29.08.2011

Beziehungen im Zeitalter von Facebook

Wann ist ein Freund ein Freund?

Malte Herwig

Darf ich Ihnen meinen Freund Mark vorstellen? Wir haben an der gleichen Uni in den USA studiert, auch wenn wir uns damals noch nicht kannten. Auf den ersten Blick verbindet uns nicht viel: Er ist zehn Jahre jünger als ich, ein mathematisch begabter Lockenschopf, der am liebsten Badelatschen trägt und die Zeit vor dem Computer verbringt. Zugegeben, Mark hat noch ungefähr fünf Millionen Freunde neben mir. Auf seiner Geburtstagsfeier würde es vermutlich ziemlich voll werden und der Kuchen würde nicht für alle reichen. Er ist ein erfolgreicher Typ und so einer hat halt viele Freunde. Letztes Jahr war mein Freund Mark als „Person des Jahres“ auf dem Titel des TIME-Magazins. Multimilliardär ist er schon ein paar Jahre länger, und kürzlich lief sogar ein Film über ihn im Kino. Natürlich habe ich den Film gesehen – allerdings ohne ihn, denn wir sind ja nicht wirklich befreundet, Mark Zuckerberg und ich. Nein, wir sind „Freunde“ auf „Facebook.com“, dem sozialen Netzwerk, das Mark 2004 gegründet hat und das mittlerweile um die 700 Millionen Mitglieder hat – immerhin ein nicht ganz unbeträchtlicher Anteil der Weltbevölkerung. Früher kannte ich Freundschaften nur vom Schulhof, aus dem Ruderverein oder von Schiller: „Wem der große Wurf gelungen / Eines Freundes Freund zu sein...“ Bei Mark ging das viel leichter: Ich musste einfach im Internet einen Knopf drücken – schon waren wir „befreundet“ und ich bekam in schöner Regelmäßigkeit Post von ihm. Klick um Klick habe ich so in zwei Jahren bereits mehr Freunde gesammelt als in den drei Facebook-losen Jahrzehnten zuvor: Ungefähr 600 sind es, von denen ich schätzungsweise ein Viertel persönlich kenne und bei zwei weiteren Dritteln immerhin weiß, was sie beruflich tun. Bei 25 Prozent meiner Facebook-„Freunde“ habe ich keinen blassen Schimmer, wer sie überhaupt sind. Vielleicht ist die eine oder andere PR-Firma dabei, die mir unter dem Deckmantel der Freundschaft irgendwelche suggestiven Werbebotschaften unterjubeln oder meine Daten abschöpfen will. Böse Zungen behaupten schon länger, mein Freund Mark schere sich ohnehin nicht besonders um die Privatsphäre anderer, wolle Internet-Giganten wie Google und Co. mit allen Mitteln vom Thron stoßen und die baldige Weltherrschaft anstreben. Ich aber glaube, es handelt sich einfach um ein kulturelles Missverständnis: zwischen uns reservierten Europäern und den offenen Amerikanern, die mit dem Begriff „Freund“ viel freizügiger umgehen. „Wer glaubt, dass jeder Facebook-Kontakt ein Freund ist, der weiß nicht, was Freundschaft bedeutet“, hatte mein Freund Mark dem Magazin GQ schon vor Jahren anvertraut.

Ganz ehrlich: Kennen wir das nicht auch aus unserem Alltag, dass Menschen, die wir leichtfertig als „Freunde“ bezeichnen, doch eher „Kontakte“ sind? Für mich ist Facebook jedenfalls ein Anlass, wahre Freundschaften zu vertiefen und mich ansonsten an den allzeit klugen Satz von Marie von Ebner-Eschenbach zu halten: „Es gibt wenig aufrichtige Freunde. Die Nachfrage ist auch gering.“ Mein Freund Mark, da bin ich sicher, wird mir zustimmen.

Erschienen in Rotary Magazin 9/2011

Malte Herwig
Dr. Malte Herwig ist Reporter und Autor. Zuletzt erschien „Die Frau, die Nein sagt. Rebellin, Muse, Malerin - Françoise Gilot über ihr Leben mit und ohne Picasso “ (Ankerherz Verlag 2015). Für das Rotary Magazin befragt er regelmäßig Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Gesellschaft.  www.malteherwig.com

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