15.07.2014

Graf von Staufenberg 

Ein Kapitel für sich

Peter Steinbach

In wenigen Tagen begeht Deutschland den 70. Jahrestag des Attentats vom 20. Juli 1944 auf Adolf Hitler. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg hatten sich die Deutschen mit der Würdigung des Widerstands gegen den Diktator und Kriegsherrn lange schwer getan. Die Geschichte einer schwierigen Annäherung.

Seit den fünfziger Jahren wird alljährlich mit einer zentralen Gedenkveranstaltung der Bundesregierung und des Berliner Senats im Innenhof des Bendlerblocks an den Anschlag im ostpreußischen Führerhauptquartier erinnert. Aber es ist nicht vergessen, wie schwer es sich die Deutschen lange mit der Würdigung des Attentäters und seiner Tat und machten. Zunächst hat die NS-Propaganda ihr Urteil beeinflusst. „Ehrgeizzerfressene Offiziere“ hätten versucht, ihn zu töten, verkündete Hitler in den frühen Abendstunden des 20. Juli 1944 in seiner ersten Rundfunkansprache. Viele Deutsche machten in den folgenden Tagen aus ihrem Abscheu über Landes- und Hochverrat kein Hehl.

Insgeheim wurde Graf von Stauffenberg im Sommer 1944 nur von jenen gerechtfertigt, die sicher waren, dass Deutschland allein durch die vollständige militärische Niederlage von der NS-Herrschaft befreit werden konnte. Die meisten Zeitgenossen wollten im Attentat lediglich den Versuch eines hohen Wehrmachts-Offiziers sehen, in letzter Minute seine eigene Haut und die Stellung der Militärkaste zu retten. Welcher Mut zu dieser Tat gehörte, was Stauffenberg – schwer verletzt in Nordafrika, verheiratet, Familienvater – riskierte, das wollten sie weder wissen noch würdigen, und nur zu gern glaubten sie den Ausfällen nationalsozialistischer Propaganda gegen Adelige und Generalstabsoffiziere.

Die Mitverschwörer Stauffenbergs belasteten in den Gestapo-Verhörenden Attentäter und luden den Großteil ihrer Mitverantwortung auf die bereits in der Nacht zum 21. Juli 1944 erschossenen Verschwörer ab.

ZÖGERLICHER PERSPEKTIVWECHSEL

Nach der Befreiung von Nationalsozialismus änderten die Deutschen ihre Perspektive nur langsam. Nun wurde Stauffenberg nicht mehr als Verräter diffamiert, wurde seine Familie nicht mehr geächtet. Geachtet wurde der Attentäter freilich auch noch nicht. Vielmehr suchten Mitläufer – Bundespräsident Heuss sprach von den „moralisch Anspruchslosen“ – vor allem ihre eigene Passivität zu rechtfertigen, wenn sie Stauffenberg weniger das Attentat als vielmehr dessen angeblich dilettantische Ausführung anlasteten. Viel zu spät sei der Bombenanschlag erfolgt, nicht konsequent sei seine Ausführung gewesen.

Die meisten Deutschen lehnten es bis weit in die fünfziger Jahre sogar strikt ab, eine Schule oder eine Straße ihrer Gemeinde nach dem Attentäter zu benennen. Das lässt sich wohl nur tiefenpsychologisch erklären. Denn Fragen der Nachwachsenden nach der Vergangenheit ihrer Eltern und Großeltern wurden in der Regel auf eine Weise beantwortet, dass sich fast stets eine Entlastung und eine Rechtfertigung der Angepassten und Mitläufer ergab, die durch ihr Verhalten vieles von dem ermöglicht hatte, wogegen sich Stauffenberg gestellt hatte.

Dennoch kamen Stauffenberg und seine Mitverschwörer Mitte der fünfziger Jahren vielen der Deutschen gelegen, die der Bundesrepublik Deutschland erneut einen Platz im Kreis der zivilisierten Nationen schaffen wollten und deshalb den Widerstand als Ausdruck eines anderen und besseren Deutschlands deuteten.

Auch die DDR wollte auf ihre Weise an die Geschichte des Widerstands anknüpfen, um neue staatliche Traditionen zu stiften. Die SED-Spitze behauptete jedoch, in entscheidendem Maße sei der „antifaschistische“ Widerstand von Kommunisten angeleitet worden, diese seien die wichtigste und führende Kraft des Gesamtwiderstands gewesen. Während die DDR den kommunistischen Widerstand überhöhte, wurde seine Bedeutung im Westen folgerichtig bezweifelt: Die Kommunisten hätten den Teufel Hitler doch lediglich mit dem Beelzebub Stalin austauschen wollen. So belastete die Erinnerung an den Widerstand das Verhältnis der beiden deutschen Nachkriegsstaaten auf eine neue Weise.

ZWEIERLEI SICHTWEISEN

Hüben las sich die Rechtfertigung des Widerstands ganz anders: Die Regimegegner hätten sich der Vollmacht ihres Gewissens gebeugt und vor allem aus ethischen und moralischen Motiven heraus gehandelt. Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung, Orientierung an der Menschenwürde und das Bewusstsein von einer europäischen Gemeinschaft, zu der Deutschland gehören sollte, wurden beschworen, um die Ziele des bürgerlich-militärischen Widerstands zu charakterisieren. Diese Würdigung des „bürgerlichen Widerstands“ wurde in der DDR bezweifelt, weil viele der Regimegegner im Militär Funktionen im NS-Staat und in der Wehrmacht bekleidet hätten.

Wie konnte man in einer solchen Situation mit Stauffenberg umgehen? Seine Herkunft und seine Funktion konnte man nicht verändern, sondern sein Leben nur auf eine Art beschreiben, die sich in die Widerstandserzählungen der beiden deutschen Staaten einfügte. Vielleicht ließ sich seine angebliche innere Überzeugung ein wenig korrigieren? Dies war vor allem für das Geschichtsbild der DDR entscheidend. Der Potsdamer Historiker Kurt Finker, ein Vertreter der DDR-Geschichtswissenschaft, deutete Stauffenberg deshalb als einen Attentäter, der zumindest Kontakt zu den Kommunisten gesucht hätte. Er machte ihn auf diese Weise in der DDR akzeptabel, fand aber bei westlichen Historikern Widerspruch. Diese deuteten den Widerstand nicht aus den Begrenzungen seiner Zeit, sondern integrierten ihn in die Vorgeschichte der Bundesrepublik und des Grundgesetzes. Dies stieß bei manchen westdeutschen Historikern auf Widerspruch, die betonten, die Gruppe um Goerdeler und Stauffenberg habe sich nicht für die westliche Demokratie eingesetzt, sondern sei vom deutschen Machtstaatsgedanken geleitet gewesen. Sie behaupteten sogar, Stauffenberg habe die Regierungsübernahme Hitlers begrüßt, was inzwischen widerlegt ist.

Natürlich hatte Stauffenberg niemals eine programmatische Nähe zum kommunistischen Widerstand gesucht. Der Deutung Stauffenbergs durch die SED wurde im Westen mit überzeugenden Argumenten widersprochen. Er wurde von den Biographen als ein Regimegegner gezeichnet, der entschieden antikommunistisch war und somit zugleich ein Kind seiner Zeit.

Antibolschewismus war indes gewiss nicht Stauffenbergs Hauptmotiv, aber auch Empörung über die Entrechtung und Ermordung der Juden lässt sich nicht anführen, um sein Verhalten zu erklären. Gewiss beherrschte ihn seit 1943 der Wunsch, Hitlers Herrschaft zu beseitigen. Antikommunistisch war er aber auch nicht. Vergessen und übersehen wurde lange, dass Stauffenberg wenige Wochen vor dem Attentat den Sozialdemokraten Julius Leber gebeten hatte, Kontakte zu kommunistischen Widerstandskämpfern in Berlin zu suchen, denn Widerstand und Umsturz waren ohne Massenbasis nicht denkbar. Deshalb waren Kontakte zu Gewerkschaftern, zu Vertretern der SPD und der alten KPD wichtig.

Seit den fünfziger Jahren veränderte sich das Urteil, vermutlich als Folge einer immer klareren Verurteilung des nationalsozialistischen Rassen- und Unrechtsstaates. Die neu aufgebaute Bundeswehr bezog Stauffenberg seit der Mitte der fünfziger Jahre konsequent in ihr Traditionsverständnis ein. Ihre Führung vertrat nicht mehr das Ideal des bedingungslosen Gehorsams. Ihr kam es vielmehr darauf an, deutlich zu machen, dass in Zukunft jeder Befehl Grenzen haben musste, wenn er gegen Menschenwürde und Menschenrechte verstieß. Ein Kamerad Stauffenbergs, Graf Baudissin, entwickelte das Konzept der Inneren Führung und schrieb der Auseinandersetzung des Soldaten mit den ethischen Grundlagen des Soldatentums und den Grenzen des Gehorsams einen hohen politisch-pädagogischen Stellenwert zu.

Manche Würdigungen von Politikern, die Stauffenberg alljährlich am Ort der Hinrichtung ehrten, schossen aber weit über das Ziel hinaus, wenn behauptet wurde, die Widerstandskämpfer des 20. Juli hätten bereits die freiheitlich-demokratische Grundordnung des Grundgesetzes verwirklichen wollen.

EINE EXEMPLARISCHE BIOGRAPHIE

So drohte einer angemessenen Würdigung von Stauffenberg wohl immer Gefahr durch Historiker und Geschichtspolitiker, denn pauschale Deutungen provozierten stets den Widerspruch der Öffentlichkeit und problematisierten einen Menschen, der nach seiner Entscheidung, Hitler zu töten, geradlinig und unbeirrbar seinen Weg bis ans Ende ging. Einige Historiker betonten, Stauffenberg habe „lediglich“ aus den Denkvorstellungen des Obrigkeitsstaates heraus seinen Weg in den Widerstand gesucht und bis in die letzten Wochen vor dem Attentat noch in der Sicherung einer deutschen Hegemonialstellung in der Mitte Europas ein wichtiges Ziel seiner Bestrebungen gesehen. So wurde der Attentäter, der sich ohne Zögern für den Anschlag zur Verfügung gestellt hatte, erneut zum Objekt der Kritik am bürgerlich-militärischen Widerstand. „Es gab nicht nur den 20. Juli…“, in diesem Satz lässt sich die Distanzierung vom Anschlag auf Hitler greifen, die vor allem in den sechziger Jahren bestimmend zu werden schien. Deshalb musste bald dagegen betont werden: „Aber diesen 20. Juli gab es auch.“

Verstellt wurde in den zahlreichen Deutungen und Umdeutungen der Blick auf den Menschen Stauffenberg, auf seine Biographie und Sozialisation, seine Entscheidungen und Leistungen. Dabei lässt sich geradezu exemplarisch an seiner Biographie zeigen, dass Regimegegner aus Militär und Bürgertum im NS-Staat in der Regel Positionen überwinden mussten, die sie – zumindest partiell – zunächst sogar mit den Nationalsozialisten geteilt hatten. Sie verkörperten so die Kraft zur Selbstkorrektur und zur Entscheidung.

Das Gespür für die Dramatik ihrer politischen und geistigen Umorientierung, den bei der Vorbereitung von Anschlag und Umsturz gezeigten Mut, die Überwindung individueller Verstrickungen in Zeitströmungen, war bei vielen Nachlebenden zunächst nur schwach ausgeprägt – später aber suchten viele der Nachgeborenen in der Widerstandsgeschichte nach reinen Helden, nach makellosen Lichtgestalten. Sie verfehlten so die Wirklichkeit eines beeindruckenden Lebens an einer doppelten Front: zwischen Bomben und Gestapo, im Spannungsverhältnis von Kooperation und Konfrontation, von Gehorsam und Widerspruch, von Leben und Tod.

Erschienen in Rotary Magazin 7/2014

Peter Steinbach
Peter Steinbach (RC Baden-Baden) ist Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin und Professor für neuere und neuste Geschichte an der Universität Mannheim. Zu seinen Büchern zählen u. a. "Der 20. Juli 1944" (Siedler 2004) und "Franz Schnabel. Der Historiker des freiheitlichen Verfassungsstaates" (Lukas 2010) www.gdw-berlin.de

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