15.05.2015

Vom Sinn und Wert der Bildung 

Abschied von einem Menschenbild

Eberhard Straub

Wie das klassische Bildungsideal auf dem modernen Markt der Möglichkeiten geopfert wurde

Der Mensch eignet sich sein allseitiges Wesen in einer allseitigen Weise an, also als ein totaler Mensch“. Das meinte Karl Marx durchaus polemisch. Denn gerade unter aufgeklärten Literaten machte sich seit dem späten 18. Jahrhundert immer entschiedener die Tendenz bemerkbar, Bildung vorzugsweise als berufsbezogene Ausbildung zu verstehen. Deshalb sollten Studenten mit den Kenntnissen versorgt werden, auf denen der gesellschaftliche Wohlstand und die bürgerliche Glückseligkeit beruhten. Beamte und Minister dachten dabei wie heute vor allem an „Policierung“, an brauchbare Fertigkeiten und soziale Kompetenzen. Gegen solche banausischen Vorstellungen protestierten damals idealistische Philosophen, klassizistische und romantische Dichter, Maler, Musiker und vor allem Bürger mit schlechten Gewissen, es nie zum Menschen zu bringen, wenn sie nur der Ausdruck ihres Geschäftes oder Berufes bleiben. „Ewig nur an ein einzelnes kleines Bruchstück des Ganzen gefesselt, bildet sich der Mensch selbst nur als Bruchstück aus, ewig nur das eintönige Geräusch des Rades, das er umtreibt im Ohr, entwickelt er nie die Harmonie seines Wesens“, wie Friedrich von Schiller bemerkte. Solche Mühseligen und Beladenen werden sich selbst und der Welt entfremdet zum  „Schlachtopfer des Fleißes“.

Vom freien Menschen zum Brotarbeiter

Karl Marx hoffte mit seiner Kritik am Bürgertum und der unkontrollierten Geldwirtschaft in Schillers Tradition auf einen künftigen freien Menschen, auf eine Kultur, die einen humanisierten, nicht mehr entfremdeten, sondern  sich seiner selbst bewussten Menschen voraussetzt in einer ganz neuen Lebensfreude. Im Gegensatz zu der Vermutung praktischer Gesellschaftspolitiker bis heute, der Mensch dränge danach, endlich in den Produktionsprozess eingegliedert zu werden, beharrte der Philosoph und Kritiker einer utilitaristischen Soziologie darauf, dass der Mensch im Vollbesitz seiner Kräfte nach Glück strebe, das gerade darin bestehe, Einseitigkeit zu vermeiden und sein Ich als ein Vieles zu erproben. Denn der Mensch ist nicht nur ein homo sapiens, der verständig Kenntnisse verwertet, und ein homo faber, der methodisch geschult Dinge oder Waren „fabriziert“. Er ist vor allem auch ein homo ludens, der erst im Spiel seine vollständige Freiheit erlebt, und zwar als homo ridens, als froher Mensch, erfüllt von der Lebensfreude, die es ihm erlaubt, in dieser einst fremden, unwirtlichen Welt heimisch zu werden, in ihr zu wohnen.

Das sind heute recht ungewöhnliche Gedanken, obschon dauernd von Freiheit, Selbstbestimmung und Glück geredet wird, aber immer im Zusammenhang mit Erfolg und Karriere, Wettbewerb, Tempo und Dynamik. Von einem Menschenbild ist schon lange nicht mehr die Rede, höchstens von Chancen, Fortbildung, Umschulung, die den ununterbrochenen Aufstieg versprechen oder vor materiellem Abstieg bewahren. Der einzige Maßstab  ist die Mühe, und wer hart gearbeitet hat, erwartet angemessenen Lohn durch Beförderung, Gehaltserhöhung, Ehrenstellen und anderen Versorgungen oder Gratifikationen. Selbst Professoren fürchten, umsonst geforscht zu haben, wenn Wahrheit nicht zu Geld,  Zeitungslob und Politikberatung führt, wie ein philosophischer Kopf, Friedrich von Schiller, über seine Kollegen, die Brotgelehrten spottete. Wir leben mittlerweile in einer Gesellschaft, in der alle Brotarbeiter sind, also Berufsmenschen, für die sich jede Tätigkeit „rechnen“ und etwas „bringen“ muss. Diese Gesellschaft nennt sich weiterhin bürgerlich. Dabei gibt es gar kein Bürgertum mehr oder verstreute Bürger und Staatsbürger. Es gibt nur noch „Menschen“.

Abkehr von den Idealen des Bürgertums

Sobald es aber nur noch Menschen gibt, verliert der Mensch das, was ihn auszeichnet, seine Besonderheit und Eigenart, seine proprietas. Denn jeder Mensch als eine Versammlung mannigfaltiger Kräfte und Wünsche ist unverwechselbar und unerschöpflich, ein Pluriversum oder Mikrokosmos. Das versichert den Menschen auf der gesamten Welt die Kirche. Darauf beruhte die bürgerliche Bildungsidee, an der auch der Antibürger Karl Marx festhielt, um sie zu verallgemeinern und mit ihrer Hilfe alle Individuen zu Menschen zu bilden. Sein Ziel war nicht die eine Welt mit einem überall gleichen Menschen, sondern vielmehr die Einigkeit in der Fülle unendlicher Sonderformen, die alle zusammen den unerschöpflichen Menschen repräsentieren. Alle Menschen zusammen bilden „den Menschen“,  wie Goethe gelehrt hatte. Die bürgerliche Bildungsidee sprach viel vom Menschen, verwechselte ihn aber mit dem Bürger.

„Der Mensch“ war für sie eine zoologische Gegebenheit. Der Diamant muss geschliffen werden, damit er strahlt und funkelt. Aus dem rohen Material muss über Erziehung und Übung nach und nach ein vielseitig glänzender Mensch gewonnen werden. Die unvermeidlichen inneren Spannungen und Widersprüche des Menschen – die Trennung der Geschlechter, geistiger und körperlicher Begehrlichkeiten oder der privaten Bedürfnisse und öffentlicher Ansprüche – wurden nicht aufgehoben, doch gemildert und sozial verträglich gemacht.

Das Bildungsideal – institutionell veranschaulicht durch Gymnasium und Universität – schuf einen Lebensstil, in dem neben einer großherzigen Vernunft die Phantasie, die eigenwilligen, die irrationalen Kräfte, vor allem die Musik, als öffentliche Mächte anerkannt wurden. Die Einheit des vereinzelten bürgerlichen Privatmannes und „Menschen“ mit der gar nicht so übersichtlichen Gesellschaft vieler bürgerlicher und unbürgerlicher Privatiers und Particuliers ließ sich oft genug wieder erneuern, so gefährdet sie stets war. Auch Karl Marx zweifelte ja nicht an der Versöhnung der vorläufigen Unversöhnlichkeiten von Kapital und Arbeit, Bürger und allgemeiner Freiheit, von Verstand und Einbildungskraft.

Die totale Freiheit

Die neoliberalen gesellschaftlichen „Zukunftsgestalter“ der Gegenwart werben inständig für Handelsfreiheit, die alle anderen Freiheiten im Gepäck habe. Wer handelt, der verhandelt, der tauscht aus, verwirft Unverkäufliches, Überholtes, vertraut auf die neuen Angebote, die den Markt beleben, auch den Markt der Möglichkeiten im weiten Reich der Wissenschaften und Ideen. Eine Bildungsidee erübrigt sich, wenn Angebot und Nachfrage die ausschlaggebenden Mächte werden. Konsequent wirbt eine Drogeriekette mit Erinnerungen an Goethe in einem ganz neuen Geist: Hier bin ich Mensch, hier kauf‘ ich ein. Der Mensch ist in einer durch und durch ökonomisierten Gesellschaft Käufer oder Verkäufer, er muss seinen Marktwert kennen, um selber wertvoll zu werden. Die Universität als Bildungseinrichtung darf nicht am Markt vorbei „Humankapital“ verschwenden. Sie muss gesellschaftsrelevant darum bemüht sein, Studierende auf den (Arbeits-)Markt vorzubereiten. Diese Aufgabe erfüllt sie inzwischen bravourös.

Studenten werden präpariert, sie kommen als politisch korrektes und brauchbares Produkt auf den Markt. Die Universität ist ein Unternehmen für verschiedene Sozialleistungen geworden. Wahrheit und Wissenschaftlichkeit erübrigen sich. Das ist Schnee von gestern, bildungsbürgerlicher Unrat. Karl Marx fürchtete eine solche Entwicklung. Seiner realen Individualität beraubt, wird der Einzelne als Konkurrent auf dem Markt  – von der Kita bis zur Promotion – angefüllt „mit unwirklichen Allgemeinheiten“, die es ihm erlauben, ein effizienter Zeitgenosse zu sein. Diese unwirklichen Allgemeinheiten haben die mannigfachsten, durchsetzungsfähigsten Vermittler in marktorientierter Literatur und Politik. Universitäten begreifen sich längst als deren Lautverstärker.

Aber das muss nicht so bleiben. Ideen behalten ihre Kraft, auch wenn sie gescheitert sind. Schließlich kann der gemeinsame Markt der EU ebenso auseinanderfallen wie der klassische Bildungshumanismus und damit drastisch veranschaulichen, dass der Markt nicht von allen Übeln erlöst, sondern auch neue Übel schafft. Dann kommt die Gelegenheit für den homo ludens und homo ridens, für Phantasie und unpraktische Bildung.

Erschienen in Rotary Magazin 5/2015

Eberhard Straub
Dr. Eberhard Straub ist Historiker und Publizist. Zu seinen Büchern gehören unter anderem „Eine kleine Geschichte Preußens“ (2001, Siedler), „Kaiser Wilhelm II. in der Politik seiner Zeit. Die Erfindung des Reiches aus dem Geist der Moderne“ (2008, Landt Verlag).Zuletzt erschien „Der Wiener Kongress. Das große Fest und die Neuordnung Europas“ (Klett Cotta 2014). www.eberhard-straub.de

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