Abdruck aus dem Buch » Die Flakhelfer « - Die Engagierten

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14.05.2013

Abdruck aus dem Buch » Die Flakhelfer «

Die Engagierten

Malte Herwig

Wäre die Erinnerung ein Konzert – so könnte es klingen, das Jüngste Gericht über die deutsche Vergangenheit: „Ein In- und Aufeinander von Schreckensgetön aus der Kindheit, Erinnerungen an Marschlieder und Hymnen, Gassenhauer und Gemeinheiten, Suff. Blitzlichtklänge aus dem Riefenstahl’schen Nazi-Nürnberg beleidigen uns, den Fanfarenzügen entfährt grelle Ignoranz, das doofe Dur der Angepassten und Mitlaufenden.“ Mit seinem 1993 uraufgeführten Requiem wollte der Komponist Hans Werner Henze ein Zeichen gegen das „doofe Dur der Angepassten“ setzen. Er selbst hatte sich in seinen Memoiren als Gegner des NS-Regimes dargestellt, dem er als 18-jähriger Wehrmachtssoldat gedient hatte. 2009 entdeckte ich bei Recherchen im Bundesarchiv, dass die Wahrheit nicht ganz so einfach war: Der Mann, der nach 1945 als Modernisierer zum Übervater der Neuen Musik wurde, war noch 1944 in die NSDAP eingetreten. Die Entdeckung seiner Mitgliedskarte sorgte für Furore, aber Henze wiegelte ab. Es müsse sich um eine „Finte“ der Nazis handeln, eine Fälschung. Er sei ohne eigenes Wissen als „Geburtstagsgeschenk der Gauleitung“ an Hitler in die Partei aufgenommen worden, behauptete Henze. Viele deutsche Medien übernahmen diese Schutzbehauptung unkritisch, ignorierten die Karteikarte oder verwarfen seine NSDAP-Mitgliedschaft als „unbewiesene Behauptung“. Als der berühmte Komponist 2012 verstarb, beschränkten sich die Nachrufe auf die Wiedergabe seiner offiziellen Biografie. Schließlich galt Henze längst als „eine jeder Kritik enthobene künstlerische Autorität“. Dass ausgerechnet er, der sich immer kritisch mit den Gräueln der NS-Zeit auseinandergesetzt hatte, selbst in Hitlers Partei gewesen sein sollte, passte einfach nichts ins Bild.

WORTFÜHRER DER JUNGEN REPUBLIK

Aber die Erinnerung ist kein Wunschkonzert – zumal in Deutschland. Henze war nicht der einzige Angehörige der sogenannten Flakhelfer-Generation, deren Jugend im „Dritten Reich“ heute in neuem Licht erscheint. Seit 1994 die NSDAP-Mitglieder-kartei von den USA an das Bundesarchiv übergeben wurde, tauchen immer mehr bekannte Namen auf. Es sind Politiker und Künstler, Wissenschaftler und Journalisten, Linksliberale und Konservative. Nur eines haben sie alle gemeinsam: Sie haben ihre Jugend im „Dritten Reich“ verbracht und sind nach dem Krieg zu prominenten Intellektuellen und Wortführern der jungen Bundesrepublik aufgestiegen. Man braucht nur die Namen aufzuzählen, und schon hat man ein politisch-kulturelles Pantheon der deutschen Nachkriegszeit vor Augen: Martin Walser, Dieter Hildebrandt, Siegfried Lenz, Hans-Dietrich Genscher, Horst Ehmke, Erhard Eppler, Hermann Lübbe, Niklas Luhmann, Tankred Dorst, Erich Loest, Peter Boenisch, Wolfgang Iser – eine ganze Generation von Übervätern geriet in den letzten Jahren trotz tadelloser Nachkriegslebensläufe ins Zwielicht, weil sie vor 1945 im Nationalsozialismus mitgemacht hatte. Allerdings: Mit Ausnahme von Eppler wollte sich keiner der noch lebenden Betroffenen erinnern können, jemals einen Aufnahmeantrag unterschrieben zu haben. Die NSDAP – ein Verein von Zufallsmitgliedern? Die Öffentlichkeit war verwirrt, die Betroffenen mauerten und fühlten sich missverstanden.

Doch je mehr Namen auftauchen, desto fragwürdiger werden die Versuche, die Parteimitgliedschaft als zufällig oder unwissentlich darzustellen. Angesichts der „im Ganzen wenig belastbaren Quellen- und Faktenlage“, hoffte die FAZ im Fall Hans Werner Henze, würden die „bösen Geister“ bald wieder in der Versenkung verschwinden. Der Komponist habe es einfach nicht verdient, fand auch die Süddeutsche Zeitung, dass sein lebenslanges künstlerisches und politisches Engagement „wegen einer unbewiesenen Behauptung“ zur Bußübung degradiert werde. Es ist eine neue Schlussstrich-Debatte, mit der hier von einer jüngeren Generation auch nur der leiseste Zweifel an der biografischen Geradlinigkeit ihrer Vorbilder vom Tisch gewischt werden soll. Eine Schwarz-Weiß-Welt, in der es die bösen Nazis gab und die guten Bundesrepublikaner, die mit ihnen aufräumten. Dass auch gebrochene Biografien lehrreich und vorbildlich sein können, passt nicht ins Dogma dieser nachgeborenen Hohepriester bundesdeutscher Vergangenheitsbewältigung. Was sich da auf der großen Bühne der bundesdeutschen Intelligenzia abspielte, setzte sich in ganz normalen deutschen Familien fort: Glaubte man den Erzählungen, dann kam Hitler 1933 so plötzlich über die Deutschen, wie er 1945 wieder verschwand, ohne dass die eigenen Verwandten irgendetwas damit zu tun gehabt hätten. Das „Dritte Reich“, das waren Hitler und Himmler, Goebbels und Göring. Aber Opa war kein Nazi, und dass Oma mit ihren Freundinnen beim BDM den Führer anschmachtete, hat sie im Lichte späterer Erkenntnisse natürlich nie so erzählt. Oder haben wir einfach nicht gut genug hingehört, wir Kinder und Enkel der Flakhelfer – jener heute 85-jährigen letzten Zeitzeugen des „Dritten Reichs“, die in der NS-Diktatur aufwuchsen, mit 17 Jahren in den Krieg geschickt wurden und nach dem Zusammenbruch 1945 die Bundesrepublik mit aufbauten und bis heute prägen? Liegt es vielleicht auch an uns, wenn wir über sechzig Jahre nach Kriegsende immer noch erstaunt sind zu erfahren, wie weit die Verstrickungen im totalitären Herrschaftssystem des „Dritten Reichs“ gingen? Die große öffentliche Aufregung, die die Studien über die institutionelle Beteiligung des Auswärtigen Amts am Holocaust oder die alliierten Abhörprotokolle deutscher Soldaten in Kriegsgefangenschaft auslösten, macht deutlich, wie tief der Graben geworden ist, der die Lebenserfahrungen der letzten Zeitzeugen vom sanktionierten Geschichtsverständnis der heutigen Gesellschaft trennt. Nur so ist auch zu erklären, warum die NSDAP-Mitgliedschaft prominenter Bundesbürger wie Martin Walser oder Hans-Dietrich Genscher nicht nur von den Betroffenen gerne verdrängt wird und solche Enthüllungen immer wieder für Kontroversen sorgen. (…)

SELBSTENTNAZIFIZIERUNG

Sie sind die Repräsentanten der alten Bundesrepublik, mit der sie in die Jahre kamen. Aus den Vaterlosen wurden Überväter, die Sprachlosen schufen eine neue Sprache, die Geschichtslosen machten selbst Geschichte. Durch ihr Engagement trugen diese Flakhelfer dazu bei, dass die Bundesrepublik eine neue historische Identität gewann, deren moralischer Kern im Gedenken an die historische Schuld Deutschlands wurzelte. Dieser Neuanfang allerdings hatte seinen Preis: Um sich dem demokratischen Aufbau der Bundesrepublik widmen zu können, verleugneten und verdrängten viele ehemalige Flakhelfer das sinnfälligste Stigma ihrer eigenen Verstrickung im „Dritten Reich“: die Mitgliedschaft in Hitlers Partei. Sie distanzierten sich nicht nur entschieden vom Nationalsozialismus, sondern entnazifizierten sich selbst auch formal, indem sie ihre NSDAP-Mitgliedschaft bis heute als „phantomatisch“ oder als Geburtstagsgeschenk an Hitler abtun. Es sollte klingen, als ob die Engagierten ohne ihr Wissen in der NSDAP engagiert worden waren.

So wurden Walser, Hildebrandt und Co. zu Experten für deutsche Vergangenheitsbewältigung, sie wurden zum Gewissen der Nation. Dass sich dabei in ihren Reden mitunter auch eine gewisse Rechthaberei bemerkbar machte, wussten sie selbst. Doch auch sie übten sich im Verdrängen gewisser, nicht ganz unbedeutender Details der eigenen Vita im „Dritten Reich“. Damals 18-jährigen kann man kaum einen Vorwurf daraus machen, mehr oder weniger freiwillig Mitglied einer verbrecherischen Organisation wie der SS geworden oder der NSDAP beigetreten zu sein. Es geht denn auch nicht um Schuldzuweisungen, sondern um Verständnis. Es geht darum, die historischen Zeugnisse mit den Erzählungen der Zeitzeugen in Einklang zu bringen. Das eine lässt sich ohne das andere nicht verstehen. Die Erinnerung ist kein Wunschkonzert, das gilt für Überlebende wie Nachgeborene gleichermaßen. Dass die Flakhelfer als vaterlose Generation aufwuchsen, weil ihre Väter entweder tot oder durch ihr Mittun im „Dritten Reich“ kompromittiert waren, macht die Sache nicht leichter. Vielleicht kann erst die Enkelgeneration mit zeitlicher und emotionaler Distanz den Großeltern wieder näher kommen und sie zu verstehen versuchen – was den Kindern nicht möglich war, durch deren Verhältnis zu ihren Eltern ein tiefer Riss ging.

VERSTRICKUNG UND SÜHNE

Die Geschichte der Flakhelfer ist auch die eines großen, für viele peinlichen Geheimnisses. In ihr spiegelt sich die Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik mit ihren vielen Kompromissen, Halbwahrheiten, Zugeständnissen und rituellen Beschwörungen, aber auch dem echten Willen zur Umkehr. (…)

Die staatlich verordneten Gedenktage und -feiern, mit denen des Widerstands gegen Hitler, der deutschen Kriegsverbrechen und des Holocaust gedacht wird, dienen ebenso als Signal moralischer Verantwortung wie die Entschädigungszahlungen an KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter. Doch 65 Jahre nach Kriegsende drohen diese Gesten zu einem kollektiven symbolischen Ablasshandel zu werden, wenn er uns heutige Deutsche davon entbindet, kritische Fragen zu stellen. Denn nicht nur viele Flakhelfer verschwiegen ihre Verstrickung in Hitlers Partei. Auch die Bundesregierung verhinderte durch geschicktes Taktieren jahrzehntelang die Rückgabe der unter amerikanischer Verwaltung stehenden NSDAP-Mitgliederkartei an Deutschland. Tatsächlich wollten die USA die längst ausgewerteten archivalischen Altlasten schon in den 1960er Jahren an den deutschen Bündnispartner zurückgeben. Doch in Bonn fürchtete man, nach einer Rückgabe auf öffentlichen Druck hin die Büchse der Pandora öffnen zu müssen, da dort die Namen zahlreicher führender Politiker Nachkriegsdeutschlands verzeichnet waren. (…) In ihrer wegweisenden Schrift „Die Unfähigkeit zu trauern“ konstatierten Alexander und Margarete Mitscherlich einst die undifferenzierte Sicht auf eigene Taten und fremdes Leid als Ursache eben jener deutschen Unfähigkeit, Opfer und Täter zu betrauern. Noch heute gibt es zwischen Verteufelung und Schuld-Kult kaum Zwischentöne. Dabei gibt es kaum ein lehrreicheres Beispiel für Verstrickung und Sühne als die Flakhelfer-Generation, die sich ihr Leben lang an Erlebnissen ihrer ersten 18 Lebensjahre abgearbeitet hat und dabei in Kunst, Politik und Wissenschaft die Bundesrepublik Deutschland entscheidend geprägt hat. Aus ihren Stimmen entsteht eine Partitur der Erinnerungen, ein deutsches Requiem. Es ist ein Lehrstück über die Verführbarkeit und darüber, was wir heute von den einst Verführten lernen können.

Erschienen in Rotary Magazin 5/2013

Malte Herwig
Dr. Malte Herwig ist Reporter und Autor. Zuletzt erschien „Die Frau, die Nein sagt. Rebellin, Muse, Malerin - Françoise Gilot über ihr Leben mit und ohne Picasso “ (Ankerherz Verlag 2015). Für das Rotary Magazin befragt er regelmäßig Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Gesellschaft.  www.malteherwig.com

Rotary Magazin 9/2016

Rotary Magazin Heft 9/2016

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Die deutsche Sozialdemokratie steckt in der Krise. Der Zuspruch sinkt, die Partei liegt bundesweit bei 20 Prozent. Woran liegt das? Welche Fehler wurden in den letzten Jahren gemacht? Und mit Blick auf…

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