Aktuell
Ein bisschen Frieden
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Die Presidential Peace Conference in Istanbul hat mehr als 1000 Menschen aus 88 Nationen zusammengeführt, Probleme klar benannt und viele Ideen und Ansätze hervorgebracht. Jetzt müssen sie in den Clubs in die Praxis umgesetzt werden.
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Die Presidential Peace Conference in Istanbul war keine Veranstaltung wie jede andere. Wer einmal eine Rotary Convention besucht hat, weiß, welche Kraft und Energie die großen Rotary-Events freisetzen können. Dass das Zusammenbringen von Menschen unterschiedlichster Kulturen und Nationalitäten zu Rotarys größten Stärken gehört, hat die Presidential Peace Conference auf besondere Weise gezeigt. Unter der Leitung von RI-Präsidentin Stephanie Urchick diskutierten mehr als 1000 Rotarier aus 88 Ländern drei Tage lang über den Abbau von Polarisierungen, die Rolle von Technologie und Medien, den Zusammenhang von Friedens- und Umweltfragen und praktische Anleitungen zur Förderung inklusiver, kommunal geführter Friedensbemühungen zur Sicherung der Nachhaltigkeit.
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Nun ist sie Geschichte, die Großveranstaltung am Bosporus, die unter dem Titel "Healing in a Divided World" (Heilung in einer gespaltenen Welt) stand, aber ihr Geist und Hunderte Ideen, die sie hervorgebracht hat, sind in der Welt und müssen jetzt in die Clubs und Kommunen getragen werden. Die Friedenskonferenz wollte ein Forum bieten, um Ideen auszutauschen und Aktionen zur Schaffung eines dauerhaften Friedens in der Welt anregen. Das ist ihr im verschneiten Istanbul gelungen.
Im Rahmen der Veranstaltung wurde auch die Eröffnung des Otto und Fran Walter Rotary Peace Center an der Bahçeşehir University in Istanbul gewürdigt, Rotarys siebtes und neuestes Friedenszentrum und das erste, das sich der Friedensförderung in der Region Naher Osten und Nordafrika widmet. Das Zentrum bietet ein berufliches Weiterbildungszertifikat zum Thema Positiver Frieden an und vermittelt Fachleuten aus der Friedens- und Entwicklungsarbeit praktische Instrumente und Kenntnisse, um friedensfördernde Maßnahmen voranzutreiben und sinnvolle Veränderungen in der Region zu bewirken.
Jedes Jahr vergibt Rotary bis zu 130 voll finanzierte Stipendien an Führungskräfte aus dem Bereich Frieden und Entwicklung, die an den sieben Friedenszentren studieren können. Seit 2002 wurden mehr als 1800 Friedensstipendiaten aus über 140 Ländern ausgebildet und auf Führungsaufgaben in Regierungen, NGOs und internationalen Organisationen vorbereitet.
Eine der Absolventinnen, eine sogenannte Peace Fellow, ist Nahla ElShall aus Ägypten. Im vergangenen Jahr erwarb sie ein Postgraduierten-Diplom in Friedens- und Konflikttransformation am Rotary Peace Center der Makerere University in Kampala, Uganda. Im Interview sprach die junge Frau über ihre Ausbildung am Friedenszentrum in Uganda, über Konfliktanalyse und strukturelle Probleme, die bei der Friedensarbeit – je nach Region auf ganz unterschiedliche Weise – adressiert werden müssen. Heute arbeitet die 32-Jährige im Institut der Vereinten Nationen für Ausbildung und Forschung in Kairo in der Abteilung Frauenförderung. Wichtigster Teil ihrer täglichen Arbeit ist es, heranwachsende Frauen auszubilden und sie zu befähigen, ihre Interessen mit eigener Stimme zu vertreten.
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Die Teilnehmer der Konferenz hatten die Gelegenheit, zwischen unterschiedlichen Breakout-Sessions zu wählen. Eine der spannendsten Sessions war sicher die von Jeries I. Shahin, Experte für Informationssysteme bei der Weltbank und Rotarier in Amman in Jordanien. Er gab Anregungen, wie sich Technologie in der Friedensarbeit einsetzen lässt. So gäbe es KI-gesteuerte Frühwarnsysteme nicht nur für Wetterphänomene, sondern auch für die Vorhersage regionaler Konflikte. Dazu werden diese Systeme mit Daten vergangener Konflikte gefüttert, mit dazugehöriger Literatur, mit Informationen über Geschichte und Kultur einer Region. Auf diese Weise wird die KI immer besser und kann Entscheidungsträgern bei der Entscheidungsfindung helfen. Auf Clubebene, so Shahin, können Rotarierinnen und Rotarier als aktiver Teil der Zivilgesellschaft mithilfe von KI vor allem dazu beitragen, Falschinformationen zu identifizieren, denn Falschinformationen würden sich um ein Vielfaches schneller verbreiten als echte Nachrichten. Und wir könnten unseren Teil dazu beitragen, junge Menschen zu befähigen, echte Nachrichten von Fake News zu unterscheiden. Zuletzt regte er den ethischen Einsatz von KI an und äußerte den Wunsch, dazu einen Leitfaden von Rotary International zu erhalten. Immerhin seien die heutigen Rotary-Mitglieder die erste Generation, die KI zur Friedensarbeit nutzen könne.
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Eine weitere Breakout-Session beschäftigte sich mit der Frage, wie Rotary in einer zunehmend polarisierten Welt zur Friedensbildung beitragen kann. Rebecca Crall, Rotarys Manager des Schwerpunkts Friedensförderung und Konfliktvermeidung, erinnerte daran, dass unterschiedliche Sozialisationen, nationale Identitäten und religiöse Hintergründe zu ganz unterschiedlichen Ansichten derselben Sache führen. Elisabeth Usovicz, Past Rotary International Director (PRID) aus Kansas City, ergänzte, dass Rotary-Mitglieer keine Friedensstifter sein können, wenn sie in den Club zerstritten sind. "Wenn wir glaubwürdig in unseren Gemeinden vorangehen wollen, brauchen wir Mut und den Geist eines guten Gastgebers. In einem guten Restaurant kann man lernen, was Service in Freundschaft bedeutet." Und Vicki Puliz, PRID aus Nevada, stellte die Rolle von Jugendlichen heraus: "Wir müssen Jugendliche schulen, zum Beispiel in RYLA-Seminaren, sie befähigen, Diskussionen zu führen und zu argumentieren." Von zentraler Bedeutung sei der Dialog: "Man kann niemanden hassen, dessen Geschichte man kennt." Rebecca Crall rief alle Rotary Clubs dazu auf, auf lokaler Ebene Gesprächskreise zu organisieren, um auf diese Weise Menschen unterschiedlicher Meinungen zusammenzubringen. Nur so komme man wieder miteinander ins Gespräch.
Das Recht auf Bildung
In einer weiteren bemerkenswerten Breakout Session stellten die Peace Fellows Susan Hartley und Frances Jeffries das 2016 gestartete Projekt "Right to learn" vor, ein Bildungsprojekt für afghanische Frauen. In Kooperation mit der Unesco wurden dort in den vergangenen zehn Jahren Hunderte Frauen ausgebildet, es entstanden Büchereien, Kurse und Klassenräume. Darüber hinaus wurden digitale Lerncenter in Pakistan und in der Türkei eingerichtet, um afghanischen Flüchtlingen dort ihren Abschluss zu ermöglichen. Spannend sei, so Hartley, dass die Teilnehmerinnen zumeist keinen bestimmten Beruf anstrebten, sondern zu ihrer Motivation angaben, das System in Afghanistan zugunsten der Frauen verändern zu wollen. Zum Abschluss rief Hartley: "Bildet man einen Mann aus, trainiert man oft nur ein Individuum. Bildet man aber eine Frau aus, schult man ein ganzes Dorf. Das kann alles verändern!"
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Auch die General Sessions im großen Saal vor 1000 Gästen brachten immer wieder starke Statements und Ideen hervor. Als Beispiel muss Kumi Naidoo genannt werden, der erste Chef von Greenpeace International aus dem Globalen Süden. Der südafrikanische Menschenrechtsaktivist sprach druckvoll und glaubwürdig über die Auswirkungen von Kriegen, Klimakrise, Covid-Pandemie und Finanzkrise auf den Globalen Süden. Er erklärte klimabedingte Fluchtbewegungen und appellierte dann an Rotarys größte Stärke: "Wir sind überall, in fast jeder Ecke der Erde. Wir können also überall anpacken." Finanzielle Hilfe sei dabei nur ein Bereich, viel wichtiger sei es, präventiv dafür zu sorgen, dass lokale Konflikte erst gar nicht entstehen könnten. "Wenn wir wirklich etwas verändern wollen, müssen wir nicht die Köpfe der Menschen erreichen, sondern die Herzen, die Körper und Seelen der Menschen."
Mehr als alle anderen Sprecher erreichte Freddy Mutanguha die Herzen der Zuhörer. Auf zutiefst bewegende Weise schilderte er seine Erinnerungen an den April 1994, als in Ruanda der Völkermord der Hutu an den Tutsi begann. Eines Abends sei seine Mutter zu ihm gekommen, habe ihm sein Essen gebracht und gesagt, dass sie sich vielleicht nie wieder sehen. Falls er die nächsten Tage überlebe, solle er etwas aus sich machen und glücklich werden. Dann hätte sie ihn in den Arm genommen, geküsst und den Raum verlassen. Freddy war damals acht Jahre alt. Er sei völlig verwirrt gewesen, aber einige Tage später hätte er verstanden. Seine Mutter hat er tatsächlich nie wieder gesehen, seinen Vater, seine vier Geschwister und den Rest seiner Familie auch nicht. Er überlebte nur durch einen Zufall.
Als seine Tränen trocken waren, sprach er mit ruhiger Stimme über die Fähigkeit zu vergeben als Grundlage für Frieden. Vor zwei Jahren hat er die Mörder seiner Familie im Gefängnis besucht, Nachbarn, die er damals gut kannte. Er hat mit ihnen gesprochen und ihnen vergeben, damit deren Kinder und seine eigenen Kinder keinen Grund zur Rache haben. Heute hat Freddy Mutanguha seine eigene Familie, ist Präsident des Rotary Clubs Kigali-Montjali und leitet das "Kigali Genocide Memorial", die zentrale Völkermord-Gedenkstätte in Ruandas Hauptstadt.
Gipfel der Länderausschüsse
Am Tag vor der Presidential Peace Conference hatte bereits der Internationale Dienst beim ICC Summit getagt, dem Gipfel der Länderausschüsse. In Anwesenheit von Stephanie Urchick, Mark Maloney und RI-Generalsekretär John Hewko wurde feierlich der neue Länderausschuss Türkei-Albanien-Kosovo gegründet – als weiteres starkes Zeichen dafür, dass Frieden auch dort möglich ist, wo es lange nicht möglich war.
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Gefeiert wurden indes Ulrike (RC Müllheim-Badenweiler) und Thomas Vogt für ihre Initiative "Musik für den Frieden", die es sich seit 2018 zur Aufgabe gemacht hat, Jugendliche aus Deutschland und Russland zum Austausch und gemeinsamen Musizieren zusammenzubringen. Im Herbst 2023 produzierten das russische und deutsche Ensemble gemeinsam den Musikfilm "Romeo und Julia" in der Türkei. Und im vergangenen Jahr gab es in der türkischen Stadt Izmir ein "Internationales Musik-Friedens-Camp" mit zahlreichen Jugendlichen auch aus anderen Ländern. Die Höhepunkte bildeten zwei Konzerte in Cesme und Izmir vor über 1000 Zuschauern.
Diskussionen über Türkei
Im Vorfeld der Konferenz hatte es in Deutschland – und nur in Deutschland – Diskussionen darüber gegeben, ob die Türkei der angemessene Ort für ein Rotary-Friedenszentrum sei. Ein Land, dessen politische Führung es mit demokratischen Prinzipien und Geschlechtergleichheit nicht so genau nimmt, das Krieg gegen die Kurden führt und trotz seiner Nato-Mitgliedschaft immer wieder seine Nähe zu Russland zur Schau stellt. Şafak Alpay, Konferenzvorsitzender und Mitglied des RC Istanbul-Şişli sowie PRID, lobte Istanbul wegen seiner hohen Symbolkraft fürs Brückenbauen zwischen den Kulturen, zwischen Europa und Asien, als perfekten Ort für das siebte Rotary-Friedenszentrum. Frieden sei nicht nur möglich, sondern unsere Pflicht, sagte er. Und Stephanie Urchick blickte besorgt auf die Gegenwart, aber hoffnungsvoll in die Zukunft: "Jeden Tag höre ich Nachrichten von Konflikten, Flugzeugabstürzen und furchtbaren Verbrechen. Aber hier erleben wir eine andere Wahrheit, denn es gibt Menschen wie uns, die sich engagieren für Frieden und eine bessere Welt."
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Die Presidential Peace Conference in Istanbul ist Geschichte. Sie hat mehr als 1000 Menschen aus 88 Nationen zusammengeführt, Probleme klar benannt und viele Ideen und Ansätze hervorgebracht. Ob diese ihren Weg in die Clubs und in die praktische Umsetzung finden, bleibt abzuwarten. Es wäre einer gespaltenen Welt und Rotary zu wünschen.
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