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Gehasst, verdammt, vergöttert

Forum - Gehasst, verdammt, vergöttert
Jede deutsche Schule entscheidet eigenständig, welche Schüler wo und wie lange ihre Handys nutzen dürfen. © your_photo_today/ allover/mev

Die Deutschen können und wollen ohne ihr Smartphone nicht mehr leben – das gilt auch für Kinder und Jugendliche. Für Lehrer und Eltern birgt diese Erkenntnis enorme Herausforderungen.

Björn Lange01.12.2019

Als im Jahr 2007 das erste iPhone auf den Markt kam, ahnten nur wenige, wie schnell und nachhaltig Smartphones unsere Kommunikation verändern würden. Laut des Statistikportals Statista teilen sich heute rund 65 Millionen Deutsche mehr als 80 Millionen Geräte. Bis 2023 werden es 68,6 Millionen Smartphonenutzer sein und sie werden immer jünger. Bereits 67 Prozent der Zehn- und Elfjährigen besitzen ein eigenes Smartphone, bei den Zwölf- und 13-jährigen sind es sogar 88 Prozent. Das erfordert der soziale Druck, denn wer kein Smartphone hat, kann nicht mitchatten und gehört schnell nicht mehr dazu. „Für viele Schüler ist ihr Handy alles, dort findet ihr ganzes Leben statt“, sagt Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV).

Und was machen Kinder und Jugendliche mit ihren Smartphones? Zu einem guten Teil das gleiche wie ihre erwachsenen Vorbilder: Sie informieren sich in Nachrichtenportalen, hören Musik oder Radio, schauen Online-Videos und vor allem kommunizieren sie in sozialen Netzwerken wie Whatsapp, Instagram, Snapchat und Facebook. Auch in der Schule, wenn sie es dürfen, und manchmal auch, wenn sie es nicht dürfen. Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands (DL), meint: „Im Unterricht sollten die Handys ausgeschaltet sein, aber 90 Prozent der Schüler halten sich nicht daran und werden von ihren Geräten oft abgelenkt.“ Eine Studie der London School of Economics belegt, dass Schüler, die nicht von Handys abgelenkt werden, über zehn Prozent produktiver sind. Und so entbrennt in Deutschland immer wieder die Diskussion darüber, ob Smartphones aus den Schulen verbannt werden, oder ob sie sogar Teil des Unterrichts sein sollten.

An französischen Schulen wurden im vergangenen Jahr alle internetfähigen Geräte verboten, noch strenger handhaben es viele Lehreinrichtungen in Belgien: Wer mit einem Smartphone erwischt wird, muss das Gerät bei der Schulleitung abgeben. Nicht bis zur nächsten Pause, sondern bis zum Ende des Halbjahres. Von solch drakonischen Maßnahmen hält Meidinger nichts: „Zu diesem Thema werden fast nur Alibi-Debatten geführt. Man muss das Ganze differenziert betrachten. Man kann die Handys nicht aus den Schulen verbannen, wenn die Schüler mit der Digitalisierung aufwachsen sollen.“ Seiner Meinung nach sollten die Geräte für schulische Zwecke auch im Unterricht eingesetzt werden, etwa um Entfernungen zu messen, um zu recherchieren oder Filme zu drehen und zu schneiden. Auch Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), hält ein grundsätzliches Verbot für „fern jeder Lebensrealität“. Vielmehr bräuchte es klare Regeln, zu welchen Zeiten und Zwecken die Handys genutzt werden dürfen.

Simone Fleischmann, selbst Lehrerin in Bayern, schlägt vor, Handys auf dem Pausenhof und in den Toiletten zu verbieten, im Gegenzug aber Räume zu schaffen, wo die Schüler zu bestimmten Zeiten und unter Aufsicht ihre Geräte nutzen dürfen. Und Prof. Dr. Klaus Zierer, Erziehungswissenschaftler und Medienexperte an der Uni Augsburg, sagt: „Die Nutzung der Technik darf nicht dem Zufall überlassen werden und muss pädagogisch begleitet werden.“ Auch er spricht sich für eine regulierte Smartphonenutzung aus. Zu begrüßen sei der sinnvolle Einsatz im Unterricht, ansonsten seien die Geräte auszuschalten – auch in der Mittagspause. „Handys dürfen nicht ständig auf den Schreibtischen liegen, da ihr ‚Addictive Design‘ darauf ausgerichtet ist, dass man immer und immer wieder draufschaut“, so der Pädagoge.

Cyberwelt trifft auf Realität
Wie sehr die Welt der Kinder und Jugendlichen tatsächlich von ihren Smartphones geprägt ist, zeigt sich in vielschichtiger Weise. Laut einer aktuellen Studie verbringen die zwölf- bis 19-Jährigen zirka drei Stunden täglich im Internet, die Jüngsten deutlich über zwei Stunden, die Ältesten fast vier Stunden. Sie treffen sich in Chatforen, schließen Freundschaften und tauschen Bilder und Videos aus – aber eben auch solche, die nicht für Kinder und Jugendliche bestimmt sind. Neben dem Teilen von Pornos und Gewaltvideos bilden soziale Netzwerke wie Whatsapp die wichtigste Bühne für Pöbeleien und Mobbing unter Gleichaltrigen. „Die Cyberwelt trifft in der Schule auf die Realität“, weiß Simone Fleischmann. Wird an ihrer Schule ein Fall von Cybermobbing bekannt, holt sie zunächst die Beteiligten an einen Tisch und diskutiert den Fall gegebenenfalls auch im Klassenverbund. Sollten der oder die Täter bereits zuvor auffällig geworden sein, zieht sie die Eltern und einen Schulpsychologen hinzu. Falls eine Anzeige gewünscht ist, holt Fleischmann einen Jugendpolizisten an die Schule, der auch rechtliche Fragen beantworten kann und oftmals eine höhere Autorität genießt als manche Lehrkräfte.

Längst ist das Smartphone unter Schülern zum Distinktionsobjekt geworden: Wer nicht das neueste Modell hat und nicht umgehend auf Chat-Nachrichten reagiert, wird schnell zur Zielscheibe der anderen. Lehrerverbandspräsident HeinzPeter Meidinger berichtet von Mobbingfällen, in denen die Opfer selbst den Vorfall verschleiern, um nicht aus der Whatsapp-Gruppe zu fliegen. Oftmals würden die Lehrer die Hinweise auf Mobbingfälle nicht von den Opfern oder deren Eltern bekommen, sondern von den Eltern der Mitschüler. Und in der Regel gebe es nicht nur ein Opfer und einen Täter, sondern mehrere. „Das macht es so komplex“, so Meidinger. „Da ist es gut, wenn man mit den Akteuren spricht und einen Schulpsychologen hinzuziehen kann.“ Und er fordert: „Die Lehrer brauchen für solche Fälle eine Zusatzausbildung.“ Simone Fleischmann geht noch einen Schritt weiter: „Wenn der Bildungsauftrag, die ‚Schule von morgen‘ zu schaffen, funktionieren soll, müssen sich Lehrer und Pädagogen für verschiedene Bereiche externe Hilfe holen können, weil sie das, was die Schüler in ihrer Freizeit im Internet anstellen, weder überblicken noch verstehen können.“

Das Wichtigste sei die Prävention, so Meidinger. „Wir müssen bei den Schülern eine Medienkompetenz entwickeln und zeigen, wie man neue Medien sinnvoll nutzt, und gleichzeitig ein Klassenklima der Gemeinsamkeit schaffen.“ Medienexperte Klaus Zierer schlägt den Bogen von der Smartphonenutzung an Schulen zum digitalen Unterricht: „Digitale Medien gehören in den Unterricht, da die Kinder in einer digitalisierten Welt aufwachsen. Aber ergänzend, nicht ersetzend. Dazu muss bei den Heranwachsenden eine Medienkompetenz aufgebaut werden, und die Art und Weise der Mediennutzung in den Schulen muss vom Alter der Schüler abhängen, wenn der Umgang mit Technik in Eigenverantwortung gelingen soll.“ Ohne die Eltern der Kinder kann die geforderte Ausbildung einer Medienkompetenz allerdings nicht gelingen. Und dazu müssten sich Eltern ihrer Vorbildfunktion bewusst sein, dürften selbst nicht zu oft auf ihre Handys schauen und vor allem ihre Altgeräte nicht zu früh an ihre Kinder weitergeben. Denn: „Neueste Untersuchungen zeigen, dass eine zu lange Nutzung dieser Technik zu neuronalen Veränderungen führt und sich negativ auf die Konzentrationsfähigkeit und Lernleistung der Kinder auswirken kann“, sagt Klaus Zierer.

Qualität der Lehrer ist entscheidend
Dass der Lernort Schule digital wird, daran besteht kein Zweifel mehr. Mitte Februar hat der Bundestag den Weg für den „Digitalpakt Schule“ freigemacht. Der Bund stellt über einen Zeitraum von fünf Jahren insgesamt fünf Milliarden Euro für die Digitalisierung der Schulen zur Verfügung, davon in dieser Legislaturperiode 3,5 Milliarden Euro. Die Länder investieren zusätzlich mindestens 500 Millionen Euro. Rein rechnerisch bedeutet dies für jede der rund 40.000 Schulen in Deutschland im Durchschnitt einen Betrag von 137.000 Euro oder umgerechnet auf die derzeit etwa elf Millionen Schüler eine Summe von 500 Euro pro Kopf. Dabei gehen Bund und Länder arbeitsteilig vor: Der Bund stellt die Mittel zum Aufbau einer digitalen Infrastruktur bereit, während die Länder damit beauftragt sind, sich um die Entwicklung pädagogischer Konzepte und die Qualifizierung von Lehrkräften zu kümmern.

Die große Mehrheit der deutschen Lehrer begrüßt den Digitalpakt: Laut einer aktuellen Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag des VBE durchführte, befürworten 98 Prozent aller Lehrkräfte den Einsatz von digitalen Medien im Unterricht. Doch Klaus Zierer bremst die Euphorie: „Webbasiertes Lernen, Powerpoints, Whiteboards – all das hat noch nicht zur Revolution geführt. Es gibt bis heute keine Studien, die belegen, dass sich die Lernleistung allein durch den Einsatz digitaler Medien überdurchschnittlich und nachhaltig verbessert“. Als Beispiel nennt er die gute alte Tafel, an der ein Tafelbild nach und nach entsteht. Hingegen sei bei einem Whiteboard oftmals alles auf einmal da, was die Schüler überfordere und dazu führe, dass die Lehrer schneller sprächen.

Und was bedeutet die fortschreitende Digitalisierung nun für die Praxis? Ist die technische Ausstattung einer Schule künftig wichtiger als die Qualität ihrer Lehrer? Klaus Zierer: „Nein. Entscheidend sind die Lehrkräfte und ihre pädagogischen Konzepte. Ich bin mir sogar sicher, dass die Lehrer noch stärker an Bedeutung gewinnen werden. Sie werden entscheidend dafür sein, ob der Unterricht mit Hilfe digitaler Medien erfolgreich ist, oder nicht“.