Titelthema

Geschichte wird lebendig

von Hermann Parzinger | 
 |  Lesezeit: 6 Minuten

Die Faszination für Archäologie ist nicht neu, aber sie wächst. Und einer ihrer Treiber ist das alte Pompeji. Warum eigentlich?

Die Archäologie ist eine Wissenschaft, die von jeher eine enorme Faszination ausübt. Das hat viele Gründe: die Freude am Entdecken, das detektivische Lösen von Rätseln oder spektakuläre Ausgrabungen. Auch unscheinbare Bodenfunde können unser Bild einer bestimmten Epoche in einer Region noch immer vollends auf den Kopf stellen. Das können nicht viele Wissenschaften von sich sagen. Archäologie fasziniert aber auch, weil sie eine Verbindung zur eigenen Herkunft schafft. Sie hilft zu verstehen, wo die eigene Kultur, Sprache oder Tradition ihren Anfang nahm, aber auch, dass einfache Erklärungsmuster nie viel mit der historischen Wahrheit zu tun haben.

Die moderne Archäologie ist zudem eine in höchstem Maße interdisziplinäre Wissenschaft: Archäologische Forschung ist ohne Botanik, Zoologie, Geologie, Geophysik, Materialwissenschaften oder Paläogenetik inzwischen gar nicht mehr vorstellbar. Diese Interdisziplinarität bietet ein breites Spektrum an Methoden und Verfahren, die uns helfen, die materiellen Spuren der Vergangenheit immer besser zu lesen. Dabei braucht es eine besondere Mischung aus Wissenschaftlichkeit und Vorstellungskraft. Die spannendsten Geschichten müssen nicht erfunden werden, sie liegen im Boden und warten darauf, entdeckt und verstanden zu werden.

Viele Menschen verbinden mit Archäologie in erster Linie berühmte Entdeckungen. Das Grab des Tutanchamun fasziniert noch immer durch seine Entdeckungsgeschichte und durch seinen sagenhaften Reichtum, der ganze Museen füllt. Viele denken bei Jahrhundert-Entdeckungen aber auch an die Terracotta-Armee von Xian: Über 7000 lebensgroße Soldaten, Pferde und Streitwagen aus Ton bewachen das unberührte Mausoleum des ersten chinesischen Kaisers Qin Shihuangdi von 210 v. Chr. Nicht weniger sensationell sind einzelne Gegenstände, wie die etwa 4000 Jahre alte Himmelsscheibe von Nebra in Sachsen-Anhalt mit der ältesten bislang bekannten Himmelsdarstellung in Europa. Astronomische Beobachtungen und jahreszeitliche Rituale spielten auch bei der rund 5000 Jahre alten und noch immer rätselhaften megalithischen Anlage von Stonehenge eine zentrale Rolle. Und die rund 17.000 Jahre alten Höhlenmalereien des Jungpaläolithikums aus Lascaux und verwandten Stationen bieten der-artig lebendig gezeichnete Tiere in ungemein dynamischen Bewegungen, teils mit Perspektive und in räumlicher Tiefe dargestellt, dass man es kaum für möglich hält, dass die Menschen der Späteiszeit uns eine derart lebensnahe Kunst hinterlassen haben, die danach für Jahrtausende wieder verschwindet.

Die Reihe faszinierender archäologischer Entdeckungen ließe sich beliebig fortführen. Aber es sind nicht nur herausragende Zeugnisse künstlerischen Schaffens, maßloser Reichtum in Königsgräbern oder geheimnisvoll-rätselhafte Anlagen mit astronomischen Bezügen, die die Menschen in ihren Bann ziehen. Von diesen setzt sich eine weitere Gruppe ab, die sich dadurch auszeichnet, dass sie eine ganz besondere Bindung über viele Tausende von Jahren herzustellen in der Lage ist.

Das gilt zum Beispiel für die Gletschermumie „Ötzi“ aus der Zeit um 3300 v. Chr., wobei wir das Schicksal des Toten inzwischen in allen Einzelheiten kennen. Aufgrund der Form seines Kupferbeils stammte er aus Oberitalien und war ganz offensichtlich auf dem Weg, die Alpen Richtung Norden zu überqueren. Wir können seine Kleidung rekonstruieren und kennen die Tätowierungen auf seiner Haut. Man lauerte ihm auf und verletzte ihn tödlich. Wir können seine letzten Stunden genau nachvollziehen und sogar seine letzte Mahlzeit rekonstruieren, deren hoher Protein- und Fettanteil darauf hindeutet, dass er sich bewusst für den anstrengenden Weg über die Alpen gestärkt hatte. Trotz vieler ungelöster Fragen ist noch nie so viel über einen vorgeschichtlichen Menschen dieser frühen Zeit bekannt geworden. Wir begreifen ihn beinahe als Persönlichkeit mit einer Biografie, die uns noch heute bewegt, wodurch eine besondere Nähe entsteht.

Aus anonymen Opfern werden Menschen mit Körpern, Haltungen und Geschichten. So erhält Erinnerung ein Gesicht

 

Nicht minder spektakulär sind die skythischen Eismumien der Pazyryk-Kultur im südsibirischen Altai-Hochgebirge. In die zwischen 500 und 300 v. Chr. angelegten Grabkammern drang Wasser ein, das gefror und über Jahrtausende gefroren blieb. Die Verstorbenen blieben dadurch mit ihrer vollständigen und teils sehr prachtvollen Kleidung aus Filz, Wolle, Leinen und Leder sowie mit sämtlichen Gegenständen aus Holz und anderen organischen Materialien erhalten. Die Körper der Toten waren mumifiziert und tragen äußerst kunstvolle Tätowierungen mit Tierdarstellungen. Untersuchungen der Darm- und Mageninhalte weisen auf eine sehr fleischhaltige Ernährung hin, ergänzt durch Milchprodukte und Hirse. Man behandelte Knochenbrüche und Zahnprobleme, gegen Gelenkverschleiß durch häufiges Reiten war man jedoch machtlos. Eine weibliche Mumie auf dem Ukok-Plateau, oft als „Eisprinzessin“ bezeichnet, litt an Knochenentzündungen und an einer fortgeschrittenen Brustkrebserkrankung. Sie inhalierte regelmäßig Cannabis, höchstwahrscheinlich zur Schmerzlinderung. Im Vergleich zum Ötzi liefern die skythischen Eismumien keinen Blick in die letzten Stunden eines Einzelnen, dafür aber das umfassende, lebensnahe Bild einer ganzen Kultur und ihrer Menschen. Die Archäologie wird aufgrund dieser besonderen Erhaltungsbedingungen im Permafrost förmlich zur Ethnografie.

Eine ganze Stadt, die förmlich wie ein – im übertragenen Sinn – eingefrorener Augenblick menschlichen Lebens erscheint, ist Pompeji. Der Ausbruch des Vesuvs im Jahre 79 n. Chr. zerstörte die Stadt auf einen Schlag und konservierte sie zugleich. Pom­peji berührt uns heute nicht wegen seiner Tempel, Villen oder Fresken, sondern gerade dieser paradoxe Zusammenhang zwischen Zerstörung und Konservierung macht diese Stadt zu einem Erinnerungsort von außergewöhnlicher Kraft. Pompeji erzählt nicht primär die Geschichte von Herrschern und politischen Ereignissen, sondern sie macht das alltägliche Leben in einer römischen Metropole sichtbar. Wir sehen Werkstätten, Tavernen, Graffiti an den Wänden, Kochgeschirr, das gerade noch in Verwendung war, Schlafzimmer und Gärten.

Die Distanz von fast 2000 Jahren schrumpft in besonderer Weise, und die Menschen und ihre Schicksale, die uns so unendlich fern erscheinen müssten, werden uns plötzlich überraschend vertraut. Wir spüren ihre Sorgen, Hoffnungen, Geschäfte und Beziehungen, und wir bemerken, dass diese sich weniger von den unseren heute unterscheiden, als wir dachten. Noch wenige Stunden oder Minuten vor dem Ausbruch wurde eingekauft, gekocht und gestritten. Und keiner der Akteure ahnte, dass die gewöhnlichste seiner Tätigkeiten seine letzte sein würde. Und der Besucher spürt das beim Gang durch die Ruine. Pompeji ist deshalb ein so bedeutender Erinnerungsort, weil er uns eindrucksvoll aufzeigt, dass Geschichte nicht nur aus Daten, Kaisern und Dynastien besteht, sondern aus gelebtem Leben.

Gabriel Zuchtriegel: Pompejis letzter Sommer

Als die Götter die Welt verließen. Propyläen 2025, 320 Seiten, 33 Euro

Foto: PR

Die berühmten Gipsabgüsse der Opfer erschüttern uns nicht nur, weil sie den Tod zeigen, sondern gerade auch, weil sie einen letzten Versuch festhalten, sich zu schützen, ein Kind festzuhalten oder einen Ausweg zu finden. Diese Gipsabgüsse von Menschen und Tieren entstanden, indem Archäologen die Hohlräume ausfüllten, die die Körper im erhärten Aschematerial hinterlassen hatten. Sie vermitteln damit einen sehr direkten Eindruck vom menschlichen Schicksal während des Ausbruchs und individualisieren die Katastrophe. Aus anonymen Opfern werden Menschen mit Körpern, Haltungen und Geschichten. Und diese Individualisierung ist es, die Entdeckungen wie den Ötzi, die skythische Eisprinzessin und die Opfer von Pompeji miteinander verbindet und für uns heute nach Jahrtausenden so faszinierend macht: Erinnerung erhält ein Gesicht, und Schicksalsmomente werden individualisiert.

Seit über 200 Jahren wird in Pompeji ausgegraben. Das wichtigste Ergebnis der Untersuchungen sind nicht einzelne spektakuläre Funde, sondern die nahezu vollständige Erhaltung einer römischen Stadt, das vorzüglich überlieferte Archiv einer antiken Gesellschaft. Nicht Monumente oder Kunstwerke stehen im Mittelpunkt, stattdessen fasziniert das Zusammenspiel von Stadtplanung, Wirtschaft, sozialem Leben, Umwelt und Naturkatastrophe. Die Wandmalereien der Häuser in Pompeji zeigen bewusst gestaltete Lebenswelten, in denen Architektur, Malerei und Gartenkunst zusammenwirkten. Die Fresken spiegeln den ästhetischen Geschmack der Römer, aber auch ihre Bildungsideale, religiösen Vorstellungen und gesellschaftlichen Ambitionen. In dieser Dichte und Erhaltung sind sie unvergleichlich und bis heute die wichtigste Quelle der römischen Wandmalerei.

Und das ist das Einzigartige an Pompeji: Nicht nur das Individuum vor 2000 Jahren wird greifbar, sondern wir verstehen es im Kontext seiner Gesellschaft, die uns dadurch sehr nah erscheint. In dieser Hinsicht übertrifft Pompeji alles andere.

Prof. Dr. Hermann Parzinger

RC Berlin / ist Prähistorischer Archäologe. Von 1990 bis 2008 war er Direktor und später Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts, von 2008 bis 2025 Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Foto: Thomas Trutschel