17.03.2015

Deutschland und Europa zur Zeit Bismarcks – und heute

Nach der deutschen Einheit

Christoph Nonn

Vor 200 Jahren, am 1. April 1815, wurde der spätere preußische Ministerpräsident und Reichskanzler in Schönhausen geboren. Die Beiträge dieses März-Titelthemas widmen sich seiner Zeit und seiner Politik – die heute manchmal aktueller sind als gemeinhin angenommen.

Bismarcks Zeit, das späte 19. Jahrhundert, mag uns bei oberflächlichem Hinsehen heute ausgesprochen fremd erscheinen. Die Mehrheit der Bevölkerung lebte noch von der Landwirtschaft, als Bismarck 1871 erster Reichskanzler des neugegründeten Deutschen Reiches wurde. Das politische System des Reiches war das einer konstitutionellen Monarchie. Das Parlament, der Reichstag, war kaum mehr als ein demokratisches Feigenblatt für die Herrschaft einer kleinen aristokratischen Elite. Wie die Mehrheit dieser Elite vertrat Bismarck selbst politische Ansichten, die ihn heute zum Rechtsradikalen stempeln würden.

Dennoch lassen sich auf den zweiten Blick einige Parallelen zwischen seiner Zeit und unserer heutigen ausmachen. Die wohl offensichtlichste dieser Parallelen ergibt sich aus der Rolle, die Deutschland unter Bismarck in Europa spielte. Mit dem Deutschen Reich entstand 1871 eine hegemoniale Macht in der Mitte des Kontinents. 1990 hat sich die Geschichte wiederholt. Durch die Wiedervereinigung wurde die Bundesrepublik das Schwergewicht der Europäischen Union und ist es bis heute noch mehr geworden. Deutschland avancierte damit, ob man das nun begrüßt oder nicht, zu einem global player nicht allein in wirtschaftlicher, sondern gleichermaßen in politischer Hinsicht. Auch das geschah nach 1871 schon einmal. Und schließlich hatten die Vereinigungen von 1871 und 1990 nicht nur mit Blick auf die realhistorischen Abläufe einiges gemeinsam: Bei den Mythen, die darum gewoben worden sind, gibt es ebenfalls auffällige Gemeinsamkeiten.

Otto von Bismarck galt lange Zeit und gilt landläufig vielfach noch immer als der „Reichsgründer“. Helmut Kohl ist in Analogie dazu „Kanzler der Einheit“ genannt worden. Beide Etiketten ignorieren nicht nur, dass Reichsgründung wie Wiedervereinigung ausgesprochen komplexe historische Prozesse gewesen sind, an denen Bismarck und Kohl nur als jeweils ein – wenn auch wichtiger – Akteur unter vielen beteiligt waren. Sie überbetonen auch in mythischer Weise die Zielstrebigkeit der beiden Kanzler. Helmut Kohl wurde von dem plötzlichen Zusammenbruch der DDR und des Ostblocks wie die meisten Zeitgenossen der Jahre 1989/90 in der Bundesrepublik überrascht. Wie für Bismarck war für ihn die Vereinigung Deutschlands zwar stets eine Option gewesen. Doch ein von jeher konsequent und alternativlos angestrebtes Ziel ihrer Politik bildete sie weder für den einen noch für den anderen. Denn diese Politik war immer auch und in erster Linie individuelle Machtpolitik, konservative Machtpolitik, Machtpolitik eines deutschen Teilstaats.

Europaweit Staatengründungen

Die Reichsgründung von 1871 war nicht einmal eine ausschließlich deutsche Angelegenheit. Andere Europäer in anderen Ländern haben dazu, dass sie möglich wurde, ebenfalls ganz wesentlich beigetragen – durch das, was sie taten, oder auch durch das, was sie unterließen. In dieser Hinsicht gibt es ebenfalls Parallelen zwischen 1871 und der Wiedervereinigung 1990. In beiden Fällen stand eine angelsächsische Weltmacht dem Einigungsprozess wohlwollend gegenüber. In beiden Fällen war die östliche Flügelmacht Europas, Russland, anderweitig und vor allem mit sich selbst beschäftigt. Die zwei wichtigsten anderen europäischen Mächte – Frankreich und Österreich 1871, Frankreich und Großbritannien 1990 – lehnten die deutsche Einigung zumindest anfangs eher ab, ohne sie freilich verhindern zu können. Sie arrangierten sich dann aber wenigstens teilweise – wie Österreich nach 1871 und Frankreich nach 1990 – mit dem neuen deutschen Nationalstaat in der unmittelbaren Nachbarschaft, so dass aus argwöhnischen Nachbarn bald enge Freunde wurden.

Noch in einer anderen Hinsicht waren Reichsgründung wie Wiedervereinigung keine spezifisch deutsche Sache. Sie waren vielmehr Teil eines Prozesses der Bildung von Nationalstaaten, die ganz Europa erfassten. Während des 19. Jahrhunderts veränderte der Kontinent durch die Gründung von insgesamt elf neuen Staaten grundlegend sein Gesicht. Mehr als die Hälfte dieser Gründungen fand in den 1860er und 1870er Jahren statt. Die Entstehung des Deutschen Reiches lag chronologisch wie geographisch dabei im Zentrum, und es war der größte der neuen Nationalstaaten – aber beileibe nicht der einzige. Auch die zweite deutsche Einigung Anfang der 1990er Jahre war wieder Teil eines europäischen Prozesses: Erneut bildeten sich in einem Schub ein Dutzend Nationalstaaten neu, als der Ostblock und mit ihm einige seiner Mitgliedsländer zerfielen.

Selbst wenn man also Bismarcks Leben als das eines „Reichsgründers“ sehen will, kommt man nicht umhin, es als ein europäisches Leben zu verstehen. Erst recht gilt das für seine Außenpolitik als Reichskanzler seit 1871. Denn diese war nahezu ausschließlich europäische Politik. Und als solche war sie in vielem modellhaft für den Kurs des wiedervereinigten Deutschland in den Jahren nach 1990.

Das gilt zwar nicht uneingeschränkt für die „Friedenspolitik“, die Bismarck gelegentlich zugeschrieben wird. Er war, das ist richtig, nie ein Kriegstreiber. Mit Bildern von Bismarck in Uniform und Pickelhaube den preußischen Militarismus zu illustrieren heißt Klischee auf Klischee häufen. Als junger Mann hätte er sich vor dem Wehrdienst am liebsten gedrückt. Im Alter trug er Uniformjacken nur deswegen, weil sie im Gegensatz zu Jacketts am Hals geschlossen werden konnten und so besseren Schutz vor Erkältungen boten. Spätestens nachdem er im Deutschen Krieg von 1866 das mit Leichen übersäte Schlachtfeld von Königgrätz gesehen hatte, widerstrebte es ihm, Kriege willkürlich vom Zaun zu brechen. Friedenswahrung als politisches Prinzip war seine Sache freilich auch nicht. Vor einer Politik des kalkulierten Risikos, die die Entfesselung von Kriegen in Kauf nahm, schreckte er nicht zurück.

Modellcharakter für die Gegenwart

Tatsächlich Modellcharakter für die deutsche Politik nach 1990 hatte dagegen Bismarcks Konzept der „Saturiertheit“ des Reiches von 1871. Nach dem Vorbild des ersten Reichskanzlers damals schloss auch die politische Führung des wiedervereinigten Deutschlands ausdrücklich und demonstrativ jede weitere territoriale Expansion aus. Nach 1871 wie 1990 wurde auf diese Weise den Nachbarn die Angst vor dem neuen politischen und wirtschaftlichen Schwergewicht in der Mitte Europas genommen. Der Verzicht des neuen Kolosses im Zentrum des Kontinents auf aggressive Machtpolitik wirkte jeweils international entkrampfend. In der Folgezeit trug noch weiter zur Entspannung bei, wie bereitwillig sich Deutschland nach 1871 wie nach 1990 in wachsende politische und wirtschaftliche Verflechtungen einbinden ließ, ja diese selbst anregte.

Auf längere Sicht wurden die grenzüberschreitenden wirtschaftlichen Verflechtungen allerdings teilweise auch zur Belastung für die internationalen politischen Bindungen. Denn Deutschland, zum wichtigsten Umschlagplatz für den Warenaustausch auf dem europäischen Kontinent geworden, nutzte diese Schlüsselstellung auf Kosten seiner Nachbarn aus. Unter Bismarck ging das Deutsche Reich 1879 zu einer Politik hoher Schutzzölle über. Diese Politik war in vielfacher Hinsicht fragwürdig. Sie trübte die Beziehungen zu anderen europäischen Staaten, vor allem zu Russland, das auf Agrarexporte nach Deutschland angewiesen war. Sie verhinderte eine wirtschaftliche Arbeitsteilung auf dem Kontinent, die letztlich allen zu Gute kam. Und sie behinderte sogar die Weiterentwicklung der deutschen Industrie. Mit rationaler Wirtschaftspolitik hatte das alles nichts zu tun. Bismarcks Motiv war vielmehr, den landwirtschaftlichen Interessen durch Zollschutz einen Dienst zu erweisen und sich so ihrer Unterstützung zu versichern.

Auch darin kann man manche Parallelen zur heutigen Situation erkennen. Bismarck betrieb eine nationalegoistische Wirtschaftspolitik zum einseitigen Schutz der deutschen Landwirtschaft vor Agrarimporten. Das erwies sich für die internationalen Beziehungen des Deutschen Reiches zu seinen europäischen Nachbarn als nachteilig. Heute betreibt die Bundesrepublik Deutschland eine nationalegoistische Wirtschaftspolitik zur einseitigen Förderung der deutschen Exporte. Bei der Lohn- und Arbeitsmarktpolitik, bei der Finanzierung der Energiewende und in vielen anderen Bereichen wird die deutsche Exportwirtschaft auf Kosten der Verbraucher und des Binnenmarkts bevorzugt. Das hat zwar die Zahl der Arbeitsplätze erhöht. Die soziale Ungleichheit in der Bundesrepublik ist dadurch allerdings beträchtlich angewachsen. Vor allem aber führt es zu gewaltigen Außenhandelsüberschüssen. Damit hat Deutschland sich nicht eben Freunde in Europa gemacht – ähnlich wie durch die Hochschutzzollpolitik in der Zeit Bismarcks. Ökonomisch war das ein zweischneidiges Schwert. Genauso wie die Begünstigung der heute zentralen exportindustriellen Interessen.

Erschienen in Rotary Magazin 3/2015

Christoph Nonn
Prof. Dr. Christoph Nonn ist Professor für Neueste Geschichte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Im Frühjahr 2015 erschien sein Buch „Bismarck. Ein Preuße und sein Jahrhundert“ (C.H. Beck).  www.phil-fak.uni-duesseldorf.de

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