst wählten damals die Europäer Rom als symbolischen Ort. Denn mit dem Römischen Reich und der römischen Kirche waren alle universalen Absichten verbunden, die sich die Europäer in mannigfachen, nationalen Variationen entworfen hatten.
Brüssel lag auf altrömischem Boden, es gehörte zum Fränkischen Reich Karls des Großen, zum mittelalterlichen, großen Lothringen, zu Burgund, das zwischen Frankreich und dem Reich zeitweise eine eigene Welt bildete, zwischen beiden vermittelnd und über das Haus Österreich dennoch in dessen Gegensatz zu Frankreich hineingezogen wurde. Belgien bewahrte sich seine Freiheiten im Heiligen Römischen Reich, es wurde von den Großmächten nach dem gewaltsamen Anschluss an das revolutionäre Frankreich 1815 mit den Niederlanden vereint, von denen es sich 1830 wieder löste. Die Erinnerungen an die hergebrachte Selbständigkeit verlangten ihr Recht. Als spanische und österreichische Niederlande blieben weite raumübergreifende Traditionen lebendig. 1839 für neutral erklärt, sollte das Königreich der Belgier eine besondere Funktion im Konzert der europäischen Mächte erfüllen, nämlich um den allgemeinen Frieden vor grundsätzlichen Erschütterungen zu bewahren in Übereinstimmung mit England und Preußen Frankreich davon abzuhalten, sich Belgien abermals unterzuordnen.

Partikularismus und Universalismus
In diesem Sinne fassten nach den Katastrophen die alten Europäer, die an ein neues Europa dachten, Belgien als ein ideales europäisches Land auf, im 19. Jahrhundert zumal von einem großherzigen Liberalismus geprägt, der keinen Kulturkampf mit der katholischen Kirche geführt hatte. So konnten christliche Demokraten, wie sie sich nach 1945 in Europa zusammenfanden, gerade in Belgien ein Modell für ihre erhoffte Symbiose von Partikularismus und Universalismus, von Eigenart und Versöhnung alles Besonderen im gemeinsamen Europa würdigen. Niemand dachte bei der Gründung der EWG 1957 an eine Gleichheit der Lebensverhältnisse, der Rechtsgewohnheiten, des Denkens und des Fühlens, an eine totale Wertegemeinschaft total Gleicher.
Das beziehungsreiche Brüssel glich dem Wechselspiel der Atome in der Großplastik des Atomiums, während der Weltausstellung von 1958 errichtet. Diese Stadt konnte damals als Unterpfand der Freiheit vieler Eigenwilligkeiten mit ihrem élan vital gelten, also einer nie versiegenden Lebenslust, in der sich die europäische Freude am Anderen äußerte. Von dieser Begeisterung ist nichts mehr übrig geblieben. Heute ist die Stadt zum Symbol einer antihistorischen und antieuropäischen Homogenisierung der Verschiedenheiten geworden, die in jeder Abweichung von der Norm, die nun in Brüssel festgelegt wird, ein abweichendes Verhalten missbilligt, das dringend korrigiert werden muss. Eine Besinnung auf das historische Brüssel der Eigenheiten in wechselnden europäischen Gemeinschaften ist nicht „europafeindlich“. Im Gegenteil: Sie verhilft den Europäern dazu, nicht jeweilige Normierungsschwächen beflissen zu überwinden, sondern sich als wahrer Europäer zu verstehen, gerade weil alle sich unterscheiden und im Anderssein des Nächsten eine ungemeine Verwandtschaft ahnen.

Eberhard Straub
Dr. Eberhard Straub ist Historiker und Publizist. Zu seinen Büchern gehören unter anderem „Kaiser Wilhelm II. in der Politik seiner Zeit. Die Erfindung des Reiches aus dem Geist der Moderne“ (2008, Landt Verlag) und „Der Wiener Kongress. Das große Fest und die Neuordnung Europas“ (Klett-Cotta 2014). Zuletzt erschien „Das Drama der Stadt: Die Krise der urbanen Lebensformen“ (Nicolai Verlag, 2015). eberhard-straub.de