Forum

Nur Mut! Es lohnt sich!

von Klaus-Peter Schöppner | 
 |  Lesezeit: 5 Minuten

Viele ältere Menschen kommen bei der Digitalisierung nicht mehr mit. Was das Leben erleichtern soll, erleben sie als Diskriminierung. Doch noch ist nichts verloren

Da verzichtet ein Top-Manager auf rund 90 Prozent seines Gehalts, um Deutschland aus dem digitalen Dornröschenschlaf zu erwecken: Carsten Wildberger, Bundesminister für Digitalisierung und Staatsmodernisierung, will uns endlich digital wettbewerbsfähig machen.

Doch macht er die Rechnung womöglich ohne die Bürger? Denn Nutzung setzt zuerst einmal Können voraus – und das ist Mangelware: Mehr als jeder vierte Deutsche schätzt seine eigenen Digitalkenntnisse als schlecht ein, kann also kaum etwas mit digitalen Endgeräten anfangen. Das ist eines der Ergebnisse der Repräsentativbefragung „Digitalakzeptanz der Deutschen“ von Mentefactum und Media Tenor im Auftrag der Deutschen Glasfaser auf Basis von 3000 Interviews.

Angst vor digitaler Überforderung

In der Tat: Unser Nachholbedarf ist enorm. Bei Bildung, Verwaltung, Netzen, Unternehmensautomatisierung, bei Bezahl- und Identifikationssystemen: Gerade mal 14 Prozent der Deutschen glauben, wir seien derzeit in der Digital- und Innovationspolitik „auf einem guten Weg“. Denn erst die Kombination aus pfiffiger Digitaltechnik und notwendigem Anwendungskönnen zaubert das digitale Deutschland.

Wer kennt sie nicht, die „Glasfaser, wofür?“-Bürger? Die Autofahrer, die den Parkplatz verzweifelt zu verlassen versuchen, weil sie den Parkautomaten nicht verstehen? Die verlorenen Kunden, die sich ärgern, weil Rabatte nur digital gewährt werden? Die Verbraucher, die ihre Digital-Prospekte nicht herunterladen können? Die ÖPNV-Verzweifler, die es nicht schaffen, das Prepaid-Ticket zu lösen? Die verlorenen Enkelkontakte, weil das mit den Chats nicht klappt? Für viele ist die Digitalisierung die moderne Form von Ausgrenzung und Aussperrung.

Gerade mal 14 Prozent der Deutschen glauben, wir seien derzeit in der Digital- und Innovationspolitik „auf einem guten Weg“

Klaus-Peter Schöppner

Milliarden an Sozialkontakten und Erlösen gehen verloren, wenn beim Staatsauftrag Digitalisierung neben der Technik nicht auch das Erklären die gleiche Bedeutung erlangt. Wenn aus analogen Nutzern der digitale Wutbürger wird. Was bislang die Regel ist, solange es unter den über 60-Jährigen immer noch 45 Prozent digitale Ignoranten gibt.

Ob die Anwendungskompetenz bei den Non-Digital-Natives steigerungsfähig ist, hängt von drei Baustellen ab.

Baustelle Aufklärung: Klarmachen, wo uns die Digitalisierung nützen kann, solange deren Alltagsbedeutung massiv unterschätzt wird. Zwar glauben beinahe zwei von drei Befragten an einen Nutzen in der Gesundheitsversorgung, kaum weniger bei Finanzen und Mobilität. Dann aber überwiegen die Zweifel: Nur jeder dritte Deutsche sieht positive Effekte für unsere ­innere Sicherheit. 41 Prozent bei Aus- und Weiterbildung, 39 Prozent bei Freundschaften und Beziehungen. Ein mentales Update ist also dringend notwendig: zeigen, wozu die Digitalisierung gut ist.

Baustelle Angst: Das dumpfe Gefühl vor der faktischen Abschaffung des Privaten. Vor wachsender Unsicherheit, vor Kriminalität, vor Finanzbetrug, vor dem Ausnutzen eigener Spuren in den sozialen Medien. Wo die Ängste der Deutschen ohnehin bereits ihr Maximum erreicht haben, ist das Ernstnehmen der Sorgen und das allgemeine Verständlichmachen von Lösungen für digitale Sicherheit die zweite wichtige Voraussetzung für die digitale Aufholjagd. Wobei Angst vor allem durch Unwissenheit entsteht, der dritten Baustelle.

Baustelle digitaler Blackout: Also raus aus dem tiefen Tal der Ahnungslosigkeit im Umgang mit Apps, Chats und der Bedienung von PC, Tablet, Smartphones und Online-Banking. Defizite sind bereits bei den über 45-Jährigen auffällig, ab 60, also fast jedem dritten Verbraucher, testieren Umfragen weitgehendes Kenntnis- und Anwendungschaos. Ihr Teufelskreis: Netzanwendungen überfordern sie, dadurch verlieren sie ihr Interesse, Digitalabstinenz ist die Folge.

Lebenslanges Lernen

Das zusammen verursacht in Deutschland einen Milliardenschaden: Probleme beim digitalen Kommerz, Autofahrten statt Kampf um das richtige Bahnticket, aufgegebene Versuche, Arzttermine zu bekommen, bei Filmen am Streaming gescheitert: Digitalisierung soll das Leben der Bürger einfacher machen, bislang spaltet sie eher.

Digitale Teilhabe geht nur, wenn den Bürgern klar wird, was wann wie getan werden muss, um digital fit zu werden. Nicht nur Investitionen in die Technik, sondern in die Anwendung der Technik: Wie kann das gehen?

Durch:

• Ausbildung der Ausbilder: Ältere Lehrkräfte müssen ihr digitales Niemandsland verlassen und unverzüglich Hilfe bekommen, ihren Unterricht digital zu gestalten.

• Lebenslanges Lernen ermöglichen: Erwachsene benötigen kostengünstige Angebote zum digitalen Update, zum Beispiel offene Kurse an Universitäten und Volkshochschulen. Digitale Tutoren, Erklärungen in Printform und vielleicht sogar Digitalpartys für Ältere.

• Sozialdigitale Teilhabe: Es braucht Kurse speziell für Bildungsferne, für Arbeitslose und Migranten.

• Digitale Vereinfachung: Häufig genutzte Digitalanwendungen müssen verständlich erklärt werden. Dazu gehören alltagsnahe Apps für Online-Banking, Arzttermine und Behördengänge.

• Kooperationen mit Unternehmen: Innerbetriebliche Weiterbildungen im Digitalsektor könnten staatlich gefördert werden.

Digitale Teilhabe

Das alles erfordert Zeit. Die wir dann gerne aufwenden, wenn uns der Alltagsnutzen klar wird. Dass die Digitalisierung unser Leben einfacher macht, dass wir Zeit gewinnen und Geld sparen können.

Also: Kein lästiges Kalorienzählen mehr. Es genügt ein Foto des Tellergerichts. Mails ersetzen Briefe, Porto und den Briefkastengang. Wie umständlich war die Schreibmaschine – heute nehmen uns Korrekturprogramme orthografische Blamagen ab. Kein Ärger mehr mit Moderatoren, die bei Kassettenaufnahmen über die Musikstücke sprachen. Wie oft mussten wir in Lexika oder Kochbüchern wälzen, bevor Google uns punktgenau Rezepte lieferte? Und plötzlich können wir via Videocalls auch unseren fernab wohnenden Enkeln Gute-Nacht-Geschichten vorlesen.

Digitale Teilhabe haben besonders ältere Bürger mit der Gefahr der Vereinsamung nötig. Warum also nicht beides miteinander verbinden? Zum Beispiel wenn sich unsere Kinder und Enkel ein kleines Taschengeld verdienen, indem sie den Senioren der Nachbarschaft zeigen, wie einfach es ist.

In Amerika werden häufig zehn Prozent des Forschungsetats in die Kommunikation des Nutzens investiert. Auch das könnte Minister Wildberger helfen, aus digitalen Wutbürgern digitale Gutbürger zu machen.

Klaus-Peter Schöppner

RC Bielefeld-Süd / war über 20 Jahre Geschäftsführer von TNS Emnid und leitet heute das Demoskopie-Beratungs- und Umfrage-Institut Mentefactum. Neben seinen Erhebungen publiziert er in vielen Tages-, Wochen- und Monatsmedien, moderierte über 1000 Sendungen für n-tv und N24 und ist Grimme-Preisträger.

Foto: Privat