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Peters Lebensart

Disziplin, die Freude macht

Peters Lebensart - Disziplin, die Freude macht
© Illustration: Jessine Hein / illustratoren

Gemeinsames Essen am Tisch statt Dauersnackerei vor dem Monitor ist nicht nur für die Figur besser, sondern auch für die Psychohygiene – vor allem jetzt.

Peter Peter01.05.2020

Da ein Schokoriegel, hier ein Stück Pizza auf die Hand oder ein Kaffee to go mit Muffin zum Reinbeißen. Gesund ist das alles nicht, aber für viele Normalität im hektischen Arbeitsleben. In diesen Quarantänezeiten gibt es ein weiteres Argument gegen Snacken. Es zerstört den Rhythmus des Alltags, nimmt uns den Appetit auf die geregelten Mahlzeiten, mit denen wir versuchen, die potenzielle Langeweile von permanentem Homeoffice zu takten.

Vielleicht hilft in diesen Tagen ein Blick über den nationalen Gartenzaun. In Frankreich warnen staatliche Stellen: ne grignoter pas, nascht nicht. Ob Gewerkschaften, Schulen oder Wellness-Autorinnen wie Mireille Guiliano („Why French women don’t get fat“) – große Teile der Gesellschaft plädieren dafür, ausgiebige Essenszeiten auch aus psychohygienischen Gründen einzuhalten. Eine gesetzte Mahlzeit, auf die man sich konzentriert – auch dazu dient das Zeremoniell wie ein gedeckter Tisch, gleichzeitiger Beginn, Tischgespräch –, führt dazu, den Kopf freizukriegen, die Reserven aufzutanken. Ein Digital-Detox-Moment des Entspannens, der Arbeits- von Ess-Sphäre trennt.

Doch wir Deutschen haben oft andere Assoziationen. Ein gemeinsamer Tisch, das klingt in den Ohren vieler immer noch nach Hierarchien und Maßregelungen, nach der stummen Knute des Gott sei Dank schon lange abgeschafften „Bei Tische spricht man nicht“. Ein viel gelesenes Buch mit dem bezeichnenden Titel „Zungenglück und Gaumenqualen“ widmete sich seelischen Traumata durch autoritäre Aufesszwänge am heimischen Familientisch.

Ehrlich gesagt: Für die allermeisten sind das tempi passati. Gemeinsam zu essen ist nicht mehr selbstverständlich, sondern etwas ganz Besonderes geworden.

Sich zusammen an einen Tisch setzen kann wunderschön sein. Oder riskant, wenn Animositäten in der Luft liegen und man fürchtet, sie könnten angesichts von zu viel Nähe aufbrechen. Aber es bleibt klüger, als sich mürrisch aus dem Weg zu gehen. Beduinen, die gemeinsam aus einer Schüssel Reis essen und dabei nicht gierig nach den leckersten Hammelstücken greifen, wissen es genauso wie unsere alten „Tischzuchten“ und Knigges: Es geht um Nehmen und Sich-Zurücknehmen, um Teilen und Verzichten. Ist es zu hoch gegriffen, den Esstisch als Miniaturmodell des Idealstaats zu sehen, wo Konfliktaustarierung eingeübt werden kann?

Zeiten ändern sich, und trotzdem könnte es die „Generation Vordembildschirmesser“ nachdenklich stimmen, wie vergangene Epochen die Idee des Alleine- oder Schnell-Essens beurteilten. Klar, Päpste und Könige mussten solo speisen, weil sie so hoch standen, dass sie keine ebenbürtigen Tischgenossen fanden. Aber sonst: asketische Einsiedler, Idioten, sprich Eigenbrötler (!) im griechischen Wortsinn, Ausgestoßene. Erst das Restaurant des 19. Jahrhunderts schuf den Typ des Individual-Essers. 1838 ätzt der Gastrosoph Gustav Blumröder über die „Dollarmänner“: „Mit welcher hastigen Verdrießlichkeit schlingen und schlucken sie und eilen, mit der geschäftsstörenden Pause so schnell als möglich fertig zu werden! Es sind keine fünf Minuten vergangen, und schon steht einer nach dem andern eilfertig auf, und geht, noch käuend, ab!“

Natürlich werden wir nicht wieder wie zu Kaisers Zeiten alle dreimal des Tags brav um den Familientisch sitzen. Aber diese kulinarische Krisenstrategie kann uns den Wert der Gemeinsamkeit bewusster machen. Falls wir es nicht täglich schaffen: Den Sonntagsbraten oder zumindest die Kaffeetafel sollten wir beibehalten, wenn wir wieder rausdürfen.

Peter Peter

Peter Peter ist  ein deutscher Journalist  und Autor für die Themen Kulinarik und Reise. 2005 wurde er Mitglied der Deutschen Akademie für Kulinaristik, 2009 war er zudem Gastdozent am Gastrosophiezentrum der Universität Salzburg. Außerdem ist er Restaurantkritiker der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ und Autor einiger ausgezeichneter Kulturgeschichten der europäischen Küche. Im Rotary Magazin schreibt er monatlich über aktuelle Themen rund um das gute Essen und die feine Küche.

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