01.06.2016

Krieg zwischen Österreich und Preußen 

Unter Brüdern

Eberhard Straub

Vor 150 Jahren entschied sich im Deutschen Krieg zwischen Österreich und Preußen der Kampf um die Hegemonie in Mitteleuropa. Die Folgen dieser
Weichenstellung sind bis heute zu spüren

„Preußen und Österreich sind zu große Staaten, um sich durch den Wortlaut der Verträge binden lassen zu können, sie können sich nur durch ihre Interessen und Konvenienzen leiten lassen. Treten Verträge diesen entgegen, so müssen sie eben brechen!“ Das gab Otto von Bismarck im Januar 1866 dem österreichischen Gesandten in St. Petersburg, Graf Friedrich von Thun, ganz unverblümt bei dessen Durchreise in Berlin zu verstehen. Sein politisches Ideal sei, wie er beteuerte, die wahre Einigung zwischen Österreich und Preußen. Einen völligen Bruch und Krieg würde er aufrichtig und innigst bedauern, aber ihm auf keinen Fall ausweichen, wenn sich Einigkeit leider nicht erreichen lasse. Da es trotz mannigfacher und ernster Bemühungen auf beiden Seiten zu keinem Ausgleich der wechselseitigen Interessen kam, war der Krieg im Juni 1866 unvermeidlich geworden. Es ging keineswegs um die deutsche Einheit und einen möglichen Nationalstaat. Es ging um die Vorherrschaft Preußens in Norddeutschland und Österreichs Anspruch, weiterhin unter den deutschen Staaten die führende Macht zu bleiben.

Der letzte Kabinettskrieg
Die Mehrheit der deutschen Fürsten nahm Partei für den Kaiser. Er war auf Grund der Geschichte gleichsam der Ehrenpräsident ihres sehr vornehmen Clubs. Der Krieg war und blieb den Fürsten peinlich und den deutschen Patrioten ärgerlich. Sie stilisierten ihn aufgeregt zum Bruderkrieg. Freilich unternahmen die deutschen Staaten, von Sachsen abgesehen, keine großen militärischen Anstrengungen, um Preußen zu besiegen und dem Kaiser von Österreich dabei zu helfen, mächtiger Anführer in ihrem deutschen Bund zu bleiben. Denn sie misstrauten ihm ebenfalls, sobald Machtinteressen ins Spiel kamen, eifersüchtig auf ihre partikulären Rechte bedacht. Zwar gab es einige deutsch-patriotische Aufwallungen im zeitunglesenden Publikum, doch die öffentliche Meinung gewann keine sonderliche Bedeutung, weil selber zu diffus und vermischt mit dem Sonderbewusstsein der einzelnen Staaten, das auf die Nachbarn wenig anziehend wirkte. Der Bruderkrieg blieb ein herkömmlicher, ein letzter Kabinettskrieg, in dem die klassische Staatsräson den Ausschlag gab, unberührt von Leidenschaften oder schwärmerischen Gefühlen.

Deswegen konnte der Krieg schon am 26. Juli 1866 mit dem Vorfrieden von Nikolsburg beendet werden. Zwei Monarchen und deren Minister wie Generale blieben unter sich und verständigten sich kavaliersmäßig auf eine deutsche Revolution. Selbst eine lockere Vereinigung wie der Deutsche Bund, 1814 auf dem Wiener Kongress verabredet, war mit der Niederlage Österreichs – symbolisiert durch die Schlacht bei Königgrätz – endgültig aufgehoben. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte hielt keine verfassungsrechtliche Institution die deutschen Staaten zusammen. Die seit fünf Jahrhunderten dominierende Habsburgermonarchie schied aus Deutschland aus und musste darauf verzichten, sich jemals wieder in mögliche Versuche, eine neue deutsche Gemeinschaft zu
bilden, einzumischen.

Konkurrenten zu Bündnispartnern
Von einer solchen hatte der Sieger vorerst noch gar keine Vorstellung, gleichwohl wollte er sie für die fernere Zukunft nicht ausschließen. „Für deutsche Nationalität habe ich gar keinen Sinn“, hatte Bismarck vor dem Krieg beteuert, der nicht „vom nationalen Hund gebissen“ war und nichts so fürchtete wie den „Nationalitätsschwindel“ und dessen Folgen. Wenn es dann doch schon 1870/71 zu einem deutschen Nationalstaat kam, dann nicht, weil Wilhelm I. und Bismarck beharrlich einem Plan der nationalen Einigung folgten, sondern weil beide mit überraschenden Improvisationen die wechselnden Konstellationen unter den europäischen Mächten ausnützten. Wilhelm I. war stets vorsichtig und Bismarcks Wahlspruch lautete: „Fert unda, nec regitur“ (Die Welle trägt, aber kann nicht beherrscht werden).

Weder die Gründung des Norddeutschen Bundes 1866 noch die Ausrufung des Deutschen Reiches 1871 konnten freilich das politische Ideal Wilhelms I und Bismarcks dauerhaft erschüttern: eine enge Übereinstimmung mit Österreich. Gemeint war eine Form von Einigkeit, die auf staatlich-politische Einheit gar nicht angewiesen war. Sie wurde im Dreikaiserbündnis 1872 vorbereitet und fand ihren Abschluss 1879 mit dem Deutsch-Österreichischen Abkommen, einem Bündnis, das Bismarck gerne in der Verfassung verankert hätte. Das widersprach jedoch den Vorstellungen der beiden Kaiser. Das Bündnis hielt bis 1918, bis zum Ende der beiden Monarchien. Österreich – oder seit 1867 Österreich-Ungarn –schickte sich nach einigem Zögern in das Ausscheiden aus Deutschland. Als enger Verbündeter konnte es jedoch weiter auf die deutschen Verhältnisse einen zuweilen erheblichen Einfluss behalten. Kaiser Franz Joseph blieb, was er war: ein deutscher Fürst. Und aufgrund seines Alters wurde er nach dem Tode Wilhelms I. gleichsam zum Ehrenpräsidenten der deutschen Fürstenfamilien, die ihn gemeinsam 1909 zum sechzigjährigen Regierungsjubiläum als ihren Doyen ehrten. Insofern hatte sich gar nicht so viel geändert.

Das neue deutsch-österreichische Verhältnis entsprach den Vorstellungen, die während der Revolution von 1848/49 entwickelt worden waren: ein Nationalstaat gruppiert um Preußen, und ein weiterer Bund mit Österreich als dauerndem Verbündeten. Das setzte voraus, dass die Deutschen darauf verzichteten, um die Deutschen in Österreich zu werben. Diese sollten Österreicher werden und sich gerade nicht als unerlöste Auslandsdeutsche betrachten. Auch als Österreicher konnten sie weiterhin teilhaben an der Kulturnation, zu der sie ja gehörten. Ja, die Weite der k.u.k.-Monarchie gab den „Reichsdeutschen“ ein Hinterland und bewahrte sie vor provinzieller Verengung. Der Austausch zwischen Berlin, Prag, Wien, Budapest und den vielen anderen regionalen Mittelpunkten intensivierte sich. Ein großräumiges Mitteleuropa fand zu einer sehr vielfarbigen und – trotz aller Nationalitäten – gemeinsamen Kultur. Es waren nicht so sehr die Staaten, es waren die Städte, die im lebhaften Austausch miteinander standen und eine Idee von der Einigkeit in Europa entwickelten, gar nicht unähnlich einer deutsch-österreichischen Verbindung, die viele Sonderformen zuließ und nicht nach gleichen Lebensverhältnissen oder ähnlichen Weltbildern strebten.

Die Furcht der Deutschen in Österreich, ohne die Zugehörigkeit zu Deutschland allmählich auf provinzielle Sonderwege zu geraten, erwies sich als unbegründet. Die Franzisko-Josephinische Epoche gehört zu den glänzendsten Zeitaltern in der Geschichte Europas. Wie einst die Römer versorgten die kaiserlichen und königlichen Beamten die Städte der Monarchie mit dem, was ihres Erachtens nach eine Stadt dringend brauchte, um urban zu wirken wie ein Wien en miniature und den Bürgern zur liebenswürdigen Urbanität zu verhelfen. Der Nationalismus, den die Deutschen mit ihrer nationalen Revolution 1848 in Mitteleuropa erregt hatten, konnte über diese Urbanität als Lebensformen zuweilen gemildert und entschärft werden.

Die Lebenskultur der Österreicher und insbesondere der Wiener betrachteten auch die Norddeutschen wie eh und je als vorbildlich. Die Deutschen vermischten sich viel inniger als früher mit dem gesamten Mitteleuropa. Die Niederlage von 1866 bestätigte ihnen, wie sehr sie auf Österreich angewiesen waren. Beide Länder hingen wie siamesische Zwillinge aneinander, auch wenn sie miteinander haderten. Daran änderte sich auch nach 1918 nichts, nach der gemeinsamen Niederlage. Das Deutsche Reich sollte nun für Rumpf-Österreich die Rettung sein, das aus Verzweiflung stürmisch „heim ins Reich“ verlangte. Daran dachten vor allem die Sozialisten, in Anhänglichkeit an Kant, Hegel, Marx und die deutsche Aufklärung. Katholiken, Kaisertreue, Antipreußen versuchten im christlichen Ständestand ab 1933 das wahre, heilige Österreich zu schaffen und mit ihm ein Modell des zu erneuernden Deutschland, dessen großes Erbe die Nationalsozialisten gerade verrieten und missbrauchten.

Republikanische Nachbarn
Der Nationalismus mit seinen Unersättlichkeiten führte Deutschland und Mitteleuropa in die Katastrophe. Die Bundesrepublik Deutschland und die Bundesrepublik Österreich leben seit 1945 in herzlicher, manchmal gespannter Nachbarschaft nebeneinander her, es sind aber keine besonderen Beziehungen mehr. Die gemeinsame Geschichte wandelte sich nach und nach zur subtilen Heimatkunde als Landesgeschichte, die sich bewusst von weiteren Zusammenhängen und übergreifenden Gemeinsamkeiten löst, weil sie nur irritieren und belästigen. Deutschland ist nun endgültig Provinz geworden, wirtschaftlich mächtig und weltverbunden, doch ohne Erinnerung daran, einmal Teil eines erstaunlichen Kulturraumes gewesen zu sein. Jetzt erst trennten sich die Wege Österreichs und Deutschlands. Mitteleuropa ist den Deutschen vollständig entschwunden. Sie wollen deshalb nur noch Westeuropäer sein; etwas, was sie nie waren.

Erschienen in Rotary Magazin 6/2016

Eberhard Straub
Dr. Eberhard Straub ist Historiker und Publizist. Zu seinen Büchern gehören unter anderem „Eine kleine Geschichte Preußens“ (2001, Siedler), „Kaiser Wilhelm II. in der Politik seiner Zeit. Die Erfindung des Reiches aus dem Geist der Moderne“ (2008, Landt Verlag).Zuletzt erschien „Der Wiener Kongress. Das große Fest und die Neuordnung Europas“ (Klett Cotta 2014). www.eberhard-straub.de

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