Titelthema

Bis zum Höhepunkt

von Katrin Rönicke | 
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Die Unternehmerin Beate Uhse stand für eine neue Freiheit im Nachkriegsdeutschland. Ihr Erotikhandel und sie selbst gewannen internationale Ausstrahlung

Als der zweite Weltkrieg vorbei war, fand sich Beate Uhse, die als Pilotin bei der deutschen Luftwaffe Bomber an die Front geflogen hatte, zunächst in britischer Kriegsgefangenschaft wieder. Nach sechs Wochen wurde sie entlassen, und man teilte ihr mit, sie solle sich in Braderup melden, einer kleinen Gemeinde in Schleswig-Holstein zwischen Flensburg und Sylt. Wie viele andere musste sie als Mutter sich und ihren kleinen Sohn Klaus in der Nachkriegszeit irgendwie über Wasser halten. So probierte sie allerhand Berufe: als Landarbeiterin, als Traumdeuterin und schließlich als Aufklärerin über Empfängnisverhütung und Sexualität. Denn nach dem Krieg herrschte vielerorts Hunger, und die Vorstellung, noch ein Kind mehr versorgen zu müssen, war für viele Frauen Horror.

Als Tochter einer der ersten Ärztinnen Deutschlands konnte Beate helfen: Sie erstellte für Frauen, die sie bei den verschiedenen Arbeiten kennenlernte, Fruchtbarkeitstabellen anhand der sogenannten Knaus-Ogino-Methode. In ihrer Biografie schreibt Uhse: „Nach Feierabend setzte ich mich hin und entwarf auf einer geborgten Schreibmaschine folgenden Text: (…)“ Es folgt eine Beschreibung des weiblichen Zyklus und eine Anleitung zur Berechnung der fruchtbaren Tage der Frau. Die sogenannte „Schrift X“. Von dieser ließ sie zunächst 2000 Stück drucken, dazu 10.000 Postwurfsendungen mit Bestellscheinen für zukünftige Käuferinnen der Schrift X. Ein Exemplar zum damaligen Preis einer Zigarette. Die Idee war ein Volltreffer: Im ersten Jahr verschickte die Unternehmerin ganze 32.000 Exemplare der Aufklärungsschrift. Der nächste Schritt: Beim Kondom-Versandhändler Walter Schäfer besorgte sie Kondome, die sie außerdem anbot. Sie zog mit ihrem Mann Ewe Rotermund und dessen beiden Kindern nach Flensburg, gemeinsam bauten sie die Firma auf, die bis ins neue Jahrtausend als „Beate Uhse“ bekannt sein würde.

Dass eine Frau Erfolg mit einem Geschäft rund um Verhütung und Sexualität haben könnte, das war im Nachkriegsdeutschland der 1950er Jahre alles andere als selbstverständlich. Illiberalismus und Prüderie gingen damals Hand in Hand. Sex und alles drum herum stand ganz oben auf der schwarzen Liste, und wer mit „Unzucht“ sein Geld zu machen versuchte, landete nicht selten vor Gericht. So auch Beate Uhse, die nun eigentlich Beate Rotermund hieß. Dass sie „Gegenstände, die zu unzüchtigem Gebrauch bestimmt sind, angepriesen“ habe, war dem Staatsanwalt von Flensburg ein Dorn im Auge, und so wurde sie 1951 „wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften in Tateinheit mit Anpreisen von Gegenständen, die zum unzüchtigen Gebrauch bestimmt sind“, zu einer Geldstrafe von 600 D-Mark, ersatzweise 60 Tagen Gefängnis verurteilt. Und das war nur das erste von Dutzenden Verfahren, die Beate Uhse und ihr Geschäft bis in die 1970er Jahre hinein vor Gericht zu führen hatte. Sie ließ sich davon nicht beirren. Sie engagierte einen Anwalt, der mit ihr zusammen vor Gericht den Streit um die Frage austrug, was denn eigentlich „unzüchtig“ sein sollte. Er erhob diesen Streit zu einer Grundrechtefrage und betonte das Recht zur freien Entfaltung der Persönlichkeit als entscheidendes Maß für die Entscheidung, wie Menschen ihre Sexualität lebten. Ob sie Kinder bekamen oder nicht. Nach dem verlorenen ersten Verfahren vor Gericht beginnt ab hier die Siegsträhne der Unternehmerin, die ihren Kunden nicht nur Produkte, sondern auch Lebenshilfe verkaufte, etwa wenn sie schrieb: „Sollte es nicht eigentlich jeder Ehemann wissen, dass es auch für die Frau einen ‚Höhepunkt‘ gibt?“

Der Erfolg gab ihr recht: Der weltweit erste Sexshop namens Beate Uhse eröffnete 1962.

Katrin Rönicke

ist Autorin der 2019 erschienenen Biografie „Beate Uhse. Ein Leben gegen ­Tabus“ und Gründerin der Podcastfirma Hauseins in München.

Foto: Hella Wittenberg