Buch des Monats - Wolfram Pyta - Selbstinszenierung einer Diktatur

01.07.2015

Buch des Monats - Wolfram Pyta

Selbstinszenierung einer Diktatur

Peter Steinbach

Über Adolf Hitler scheint 70 Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur alles gesagt. Der Historiker Wolfram Pyta (RC Stuttgart-Weinsteige) widmet sich in seiner Studie jedoch einem Ansatz, der bis dato kaum untersucht wurde – dem Selbstverständnis des Diktators als Künstler

Der Historiker Veit Valentin bestätigte in seiner „Deutschen Geschichte“ die ratlose Bemerkung von Karl Kraus, dem angeblich zu Hitler nichts einfallen wolle. Viele Hitler-Biografien belegen seitdem, dass Historikern und Publizisten im Laufe von acht Jahrzehnten so viel eingefallen ist, dass es schwerfällt, den Überblick zu wahren. Alan Bullock machte Anfang der 50er Jahre Hitler noch zum Teppichbeißer, Joachim Fest warf in den frühen 70er Jahren wie Sebastian Haffner die Frage auf, ob die Deutschen Hitler nicht zu den Großen zählen würden, wenn er 1939 gestorben wäre.

SCHNEISEN INS DICKICHT

Der Stuttgarter Zeithistoriker Wolfram Pyta deutet Hitler in seiner neuen Studie nicht in „biographischer Manier“, sondern will Schneisen in das Dickicht der Geschichtsschreibung schlagen und zugleich Kultur- und Politikgeschichte miteinander verbinden. Er untersucht Hitler als einen Theatraliker, der die Öffentlichkeit suchte, sie beeinflusste und in seinem Sinne formte und sich selbst inszenierte. Pyta hält Hitler nicht für einen Künstler, sondern fragt nach den Folgen von Hitlers Selbstbild als Künstler und nach dessen Anspruch, Deutschland, dessen Gesellschaft und Europa, nicht zuletzt auch den von ihm entfesselten Krieg politisch-theatralisch zu gestalten.

Peter Reichel hat früh vom „Schönen Schein des Dritten Reiches“ gesprochen und vorweggenommen, worum es Pyta geht: Er deutet Hitler exemplarisch als Protagonisten einer „Ästhetisierung von Politik“, die zugleich eine legitimierende Wirkung hat, Begeisterung und Fraglosigkeit erzeugt. In der Tat lässt sich das NS-Regime als Typus einer charismatisch legitimierten Herrschaft deuten.

Als Historiker, der den Literaturstand bestens überschaut, wendet sich Pyta gegen „wolkige Diskursanalysen“, zugleich aber auch gegen die Versuche einer in die Jahre gekommenen Gesellschafts- und Sozialgeschichte, die vor allem politische Interessen- und Machtkonstellationen betrachtet. Die Studie will begreifbar machen, wie sich Hitlers Herrschaft „durch performative Akte und deren mediale Vervielfältigung“ ständig verfestigte, weil es Hitler und seinem Regime durch ständige politische Inszenierungen gelang, sich immer neu „der Zustimmung seiner Gefolgschaft zu versichern“. Dies erklärt zugleich, weshalb Hitler seit der Kriegswende 1943 die Öffentlichkeit mied. Wie ein gescheiterter Künstler „kapselte“ er sich ab; nicht, weil er verachtet wurde, sondern weil sich die Erzeugung von Zustimmung und Gefolgschaftstreue auf den Propagandaapparat des Hitler ergebenen Goebbels verlagerte. Das Konzept politischer Theatralität wird so bestätigt.

Dem Stuttgarter Historiker ist mit seiner umfassenden Neudeutung Hitlers nicht nur ein großer historiografischer Wurf gelungen; Pyta befreit die Hitler-Forschung von manchen Verkrustungen und Stereotypen. So schafft der Nachfolger des großen Zeithistorikers Eberhard Jäckel die Voraussetzungen für eine verallgemeinerungsfähige Deutung auch unserer Zeit. In den Semidemokratien und Semidiktaturen, die sich vor unseren Augen etablieren, erklärt die Verbindung von medial realisierter Manipulation der Öffentlichkeit und einem demokratisch kaum noch korrigierbaren politischen Sendungsbewusstsein politischer „Führer“ die Aktualität dieses anregenden Deutungsansatzes. So beweist Pyta, dass die Verbindung von Gegenwartsanalyse und historischer Problemdarstellung neue Fragen aufwerfen, aber auch zu gedanklichen Weiterungen anregen kann, die helfen, die Regime eines Orbán, eines Erdogan und eines Putin zu verstehen.


Wolfram PytaHitler. Der Künstler als Politiker und Feldherr. Eine Herrschaftsanalyse
Siedler, München 2015, 848 Seiten, 39,99 Euro

 

Erschienen in Rotary Magazin 7/2015

Peter Steinbach
Peter Steinbach (RC Baden-Baden) ist Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin und Professor für neuere und neuste Geschichte an der Universität Mannheim. Zu seinen Büchern zählen u. a. "Der 20. Juli 1944" (Siedler 2004) und "Franz Schnabel. Der Historiker des freiheitlichen Verfassungsstaates" (Lukas 2010) www.gdw-berlin.de

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