Titelthema

Der Bäcker und die Wolfshöhle

von Michael Sommer | 
 |  Lesezeit: 7 Minuten

Was uns Cicero verschweigt, verrät uns Pompeji. Ein Essay über das Leben der einfachen Leute

Was ist, wenn das Desaster sich zuerst nur wie Ungemach anfühlt? Wenn die tödliche Gefahr den Opfern erst spät bewusst wird, zu spät? Als Pompeji 79 n. Chr. durch einen Ausbruch des Vesuvs ausgelöscht und ein Großteil der Einwohnerschaft getötet wurde, ging es vielen Menschen so. Sie harrten in den eigenen vier Wänden aus, solange es eben ging. Als die Hitze unerträglich wurde und die Luft kaum noch atembar war, machten sie sich auf den Weg. Doch für die meisten wurde die Stadt zur tödlichen Falle.

Eine Gruppe von 14 Personen hatte sich in den frühen Morgenstunden – von Morgengrauen konnte angesichts der durch die Aschewolke über der Stadt liegenden Finsternis keine Rede sein – auf den Weg gemacht, um durch das Osttor zu entkommen. Das Unglück hatte sich seit Stunden, vielleicht sogar Tagen mit heftigen Erdstößen angekündigt, doch daran hatten sich die Pompejer gewöhnt, seit 62 n. Chr. ein Erdbeben Teile der Stadt zerstört hatte. In den Mittagsstunden des Vortages war der Vulkan ausgebrochen. Eine Eruptionssäule aus Magma, Asche und Bimsstein war über dem Vulkan erschienen. Von da an war Bimsstein auf die Stadt niedergegangen, am Nachmittag, am Abend und die ganze Nacht hindurch. Immer heftiger war der Regen geworden. Dächer waren eingestürzt, doch viele waren fest entschlossen zu bleiben.

Auch die 14 der Gruppe. Kurz nach Mitternacht war die Säule über dem Vesuv zusammengebrochen. Eine pyroklastische Wolke aus heißen Gasen und Asche sank allmählich über den Städten am Golf von Neapel nieder. Als es immer heißer wurde, blieb den noch in Pompeji ausharrenden Bewohnern nur die Flucht. Sie nahmen mit, was sie tragen konnten: Bargeld, Schmuck, eine Bronzelampe, Amulette, Gegenstände, an denen Erinnerungen hingen. Einer der 14 war Arzt. Er hatte ein Kästchen dabei, in dem sich eine Schieferplatte zum Mischen von Salben und Tinkturen und chirurgische Geräte befanden. War er auf der Flucht? Versuchte er, Verletzten zu helfen? Wir werden es nie erfahren. Gewiss ist nur, dass er sich nicht in Sicherheit bringen konnte: Der Arzt starb mit den anderen 13 Mitgliedern der Gruppe in einem Weinberg am Osttor.

Der erigierte Penis sollte das Haus vor bösen Mächten schützen

 

Was für diese Menschen und viele andere Einwohner Pompejis als Tragödie endete, war für die Archäologie ein Glücksfall. Man fand die Toten im Weinberg Anfang der 1960er Jahre, genauer gesagt: Man fand die Hohlräume, die ihre Körper im Bimsstein hinterließen, und goss sie mit Gips aus. So sind unzählige Avatare von Bürgern der Vesuvstadt entstanden, eingefroren im Moment ihres Sterbens. Wichtiger sind die Gegenstände, die sie bei sich trugen. Dokumente des Alltags, die auf anrührende Weise zeigen, was für Menschen Bedeutung hatte, die vor 2000 Jahren gelebt haben.

Nicht nur die Gips-Avatare geben uns Einblick ins pralle Leben einer antiken Stadt, auch die Straßen, Wohnhäuser, öffentlichen Bauten und Gräber erzählen Geschichten, die uns die antike Literatur verschweigt. Selbst für Cicero, den philosophisch beschlagenen, aufgeklärten Staatsmann, der aus einer Ritter-, keiner Senatorenfamilie stammte und zeitlebens unter dem sozialen Makel litt, waren Menschen, die auf Arbeit angewiesen waren, um finanziell über die Runden zu kommen, „schmutzig“. Handwerk, Kleinhandel, Gastronomie, all das waren Branchen, die für die römische Grundbesitzer-Elite nicht satisfaktionsfähig waren. Aber ohne solche Tätigkeiten kann keine Gesellschaft funktionieren, auch nicht die römische. Und Pompeji ist ein Monument für die Menschen im Dunkeln, auf die Ciceros Werke kein Licht werfen.

Menschen wie Modestus, der Bäcker. Seine Bäckerei befand sich im geografischen Zentrum der antiken Stadt, in der Nähe einer belebten Straßenkreuzung. Im rückwärtigen Teil befanden sich der riesige, aus Ziegeln gemauerte Ofen mit Eisentor, die Knetanlagen für den Teig und vier große Mühlen aus porösem Lavastein. Auf einen festen, glockenförmigen Unterbau war ein sanduhrförmiger Mühlstein gesetzt, mit einem hölzernen Arm. Daran wurden Esel geschirrt, die im Kreis liefen und so die Mühle antrieben. Oben hinein, in einen Trichter, schüttete man das Getreide. Was heute primitiv wirkt, war um Christi Geburt Hightech. Die pompejische Getreidemühle hatte erst vor relativ kurzer Zeit simple Schiebemühlen verdrängt, mit denen man jahrhundertelang in mühsamer Handarbeit Getreide gemahlen hatte.

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Der Backstube vorgelagert war ein Verkaufs­raum mit Tresen und großem Fenster zur Straße. Die Bäckerei war ein mittelständischer Betrieb, der Regie über die gesamte Lieferkette von der Getrei­deverarbei­tung bis zum Verkauf führte. Brot wurde hier nicht handwerklich gebacken, sondern proto-industriell, in einem hochgradig arbeitsteiligen Prozess. 81 verkohlte Brotlaibe wurden in dem Ofen gefunden. Sie wurden noch in der Nacht gebacken, als Pompeji unterging. Im benachbarten Herculaneum fanden sich ähnliche Laibe, die den Firmenstempel der Bäckerei trugen.

Modestus, der mit seiner Familie im Stockwerk über dem Betrieb wohnte, war kein armer Mann. In Rom steht das Grabmal eines seiner Kollegen, des Bäckers Eurysaces. Es hat die Form eines raffinierten Backofens und zeigt auf einem reliefierten Fries, wie Heerscharen von Arbeitskräften mit der Brot­herstel­lung beschäftigt waren. Modestus’ Betrieb war eine Nummer kleiner, aber das Grabmonument und die Stempel zeigen, dass Unternehmer sehr wohl stolz waren auf das, was sie geschaffen hatten. Die Verachtung in Ciceros Filterblase werden sie kaum zur Kenntnis genommen haben. Möglicherweise beschreibt man Modestus am besten als antikes Äquivalent zum Gründer eines Start-ups.

Wenn er überhaupt Modestus hieß. Den Namen leiten wir von Graffiti ab, die auf die Wand seines Betriebes und die der umliegenden Häuser gekritzelt waren. „Wählt Modestus zum Ädil!“ Hatte der Bäcker zur Holzkohle gegriffen, um auf diesem Weg Wahlwerbung für sich selbst zu machen? Oder war Modestus ein anderer Bürger Pompejis, der für das hohe Amt im Rathaus kandidierte? Wie dem auch sei: Soziale Aufstiegsgeschichten waren in der römischen Welt gang und gäbe. Gut möglich also, dass ein Bäcker seinen Hut bei der Kommunalwahl in den Ring warf.

Am nordwestlichen Stadtrand, im No-belviertel unweit des Forums, steht das Haus der Vettier. Die Domus ist eins der am besten erhaltenen Privathäuser der Stadt, nicht besonders groß, aber gediegen ausgestattet. Das klassische römische Atriumhaus wird hier im rückwärtigen Teil um einen üppigen Garten und weitere Räume ergänzt. Prunkstück des Hauses sind die qualitativ hochwertigen Wandmalereien im sogenannten vierten Stil. Sie zeigen Szenen aus dem Mythos, mit dem thebanischen König Pentheus und Herkules. Solche Bilder konnten sich nur reiche Leute leisten, sie lassen auf Bildung schließen.

Was auf den ersten Blick aussieht wie die Residenz alteingesessener Bürger, war womöglich die McMansion von Neureichen. Die Brüder Aulus Vettius Conviva und Aulus Vettius Restitutus waren, wenn nicht alle Indizien täuschen, Freigelassene: ehemalige Sklaven eines Aulus Vettius, dessen Namen und römisches Bürgerrecht sie erbten. Sie waren im Handel tätig und offensichtlich geschäftlich so erfolgreich, dass sie sich die Luxusimmobilie im besten Viertel leisten konnten.

Michael Sommer: Dirty Rome

Die schmutzige Seite der Antike. C.H. Beck 2026, 352 Seiten, 26 Euro

Foto: PR

Die sprichwörtliche Karriere vom Tellerwäscher zum Millionär bleibt stets wenigen vorbehalten. Die Graffiti von Pompeji erzählen auch die Geschichten der anderen, weniger Glücklichen. Dazu dürften die Kunden von Tavernen und Geschäften gehört haben, die sich über minderwertiges Essen beklagten. „Wir haben den Wirt hier gefressen“, kritzelten offensichtlich unzufriedene Gäste an die Wand einer Garküche. Oder: „Wirt, du schenkst einen miserablen Wein aus – und den unverdünnten behältst du für dich!“

Meist zufrieden kehrten Kunden einem besonderen Etablissement den Rücken: dem Lupanar („Wolfshöhle“) genannten Bordell der Vesuvstadt. „HIC EGO MVLTAS PVELLAS FVTVI“, hat ein Stammkunde in fehlerfreiem Latein an die Wand des Bordells geschrieben: „Hier habe ich viele Mädchen gevögelt.“ – „THYMELE EXTALIOSA“, notierte ein anderer, sichtlich beeindruckt: „Thymele hat einen fetten Arsch.“ Auch die Anbieterseite nutzte das Medium Graffito. „Wenn jemand hier sitzt, / soll er das vor allem lesen, / und wenn jemand vögeln will, / soll er nach Attice fragen: für 16 Asse“, reimte eine dichterisch begabte Prostituierte.

Der Bäcker Modestus hatte über seinem Backofen ein Relief mit einem Phallus angebracht. Das war keine Kunst am Bau, sondern ein apotropäisches Symbol. Der erigierte Penis sollte das Haus vor bösen Mächten und schädlichem Zauber schützen. Gegen den Vesuv blieb er wirkungslos. Gegen Asche, Bimsstein und tödliche Gase half auch kein Phallus – weder dem Bäcker, noch sonst einem der namenlosen Bewohner Pompejis.

Michael Sommer

lehrt als Professor für Alte Geschichte an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und ist auch als Autor erfolgreich.

Foto: Ralph Hennings