60 Jahre Baden-Württemberg - Schauplätze einer Erfolgsgeschichte

Erfolgreiche Unternehmen wie Bosch prägen den Ruf Baden-Württembergs als Wirtschaftsstandort - und zugleich die Identität des Muster-Ländle im Südwesten Deutschlands

25.06.2012

60 Jahre Baden-Württemberg

Schauplätze einer Erfolgsgeschichte

Peter Steinbach

Die Gründungstage der (west-)deutschen Länder, die nach 1945 entstanden, sind in der Regel Anlass für freudige Erinnerungen. Denn sie verkörpern Geist und Vitalität der bundesstaatlichen Ordnung, die ein Grundprinzip unserer Verfassung darstellt. Die neu entstandenen Länder waren Kunstprodukte, die erst im Laufe der Zeit regionale Identitäten ausbildeten.

Regionalbewusstsein lässt sich nach Landschaften, Regionen und Orten differenzieren, und es sucht sich Bezugspunkte, die zu Erinnerungsorten werden können: Fußballvereine, Bauwerke, Festlichkeiten, Jahrestage. So stellt sich immer wieder die Frage, wie aus vielen Teilgeschichten und individuellen Erfahrungen ein gemeinsames Landesbewusstsein entstehen kann. In der Regel müssen dafür Jahrzehnte vergehen. Dieses Problem stellte sich vor allem nach 1945, als die Alliierten neben einigen alten Ländern wie Bayern aus den Fragmenten des untergegangenen Preußen viele neue Länder schufen. Dass historisch gewachsenes Landesbewusstsein sogar im kollektiven Unterbewusstsein weiterleben kann, zeigte sich 1990, als noch vor der deutschen Vereinigung fünf neue Länder an die Stelle der fünfzehn DDR-Bezirke traten, die 1952 anstelle der alten Länder und preußischen Provinzen gebildet worden waren.

 

Länderneugründung im Westen

Ebenfalls 1952 wurde in der Bundesrepublik das jüngste westliche Bundesland gegründet: Baden-Württemberg. Ursprünglich war die Bildung dieses Bindestrich-Landes sehr umstritten. Die Einwohner Badens setzten sich für den Fortbestand ihres Landes ein und scheiterten in einer gemeinsamen Volksabstimmung, die sie nur schwer akzeptierten. Gescheitert war zumindest der Versuch, das neue Land „Schwaben“ zu nennen. Dies wäre den Badenern zu hart angekommen. Sogar das Bundesverfassungsgericht wurde bemüht. Es ordnete in einem weisen Beschluss die Wiederholung der Volksbefragung an – allerdings, ohne einen Zeitpunkt festzulegen. Als dann Anfang der siebziger Jahre diese zweite Befragung durchgeführt wurde, zeigte sich, dass die Neugründung in Südwestdeutschland breit akzeptiert wurde, bei allen Animositäten, die angeblich weiterhin zwischen Badenern und Schwaben bestehen sollten. Lacht der eine über die Kehrwoche, so kritisiert der andere die Genussfreude – dabei wird nicht wahrgenommen, wie viele Gewohnheiten von den Kritisierten übernommen werden.

Gemeinsames Landesbewusstsein ist aber auch das Ergebnis einer Zusammenführung vieler Erinnerungen und nicht zuletzt auch der Genugtuung, dass ein anfänglich keineswegs leichter Weg zurückgelegt wurde. Die Gründungsfeiern standen damals unter dem Motto: „Wir feiern in die Zukunft rein“. Das ausgelassen tanzende Pärchen der beiden Wappentiere – Hirsch und Greif – suggerierte Fröhlichkeit. Es war gut, dass die Gemeinsamkeit im Zentrum stand, nicht aber die ursprünglich heftigen politischen Auseinandersetzungen, die vor allem in Südbaden 1952 zur Ablehnung der Fusion geführt hatten.

Seitdem hat sich der „Südweststaat“ völlig verändert. Vertriebene und Flüchtlinge mussten in den fünfziger und sechziger Jahren, anschließend viele ausländische Arbeitnehmer mit ihren Familien integriert werden. In den achtziger Jahren kamen aus Osteuropa viele „Deutschstämmige“ dazu.

Dies alles gelang, weil Baden-Württemberg sich zu einer europäischen Schwerpunktregion der mittelständischen Metallindustrie entwickelt hatte, von denen manche zu Weltmarktführern aufstiegen. Niedrige Arbeitslosenzahlen, relativ geringe Verschuldung, eine glänzende Wissenschaftspolitik und eine außerordentlich erfolgreiche Industrie schufen die Grundlage für einen gelungenen sozialen und politischen Wandel, für eine vorbildlich kulturelle Integration – und für eine entspannte Rückschau.

Sicherlich kann man darüber streiten, ob es wirklich klug ist, selbstbewusst zu erklären, die Zukunft verkörperte die Tradition des Landes. Richtig ist aber gewiss, dass die Zukunft das Kind der Gegenwart ist. Ohne den Rückblick aber ging es nicht. Nur: Welche Aspekte der Vergangenheit sollen hervorgehoben werden: „Schwarze“ oder „weiße“ Stränge, die aus der Vergangenheit in die Gegenwart weisen?

Das Konzept der „Erinnerungsorte“ knüpfte hier an. Es ist von dem französischen Historiker Pierre Nora entwickelt worden und macht sich von negativen, schuldbewussten Erinnerungsbezügen weitgehend frei. Nora wollte die Entstehung von Erinnerungen in Gesellschaften und Individuen erklären. Das Konzept zielt deshalb nicht auf geographische Orte, sondern fragt, wie sich kollektive, aber auch individuelle Erinnerungen mit Ereignissen, Orten, Persönlichkeiten, Mythen und Kunstwerken verknüpfen und ihnen im Laufe der Zeit einen Platz im Gedächtnis von Bevölkerungen, Nationen und Konfessionen schaffen.

Wer Erinnerungsorte in das Bewusstsein rückt, will Geschichtsbewusstsein schaffen, also nicht nur Vergangenheit spiegeln. Er will Traditionen schaffen und diese im Bewusstsein seiner Zeitgenossen verankern. Er erzeugt Erinnerungen, indem er sie bewusst macht. Nur so wirkt sich Vergangenheit und deren Deutung in die Gegenwart hinein. Indem man Orte, Gebräuche, historische Landschaften, prägende Ereignisse in das Bewusstsein rückt, lassen sich zugleich Bezugspunkte gemeinsamer Erinnerung schaffen. Daraus können gemeinsames Geschichtsbewusstsein und Gefühle landsmannschaftlicher Verbundenheit entstehen.

Erinnerungsorte wollen niemals Geschichte an sich beschwören, immer geht es um die Bedeutung historischen Bewusstseins für das Zusammenleben. In Baden-Württemberg wurde so an die Industrialisierung, an die Verfolgung durch den Nationalsozialismus, an die Integration der „Gastarbeiter“ und an die Referenz erinnert, die über die Grenzen des Südweststaates hinweg den aus dem „Ländle“ stammenden bedeutenden Vertretern deutscher Kultur gezollt wurde. Denn bei aller Freude über eine bewältigte Gegenwart kam es auch darauf an, sich stets die Gefährdungen des Zusammenlebens bewusst zu machen.

Letztlich ging es um das Spannungsverhältnis zwischen gelungener Gestaltung des menschlichen Miteinanders und um bewältigte Herausforderungen, die keineswegs nur auf eine romantisierte, mythisch verklärte, Emotionen weckende Vergangenheit verweisen, sondern bewältigte Krisen, gelungene Integration, überwundene Rückschläge sichtbar machen. Ob es um die Morde der RAF, die Proteste gegen den Bau eines Atomkraftwerks in Whyl, um Verfassungs- und Abstimmungskonflikte, um Streiks und vieles andere geht – Erinnerungsorte bieten Anknüpfungspunkte eines Geschichtsbewusstseins, das Gefühle anspricht und auch Befriedigung über erfolgreich überstandene Tiefpunkte empfinden lässt und sogar einen gewissen Stolz begründen kann, der Zufriedenheit über Leistungen und Erfolge hervorruft.

 

Schwierige Anfänge

Am Beginn der Zeit-Geschichte des deutschen Südwestens standen unterschiedliche Länder – Baden, Württemberg und Hohenzollern-Sigmaringen, die überdies in Besatzungszonen geteilt und regional außerordentlich differenziert waren. Die ansässigen Bewohner der Landesteile neigten eher dazu, ihre Unterschiede zu betonen als ihre Gemeinsamkeiten hervorzuheben.

Hinzu kamen bis heute kaum vorstellbare Ausgangsprobleme. Zerbombte Städte, die Sorge um kriegsgefangene Angehörige, Besatzungsherrschaft, Vertriebene und Flüchtlinge prägten das Lebensgefühl und überlagerten die traditionellen konfessionellen, kulturellen und landsmannschaftlichen Gegensätze so sehr, dass sie in den Hintergrund traten. Gerade dies aber war eine Chance für die Zukunft. So entstand ein neues Gefühl der Gemeinsamkeit, der gleichen Erfahrungen, der Möglichkeiten. Baden-Württemberg – das wurde eine wichtige Brücke für die Entstehung der deutsch-französischen Freundschaft. In Breisach haben Jugendliche die Schlagbäume beseitigt. In Kehl entstand eine europäische Brücke über den Rhein, der nicht mehr Landesgrenze allein, sondern ein völkerverbindender Strom wurde. In Baden-Baden fanden Adenauer und de Gaulle im Februar 1962 einen Weg, der unmittelbar den Elysee-Vertrag vorbereitete.

Unbestreitbar ist, dass die meisten Neuländer des Jahres 1945 inzwischen eine kräftige Identität ausgebildet haben. So wird immer deutlicher, dass die Geschichte der deutschen Länder zunehmend im Sinne einer gewachsenen, geradezu natürlichen Eigenart empfunden wird. Man hebt die Aufbau- und Ausbau-, nicht zuletzt aber auch die Integrationsleistungen hervor, die die Bewohner deutscher Länder im Zuge der europäischen Vertreibungen ganzer Konfessionen, der wirtschaftlich motivierten Binnenwanderungen, der Urbanisierung und Industrialisierung, schließlich der Modernisierung der deutschen Gesellschaft bewältigen konnten. Insofern lässt sich am Beispiel der Gründung von Baden-Württemberg die Geschichte deutscher Länder im 20. Jahrhundert vor allem als eine Geschichte bewältigter Veränderungen, überstandener Krisen und eines gelingenden regionalen Bewusstseins beschreiben.

 

Prof. Dr. Peter Steinbach (RC Baden-Baden) ist Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin und Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Mannheim. Zuletzt erschien Geschichte im politischen Kampf. Wie historische Argumente die öffentliche Meinung manipulieren“ (Dietz 2012) sowie der Sammelband „Baden-Württembergische Erinnerungsorte“ (Kohlhammer 2012).


 

Erschienen in Rotary Magazin 7/2012

Peter Steinbach
Peter Steinbach (RC Baden-Baden) ist Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin und Professor für neuere und neuste Geschichte an der Universität Mannheim. Zu seinen Büchern zählen u. a. "Der 20. Juli 1944" (Siedler 2004) und "Franz Schnabel. Der Historiker des freiheitlichen Verfassungsstaates" (Lukas 2010) www.gdw-berlin.de

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