Das Fräuleinwunder

Als junges, frisches und sehr hübsches Gesicht und ohne Nazi-Vergangenheit eroberte Elke Sommer zunächst Italien und dann Amerika im Sturm
Elke Sommer – geboren als Elke von Schletz – wurde im erwachenden Nachkriegsdeutschland zu einem der ersten Filmstars in den von Goebbels befreiten Kinos. Ihr Aufstieg bis in die unbeschreiblichen Höhen Hollywoods vor knapp 70 Jahren besaß die Rasanz eines „geölten Blitzes“. Mit ihrem wallenden blonden Haar erfüllte sie erste Sehnsüchte unserer Vorfahren, als diese – endlich auf das Wirtschaftswunder bauend – den Mut gefasst hatten, mit ihren getreuen VWs den Brenner überquerend touristisch in Italien einzufallen.
Mit dem Wort „Italien“ konkretisierten sich erste heiße Wünsche – nach Glanz und Gloria, nach Erfolg und Anerkennung. Nur dass es sich diesmal nicht um kernige Männerbeine handelte, sondern um das Temperament, die Anziehungskraft einer Frau mit begehrlichen Lippen, die nicht erst künstlich wie Reifen aufgepumpt werden mussten, um zu wirken, mit einer Taille, die nach dem „Goldenen Schnitt“ erschaffen schien, und einem Talent, dem sich Hollywood nicht zu verweigern wagte. Und das alles soll Elke Sommer, geboren am 5. November 1940, mit kaum 20 Jahren schon erlebt haben? Hat sie!
Ihr Märchen begann sogar noch früher, im Alter von 17 Jahren, natürlich in Italien. Dort wurde sie im Sommer 1958 unter den Augen des berühmten Filmregisseurs Vittorio De Sica zur „Miss Viareggio“ gewählt, der erste Schritt ins Rampenlicht. De Sica nahm die adlige Dame sofort unter Vertrag, bis Hollywood sie ihm ein paar Jahre später dank Schauspieler-Größen wie Paul Newman und Peter Sellers entführte. So reiste sie schon zurück in die Heimat als „Elke Sommer“. Was ihr Vater, der evangelische Pfarrer, Baron von Schletz, dazu gemeint hätte, weiß man nicht. Er starb, als Elke 14 Jahre alt war.
Seine Tochter erfüllte nun so ziemlich alles an Popularität, was Deutschland nach dem Ende der tristen Nachkriegsjahre ersehnte: blond sein, schlank werden und Reisen dürfen in Länder wie Italien oder speziell in die USA. Dass Elke Sommer dort schon seit ihrem Erfolgsfilm Das Totenschiff 1959 mit Horst Buchholz bekannt war, beeindruckte hierzulande. Blondes Haar war „in“ und sexy, besonders in den USA – Marilyn Monroe, Jayne Mansfield, Doris Day, Grace Kelly, Eve Marie Saint und nun noch die aus Deutschland eingereiste Elke Sommer. Diese löste statt Neid in unserer Heimat einen ungeheuren Nachahmungs-Ehrgeiz aus. Hauptsächlich wegen Elke Sommers Hochsteckfrisur. Mit ihr wuchs der Weltstar um glatte zehn Zentimeter auf 1,80 Meter. Kam sie dann noch hochhackig daher, ließ das die Männer erbleichen.
Mit Aussehen und Maßen wie diesen hat „die Sommer“ annähernd in 90 Film- und TV-Rollen gespielt. Den Golden Globe gewann sie 1963 als beste Nachwuchsdarstellerin an der Seite Paul Newmans in Der Preis. 1964 ritt sie in Karl Mays Unter Geiern mit und hatte schon im gleichen Jahr mit Peter Sellers in Ein Schuss im Dunkeln eine leicht bekleidete Ganovin gemimt wie auch 1967 im Agententhriller Heiße Katzen. In den USA war sie längst zum bewunderten Sexsymbol geworden.
Lange Zeit blieb sie Gast auf dem roten Teppich. Den Bambi gewann sie 1967/68, in der Spielzeit 1972/73 wählte Chicago sie zur besten Theaterschauspielerin, 2000 erhielt sie den Diva Award, 2019 den Bayerischen Verdienstorden. Heute lebt die fast 86-Jährige mit ihrem zweiten Ehemann, einem früheren US-Hotelier, in Kalifornien oder im Fränkischen. Zufall das alles? Wohl doch eher Schicksal!
Knut Teske
ist Journalist, Autor und Träger des Theodor- Wolff-Preises. Als langjähriger Chefreporter der „Welt“ berichtete er aus Krisengebieten und machte sich mit Biografien über deutsche Sportler einen Namen.
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