17.03.2015

Otto von Bismarck als Mensch und Politiker des 19. Jahrhunderts

Gestalter einer revolutionären Zeit

Peter Steinbach

Vor 200 Jahren, am 1. April 1815, wurde der spätere preußische Ministerpräsident und Reichskanzler in Schönhausen geboren. Die Beiträge dieses März-Titelthemas widmen sich seiner Zeit und seiner Politik – die heute manchmal aktueller sind als gemeinhin angenommen.

Das 19. Jahrhundert wird oft als „Laboratorium der Moderne“ bezeichnet. In der Tat markiert diese Epoche einen wichtigen Anfangspunkt der „Welt, in der wir leben“. Soziale Veränderungen, die damals einsetzten, wirken bis heute nach und bleiben bestimmend – ebenso wie viele damals entstandene neue politische Institutionen und wissenschaftliche Innovationen.

Die Umbrüche jener Zeit eröffneten neue Chancen, zugleich entstand jedoch ein Gefühl der Unsicherheit. Säkularisierung, Rationalisierung und Ideologisierung fügten sich seitdem zu einer den Atem verschlagenden neuen Kultur. Historiker sprachen sogar von einer damals einsetzenden „Beschleunigung der Zeit“. Es verwundert kaum, dass der umfassende, sich auf viele Lebensbereiche auswirkende Wandel die Zeitgenossen vielfach überwältigte und überforderte. Traditionsreiche Berufe verschwanden mit der Arbeitsteilung und der Industrialisierung. Binnen- und Massenauswanderung, Landflucht und Urbanisierung wurden zur Grunderfahrung von Millionen. Neue Kommunikationswege entstanden mit Eisenbahn und Telegraphie. Mit der Globalisierung der Absatz- und Rohstoffmärkte entstanden neue außenpolitische Herausforderungen. Naturwissenschaft und Technik revolutionierten die Landwirtschaft und die Industrie, aber auch die Kriegführung. Wie sollte bewältigt und abgemildert werden, was so umstürzend zu sein schien?

Ära der Reformen

Im Vergleich zu den Herausforderungen, vor denen wir heute zu kapitulieren scheinen, wird vielleicht bewusst, was fundamentaler Wandel, was tiefgehende Krisenerfahrungen damals bedeuteten. Überall machten sich neue „Ismen“ breit, die bis heute unsere Gesellschaft prägen: Nationalismus, Liberalismus, Sozialismus, Imperialismus wirkten sich international und innergesellschaftlich aus.

Angesichts der Veränderungen und Herausforderungen lässt sich das „lange 19. Jahrhundert“ schon lange nicht mehr als Nukleus der historischen Katastrophen deutscher und europäischer Geschichte bezeichnen. Vielmehr kann es als Epoche gedeutet werden, in der es gelang, Reformen einzuleiten, die eigentlich die Eruptionen verhindern sollten, die in die Abgründe des 20. Jahrhunderts mit Weltkriegen, Bürgerkriegen, Völkermorden und Vertreibungen führten. Zugleich aber stellt sich die Frage nach den Politikern, die den Veränderungen dieser Zeit gewachsen waren, sie erkannten, gestalteten und zur Grundlage künftiger Entwicklungen machten.

Was ist historische Größe? Mit dieser Frage erregte vor einigen Jahrzehnten Sebastian Haffner seine Zeitgenossen. Er forderte auf, den Schotter überkommener Interpretationen, Rechtfertigungen und Schuldzuweisungen zu beseitigen. Für kaum eine Persönlichkeit war dies so notwendig wie für Bismarck, der lange als Personifizierung des deutschen Verhängnisses galt und zu einem geistigen Vorgänger Hitlers stilisiert wurde. Plakative Geschichtsdeutungen verstellen immer den Blick auf historische Ambivalenzen und verzerren das historische Urteilsvermögen. Deshalb verdient Bismarck einen neuen Blick.

Seit der Französischen Revolution hatten sich die Rahmenbedingungen des kulturellen, sozialen und politischen Wandels auch diesseits des Rheines grundlegend verändert. An die Stelle des Gottesgnadentums mit dem „monarchischen Prinzip“ wurde immer entschiedener der Gedanke der Volkssouveränität beschworen. Staatliche Legitimität hing somit immer stärker von der Zustimmung der Bürger ab, die sich nicht mehr als Untertanen empfanden, sondern politische Beteiligung an den gesamtstaatlich verbindlichen Entscheidungen forderten. Parteien, Presse, Vereine und Wahlen waren die Folge. Wie aber konnten Regierungen auf zunehmende Mündigkeit reagieren? Erstmals war in Deutschland das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht in der Revolution von 1848 gefordert worden. Zugestanden wurde lediglich ein Dreiklassenwahlrecht, das angeblich Besitz schützen und Bildung honorieren sollte.

Gestalter des Wandels

Es war Otto von Bismarck, der – zunächst 1867 im Norddeutschen Bund und dann 1871 im Deutschen Reich – die entscheidende Revolutionierung der politischen Willensbildung und damit die Demokratisierung deutscher Politik einleitete. Dabei vertraute er zunächst auf die konservative und königstreue Gesinnung der Wähler. Aber ist es keine unbestreitbare Leistung und Ausdruck politischen Mutes, wenn im Zuge der Reichseinigung das modernste Wahlrecht in Europa eingeführt wurde? Selbst Großbritannien brauchte weitere fünfzig Jahre, um diesen Schritt zu tun.

Mit der Demokratisierung entstanden neue Grundsätze politischer Legitimation: Rechtsstaatlichkeit, Konstitutionalismus, nationale Einheitsbestrebungen und die sich zuspitzende soziale Frage erzeugten eine Gärung, die manche geradezu wie ein Alptraum ängstigte, andere an einen unter Hochdruck stehenden gesellschaftlichen Dampfkessel erinnerten und zugleich auch die Einsicht wachsen ließen, dass die Gestaltung des Wandels die einzige Möglichkeit darstellte, den Zusammenhalt der Gesellschaft zu wahren und dennoch Veränderungen zu ermöglichen. Forderten die einen eine Revolutionierung – den Umsturz aller Verhältnisse, beschworen andere in der Erwartung des gesellschaftlichen „Kladderadatsches“ die Notwendigkeit des Beharrens, ja der Rückkehr – die „Reaktion“ zu den alten Verhältnissen. Dass sich zwischen diesen Kräften der „Bewegung“ und der „Beharrung“ eine dritte Gruppe dazu bekannte, den unaufhaltsamen Wandel evolutionär zu gestalten, schuf die Grundlage für eine gesellschaftliche Modernisierung, die bis heute nichts an Dynamik eingebüßt hat.

Nur in diesem vielschichtigen Spannungsfeld ist die Bedeutung des Politikers zu ermessen, der als Otto von Bismarck am 1. April 1815, also unmittelbar vor der letzten Niederlage Napoleons bei Waterloo (oder, wie man in Preußen sagte: Belle Alliance), zur Welt kam, im vorrevolutionären „Vormärz“ politisch sozialisiert wurde und seine erste politische Feuertaufe in der Revolutionszeit 1848 überstand.

Damals galt Bismarck als einer der konservativen Meinungsführer in Deutschland, ja als Reaktionär. In den nachrevolutionären Jahrzehnten erfolgte seine Metamorphose zu einem der wichtigsten Politiker des 19. Jahrhunderts. Denn Bismarck erkannte nicht nur die Zeichen der Zeit, sondern auch deren Gefahren für den politischen Zusammenhalt und nicht zuletzt auch deren Folgen für den inneren Frieden. Er wollte nicht mehr nur – wie noch Metternich – verhindern, sondern vielmehr die innere Politik gestalten. Er verlangsamte den Wandel, verhinderte ihn aber nicht. Deshalb lässt sich Bismarck nicht mehr als „eiserner Kanzler“ titulieren – er gehörte zu den Persönlichkeiten von historischer Bedeutung, weil sie den Anpassungsprozess von Gesellschaft und Politik an die moderne Zeit begleiteten.

Kämpferisch nach innen und außen

Außenpolitisch hatte Bismarck ein sehr feines Gespür für die Interessen der benachbarten europäischen Staaten. Nach der Gründung des Reiches erklärte er früh, mit der Entstehung des Nationalstaates sei Deutschland endgültig „saturiert“. Dies war ebenso maßvoll wie klug und begründete den politischen Realismus, der aus der Wahrnehmung politischer Interessen folgt. Den Erwerb von Kolonien betrieb er nicht aggressiv, wichtiger war ihm, Gegensätze auszugleichen. In der Mitte Europas sollte mit dem „Reich“ ein Garant europäischer Stabilität entstehen, die er als ein „ehrlicher Makler“ befördern und absichern wollte.

Innenpolitisch ging es allerdings wesentlich kontroverser zu. Denn immer wieder machte der Kanzler neue innere „Reichsfeinde“ aus und wollte sie zwingen, sich zum Reich und seiner Politik zu bekennen. Sein „innerer Kampfkurs“ richtete sich gegen Liberale, um den Parlamentarismus britischer Prägung zu verhindern und den deutschen Konstitutionalismus zu stärken. Anschließend suchte Bismarck den Konflikt mit den Katholiken und ihrem Führer Ludwig Windthorst. Sie galten dem Protestanten als „ultramontan“ orientiert, gleichsam als eine fünfte Kolonne des Katholizismus. Geschickt nutzte er den konfessionellen Konflikt auf doppelte Weise: Vom politischen Katholizismus verlangte er ein Bekenntnis zum preußisch-deutschen Staat, von den evangelischen Konservativen zugleich, ihren nicht selten kämpferisch betonten Protestantismus abzuschwächen. Danach wandte sich Bismarck gegen den Linksliberalismus, den er für die „Vorfrucht“ des Sozialismus hielt.

Innere Bezugspunkte

Mit der Sozialistenverfolgung ging die Zähmung des Liberalismus einher. Zugleich aber wurde die von Ferdinand Lassalle und August Bebel geprägte Sozialdemokratie „reichssozialisiert“, nicht zuletzt als Folge der Wehrpflicht. In manchen Arbeiterwohnungen hingen Portraits von Bebel, Wilhelm I. und Bismarck, nicht zuletzt, weil Letzterer das System der Sozialversicherung begründete. Als erste Anzeichen eines Antisemitismus spürbar wurden, nahm Bismarck Stellung. Historikern, die zu politischen Propagandisten wurden, misstraute er.

Politische Weitsicht bewies Bismarck auch bei der Schaffung der Reichsverfassung. Als Ursprung aller legitimen Herrschaft galt nun auch in Deutschland und seinen Einzelstaaten der Wille des Volkes, des Souveräns.

Bismarcks innere Bezugspunkte blieben freilich Tradition, Glauben, Geschichte, ohne dass er deshalb die Veränderungen negierte, die sich mit der politischen und gesellschaftlichen Doppelrevolution ausweiteten und den deutschen „Sonderweg“ wenn nicht als Irr-, so doch als Umweg auf dem Weg in den Westen erscheinen lassen. So wurde das 19. Jahrhundert nicht nur zu einem Jahrhundert der sozialen, politischen und kulturellen Umwälzungen, sondern auch des gestalteten Wandels, zum, Experimentierfeld, aber auch zur Bewährungsprobe all jener, die den Fortschritt nicht ablehnten, sondern ihm eine Form geben wollten.

Gesellschaftliche Transformationen fordern Menschen mit dem Veränderungswillen und der Veränderungskraft. Otto von Bismarck hatte beides und wurde deshalb auch als „weißer Revolutionär“ (Lothar Gall) bezeichnet. An ihn zu erinnern und sich auf seine Leistung zu besinnen ist deshalb kein Ausdruck von Nostalgie, sondern ein notwendiger Beitrag, einem Politiker Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, der den Wandel zähmen, Verhältnisse reifen und den Frieden sichern wollte. Ihn mit der Politik desjenigen Herrschers zu identifizieren, der Bismarck als Lotsen von Bord schickte, würde seine historische Bedeutung verkennen und seine Leistung schmälern. 

Erschienen in Rotary Magazin 3/2015

Peter Steinbach
Peter Steinbach (RC Baden-Baden) ist Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin und Professor für neuere und neuste Geschichte an der Universität Mannheim. Zu seinen Büchern zählen u. a. "Der 20. Juli 1944" (Siedler 2004) und "Franz Schnabel. Der Historiker des freiheitlichen Verfassungsstaates" (Lukas 2010) www.gdw-berlin.de

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