17.12.2014

Keimzelle der Gesellschaft 

Ein wertvoller Freiheitsraum

Udo Di Fabio

Weihnachten ist das Fest der Familie – der bürgerlichen, wie der heiligen. Die Beiträge dieses Dezember-Titelthemas beschreiben die Rolle von Jesus, Maria und Joseph als abendländische Modell­gemeinschaft und widmen sich der Bedeutung der Institution Familie in einer Zeit, in der diese nicht mehr selbstverständlich ist.

Ein Spruch von Anarchisten lautet: „Die Familie ist die Keimzelle des Staates. Sie ist das erste, was wir zerstören müssen!“ Darauf antwortet eine Verfassung der Freiheit: „Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Rechtsordnung“ (Art. 6 Abs. 1 Grundgesetz). In der Diagnose immerhin scheinen sich Freund und Feind einig: Familie ist wichtig.

Gilt das heute noch? Brauchen Staat oder Gesellschaft die Familie als Quelle eigener Reproduktion? Immerhin leben wir in einer Gesellschaft, die vom Einzelnen ausgeht, von seiner Würde, seiner Entfaltungsfreiheit und Selbstbestimmung. Anders als in früheren Zeiten ist der Einzelne durch einen entwickelten Sozialstaat auch materiell geschützt, mit Grundsicherung, Krankenversorgung und Altersrente. Es geht doch scheinbar auch ohne Familienbande.

Warum also der „besondere“ Schutz für eine soziale Institution, die im kollektiven Gedächtnis noch als Großfamilie der Vergangenheit mit einigem repressiven Anspruch gesehen wird? Ist etwa die Familie traditionell verhafteter Einwanderer nicht ein Hindernis für Selbstverwirklichung, erschwert sie nicht die Integration junger Menschen mit dem Ballast patriarchalischer Ordnungsvorstellungen?

Ideologischer Kleinkrieg

Manche vermuten, das Grundgesetz sei an dieser Stelle ein wenig angestaubt. Aber der Eindruck täuscht. Gewiss, die Lebensformen der Menschen werden vielfältiger. Mobilität ist nicht nur Kennzeichen vieler Berufe, sondern auch für Beziehungen sozialer Nähe. Die lebenslange Bindung in der Ehe wirkt auf manche wie ein Modell von Gestern. Heute gelten wechselnde Lebenspartnerschaften schon fast als Normalität, und „Patchwork“ heißt doch eigentlich nur, dass Kinder aus gescheiterten Beziehungen zu Elementen einer neuen, hoffentlich gelingenden Familie werden. Im Angesicht von so viel Neuem gerät das früher vorherrschende, aber auch heute das Leben der meisten Kinder bestimmende Alltagsmodell unter Druck. Mindestens subkutan, manchmal auch offen ausgesprochen, werden die Anhänger traditioneller Ehe und Familie als Realitätsverweigerer dargestellt. Es schwelt ein ideologischer Kleinkrieg. Als heimliche Projektionsfläche für Ängste und Ablehnung dient die kaum bekannte altväterlich verhaftete Einwandererfamilie, sie ist unterschwellig mitgemeint. Im festen Blick auf den bekannten Feind von gestern mit seiner freudlosen Triebunterdrückung profiliert sich das moderne Leben als Befreiungstat. Lasst starre Ordnungen und Rollenklischees fallen!

Das ist nicht falsch, das ist sogar der Herzschlag des westlichen Lebensstils. Denn eine Normalität, die sich allzu selbstgefällig zur Norm erhebt, macht das Andere zum Abweichenden. Das kann allerdings auch für die Befreier gelten. Starre Muster produzieren Devianz, wo die freie Gesellschaft nur Vielfalt sieht. Die Zurückweisung starrer Normalitätszumutungen bleibt eine Daueraufgabe, sonst gerät Toleranz in Gefahr.

Eine gelungene Befreiung steht allerdings immer vor dem Problem, eine neue gelingende Sozialordnung nach ihren Werten zu formen und deshalb nach dem Pulverdampf der Barrikade sich auf die Aufgabe als Baumeister zu konzentrieren. Die übermäßig betonte Geste der Kritik an bürgerlichen Lebensformen, der Ruf nach Befreiung, die Fixierung auf den Kampf gegen alte Autoritäten kann den Blick trüben für den Wert und die Leistung von Institutionen wie Ehe und Familie, die unter neuen Rollenzuweisungen und in einer dynamischen Gesellschaft wieder in die Zeit gestellt werden müssen.

Mehr als eine biologische Keimzelle

Für das Grundgesetz ist die Familie keine irgendwie biologistische Keimzelle des Staates, sondern vor allem anderen ein abgeschirmter wertvoller Freiheitsraum. In diesem Raum haben die üblichen Imperative des Marktes und der Politik unmittelbar wenig zu suchen. Hier herrscht etwas anderes, das in den kalten Welten unserer funktional differenzierten Gesellschaft kaum einen Ort kennt: Geliebt werden um seiner selbst willen, Geborgenheit, unbedingter Beistand, Intimität und Wärme. In diesem unersetzlichen Raum ist der Mensch als Kind noch nicht die sich frei entfaltende Persönlichkeit, sondern wird dazu erst befähigt: durch Erziehung, Vorbild, durch Zuwendung und Streit über die Normen des Zusammenlebens.

In der Familie, alter oder neuer Art, wird die Idee der Selbstdisziplin praktisch gemacht. Es geht um die kluge Eigenkonditionierung im Alltagsraum geregelten Lebens und Arbeitens. Hier lernen Kinder und Jugendliche, wie man über sich hinauswächst und doch Bodenhaftung behält, wie man Verantwortung für sich und andere übernimmt. Es gibt keine schlimmere soziale Benachteiligung – in jeder Gesellschaftsschicht – als den Ausfall dieser Erziehungsleistung.

Die Familie, das sind Eltern mit ihren Kindern, leibliche oder rechtlich anzuerkennende, für die sie eine Verantwortung übernehmen, die lebenslang hält und die Verlaufsrichtung ändern kann, wenn Eltern altern. Die freie Gesellschaft verliert ihr Fundament, wenn ein solch ursprünglicher Raum von Geborgenheit und Nähe, von Orientierung und Solidarität, erodieren sollte. Die moderne Familie steht unter Anpassungsdruck. Gehen beide Elternteile einem Beruf nach und wird zeitlich wie örtlich hohe Mobilität abverlangt, so wächst der Bedarf nach einem Auffangnetz für Kinder. Kinderbetreuung und Ganztagsschulen sollen umfassend, kostenlos und qualitativ gut sein. In der Tat hatte gerade Deutschland einen Nachholbedarf für eine junge Familien stützende Infrastruktur. Wir haben uns auf diesem Feld inzwischen deutlich bewegt.

Doch je mehr das Angebot ausgeweitet wird, desto schwieriger wird es, geeignetes Erziehungspersonal und angemessene Ausstattung in finanzierbarer Weise zu erreichen. Außerdem macht die Alltagserfahrung mancher Ganztagsschule deutlich, dass es ohne Eltern und eine Ordnung des privaten Lebensraumes nicht geht. Nicht nur in sozialen Brennpunkten wird immer klarer, dass ohne den Ordnungs- und Prägeraum der Familie Lehrerinnen und Lehrer schnell überfordert sind. Sie können nicht alle Defizite ausgleichen, die entstehen, wenn Nähe, privater Lebensalltag und Elternverantwortung fehlen.

Nicht ohne Anlass zur Sorge ist zu beobachten, dass aus der nivellierten Mittelstandsgesellschaft (Helmut Schelsky) der fünfziger und sechziger Jahre inzwischen eine sehr fragmentierte Bildungswelt entsteht. Manche Einwandererfamilien verstehen die Chancen einer offenen Leistungsgesellschaft noch nicht, sogenannte bildungsferne Schichten leben ihren Kindern keine Werte mehr vor, die junge Menschen befähigen, ihr Schicksal zu meistern. Im oberen Gesellschaftsdrittel wird viel internationalisiert, manchmal aber auch zu einseitig sozialtechnische Kompetenz betont. Wachsende Fragmentierung und Motivationsverluste bekämpft nicht, wer Leistungswettbewerb und Schulnoten abschafft. Die Kombination von Fördern und Fordern bleibt uneingeschränkt richtig. Gefordert sind aber auch die Eltern, die ihre Kinder in Kitas und Schulen nicht „outsourcen“ sollen und in Erziehern und Lehrern aus der Kundenperspektive reine Adressaten von Dienstleistungsansprüchen sehen.

Arbeitsteilung

Die Verfassung ebenso wie die Wirklichkeit verlangen eine sinnvolle Arbeitsteilung zwischen Familie und Staat bei der Sorge, Erziehung und Bildung der Kinder. Wenn eines fernen Tages die Erziehung sozialisiert wäre, so hätte die freie Gesellschaft dafür einen hohen Preis zu zahlen. Keine öffentliche Veranstaltung – und sei sie noch so gut organisiert, vermag private Nähe, die Intimität der Familie zu ersetzen. Die Erziehung selbstbewusster, in sich ruhender und weltoffener Menschen kann insofern nicht allein öffentlichen Instanzen überlassen werden, auch wenn man die Anteile neu aushandeln mag. In einer mobilen, globalisierten Welt muss die Familie gewiss entlastet und durch Angebote gefördert werden. Doch ersetzen kann man sie nicht. Das ist der Grund des besonderen Schutzversprechens für Ehe und Familie, es sind ursprüngliche und eigensinnige Räume, aus denen etwas wächst: das Einstehen füreinander, Kinder und Jugendliche, die stark, tolerant und kompetent sind, wenn sie zu Hause das Richtige gesehen und gehört haben. Nicht der Staat als metaphysisch uns überragende Person, sondern die Freiheit reproduziert sich in den Familien – oder sie wird verdorren.

Wenn also nicht nur das deutsche Grundgesetz Ehe und Familie stark macht, sondern auch Art. 16 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte sagt, die Familie sei die „natürliche Grundeinheit der Gesellschaft“ und habe deshalb Anspruch auf Schutz durch Gesellschaft und Staat, so ist das eine hochaktuelle Orientierung. Es geht immerhin um die sozio-kulturelle Nachhaltigkeit einer Gesellschaft, die einer Werteordnung verpflichtet ist, die nicht naturgegeben ist, die nicht vom Himmel fällt. Es gehört zur Faszination unserer Zeit, sich seinen Lebensentwurf so frei wie noch nie aussuchen zu können. Dabei sollte nicht immer den wechselnden politischen oder wirtschaftlichen Losungen gefolgt werden. Vielleicht lohnt es mehr, in sich hinein zu horchen und zu fragen, wohin die großen Gefühle und die Erfahrungen von Lebensklugheit leiten.

Erschienen in Rotary Magazin 12/2014

Udo Di Fabio
Professor Dr. Udo Di Fabio (RC Bonn-Kreuzberg) war von 1999 bis 2011 Richter am Bundesverfassungsgericht und lehrt Öffentliches Recht an der Universität Bonn. 2012 erschien „Gewissen, Glaube, Religion. Wandelt sich die Religionsfreiheit?“ (Herder).

jura.uni- bonn.de

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