Joe Cocker, Ian Dury und andere - Polio und Rock and Roll

Joe Cocker wurde oft belächelt für seine ungelenken Tanzbewegungen - die Nachwirkungen einer Polio-Erkrankung. © Cole Walliser/Sony Music Entertainment

10.11.2016

Joe Cocker, Ian Dury und andere 

Polio und Rock and Roll

Matthias Schütt

Ein Zusammenhang mit interessanten Facetten: Die letzte Generation der Polio-Opfer in der westlichen Hemisphäre war die erste, die die Massen mit moderner Musik begeisterte.

Als ein junger, noch weitgehend unbekannter Engländer am 17. August 1969 die Bühne des Woodstock-Festivals erstieg und um „a little help from my friends“ flehte, war dies der Einstieg in eine Karriere, die Joe Cocker (1944-2014) zum Superstar im Rockgeschäft machen sollte – für viele der beste weiße Bluessänger überhaupt. Legendär wurde nicht nur die Stimme, sondern auch seine Bühnenshow, die allerdings bei manchem Zuschauer auf Befremden stieß.

Die für Cocker typischen, ungelenk wirkenden Armbewegungen folgten einer eigenwilligen Choreografie, hatten aber auch eine profane Ursache: Joe Cocker war als Kind an Polio erkrankt und litt unter den Folgen. Er teilte dieses Schicksal mit einer Reihe anderer Größen der neuen Musik wie Neil Young, Ian Dury, Judy Collins und Donovan. Diese Künstler sind mit selbstgeschriebenen Songs berühmt geworden, und es ist naheliegend, dass die bitteren Erfahrungen ihrer Erkrankung auch einen Niederschlag in ihren künstlerischen Werken gefunden haben.

Neuer Polio Ambassador

Donovan (Jahrgang 1946), der erst kürzlich zum Rotary Polio Ambassador ernannt wurde, erkrankte mit drei Jahren an der Kinderlähmung und erinnert sich, dass sein Vater ihm in den langen Phasen der Bettlägerigkeit viel vorgelesen hat, vor allem Gedichte. Das wurde zur Initialzündung seiner Karriere: „Wenn es diese Erfahrung nicht gegeben hätte, wäre ich vielleicht nie darauf gekommen, meine eigenen Lieder zu schreiben und zu singen, so wie ich das das letzte halbe Jahrhundert getan habe.“ 

Was die Häufung der an Polio erkrankten Rockstars betrifft, kann der Befund statistisch nicht überraschen. Die moderne Popmusik begann ihren Siegeszug in den 1960er Jahren durch junge Protagonisten, die mehrheitlich in ihren Zwanzigern waren und damit in der westlichen Hemisphäre genau zu der Alterskohorte gehörten, die vor Einführung der Impfungen besonders Polio-gefährdet war. Nach Angaben der kanadischen International Immunization Initiative (CIII) forderten die Polio-Epidemien der 40er und 50er Jahre jedes Jahr eine halbe Million Opfer, die an der Infektion starben oder dauerhafte Lähmungen erlitten. Bevor in den späten 50er Jahren der Impfstoff endlich zur Verfügung stand, erlebten die USA noch 1952 die schlimmste Polio-Epidemie ihrer Geschichte mit 58.000 Infektionen und 3145 Todesfällen.  

Folksängerin Judy Collins verarbeitet ihre Erfahrungen mit Polio auch in Songs

Immerzu zuckend

Die letzte Generation dieser Polio-Opfer war zugleich die erste, die sich dem Rock ‘n Roll verschrieb. Das war eine völlig neue Musik, die man einfach genießen konnte, die aber oft viel mehr sein wollte als gefällige Unterhaltung. Diese Musik war laut und rebellisch, mit ihr verband sich Protest gegen die Umwelt, die Eltern, gegen Schule und Gesellschaft. Die langen Haare der Musiker wurden zum sichtbaren Ausdruck für ein neues Lebensgefühl, das sich den hergebrachten Konventionen nicht mehr unterordnen wollte. Deshalb war die Musik auch nicht einfach ein künstlerisches Angebot an ein Publikum, sondern wurde zur elementaren physischen und psychischen Selbsterfahrung. „Shakin‘ all over“ hieß ein Hit von 1960, der als Signatur über der ganzen Epoche stehen kann. Damit ist das ekstatische Zucken gemeint, mit dem manche Musiker diese Selbsterfahrung auslebten. Wer aber könnte das authentischer rüberbringen als „Polios“ wie eben Joe Cocker? Es kann deshalb auch nicht überraschen, dass der englische Musikwissenschaftler George McKay die erste Monografie zum Zusammenhang von Popmusik und Behinderung unter diesen Titel stellte „Shakin‘ all over. Popular music and disability“ (2013).

McKay geht seinen Fragen auf verschiedenen Ebenen nach: etwa wie sich Behinderte und insbesondere Polio-Betroffene in der Popwelt präsentierten, ob sich in ihren Werken Nachweise auf ihre Erkrankung oder Behinderung finden lassen und ob diese Werke möglicherweise auch geschrieben wurden, um das Thema in den öffentlichen Diskurs einzuführen. Ein berühmtes Beispiel für den indirekten Niederschlag ist Neil Youngs „Helpless“ von 1969, ein Aufschrei nach Erlösung und Trost.

US-Schauspielerin Mia Farrow erkrankte als Kind an Polio - und macht sich seither stark für Impfungen. Tragisch: Vor wenigen Tagen starb ihr Adoptivsohn Thaddeus - an Polio.
VIDEO: WIE MIA FARROW 2015 ZU MEHR ENGAGEMENT AUFRIEF.
KLICKEN SIE AUF DAS BILD.

Populäre Botschafter

Direkter und aggressiver ging der englische Sänger und Bandleader Ian Dury (1942-2000) mit seiner Polio-Behinderung um, spektakulär in dem Song „Spasticus Autisticus“, mit dem er 1981 gegen den herablassenden Gestus im Konzept des Internationalen Jahres der Behinderten protestieren wollte. Sein Wortwitz zeigte, dass er an seinem Polio-Schicksal nichts zu beschönigen fand: „I dribble when I piddle ‘cos my middle is a riddle…“ (sinngemäß: Ich beschmutze meine Hosen, wenn ich Wasser lasse, weil mein Körper mir ein Rätsel ist).

Aller Wut zum Trotz war Dury wie viele andere Betroffene bereit, seine Popularität in den Kampf gegen die Kinderlähmung zu stellen. Zusammen mit Robbie Williams war er in den 1990er Jahren als Botschafter für UNICEF in Sri Lanka unterwegs, um an Nationalen Impftagen mitzuwirken. Auch andere Stars der Musikszene, aber auch aus Film, Sport und anderen Bereich des Showgeschäfts stellten sich für diese Aufgaben zur Verfügung. Jüngstes Beispiel bei Rotary ist Donovan.

Matthias Schütt

Matthias Schütt ist selbständiger Journalist und Lektor. Von 1994 bis 2008 war er Mitglied der Redaktion des Rotary Magazins, die letzten sieben Jahre als verantwortlicher Redakteur. Seither ist er rotarischer Korrespondent des Rotary Magazins und seit 2006 außerdem Distriktberichterstatter für den Distrikt 1940.

 

Rotary Magazin 5/2017

Rotary Magazin Heft 5/2017

Titelthema

Populismus

Wird die Politik der postmodernen Gesellschaften künftig von ihren Rändern her bestimmt? Oder wird die politischen Mitte stärker? Zu den Ursachen eines politischen Phänomens und möglichen Antworten.

Newsletter abonnieren



load   ...lade Newsletter Formular

Festspielkalender

Der Online-Service mit komfortablen Suchfunktionen nach Festspielen, Veranstaltungsorten, Terminen mit direktem Link zu den Websites der Festspiele ermöglicht den schnellen Zugriff auf die gewünschte Veranstaltung.

Weitere Experten
aus der Rubrik Kultur

Detlef Gürth Franz Walter Ulrich Schmitz-Huebner Silvio Vietta Eckhard Fuhr Alfred Schön

Was ist Rotary?

Lokal verankert -
global vernetzt

Rotary International ist die älteste Serviceclub-Organisation der Welt. Seit der Gründung des ersten Clubs durch vier Freunde vor 105 Jahren hat sich Rotary zu einem weltumspannenden Netzwerk entwickelt.

Clubsuche

Finden Sie den Club in Ihrer Nähe

Kontakt

Treten Sie mit uns in Kontakt

Anschrift:
Rotary Verlags GmbH
Raboisen 30
20095 Hamburg

Telefon: +49 40 34 99 97 0
Telefax: +49 40 34 99 97 17

Termine

Rotary-Meetings, Festspiele und Messen

...wird geladen