„Diese Demokratie gehört auch mir!”

Bürger an Entscheidungen und Veränderungen zu beteiligen und so Demokratie erfahrbar zu machen, ist die Basis einer lebendigen politischen Kultur. Weg von einsamen Entscheidungen, hin zu gemeinsamem Entwickeln
Demokratie ist kein Zustand. Sie ist eine Handlungsmaxime – und zwar eine, die ununterbrochen Aufmerksamkeit, Leidenschaft und Beteiligung einfordert. Die repräsentative Demokratie, wie wir sie kennen, ist ein wichtiges und stabiles Fundament unserer Gesellschaft, doch sie allein genügt längst nicht mehr, um politisches Vertrauen zu sichern oder gesellschaftliche Komplexität zu bewältigen.
Lange wurden Beteiligungsprozesse in Verwaltungen eher als Störung empfunden. Bürger einzubeziehen galt als mühsam, langsam und teuer. Doch die Alternative ist gefährlicher: Entscheidungen ohne Rückhalt, wachsende Politikverdrossenheit und die gefährliche Frage, ob „die da oben“ überhaupt noch zuhören. Beteiligung muss ernst gemeint sein und Einfluss haben, sonst ist sie Beschäftigungstherapie. Es braucht neue Formate, durch die Bürgerinnen und Bürger wieder unmittelbar erfahren: Diese Demokratie gehört auch mir. Und es braucht Formate, die es Gemeinderat und Kommunalverwaltung erlauben, den Transformationsprozess aktiv zu gestalten und proaktiv am Veränderungsprozess teilzunehmen.
Einwohnerfragestunden, Stadtteilwerkstätten, World Cafés, digitale Partizipationsplattformen – sie alle sind Ausdruck desselben Prinzips: Demokratie lebt vom Mitmachen. Nicht als gelegentliche Veranstaltung alle vier bis fünf Jahre in der Wahlkabine, sondern als fortlaufender Austausch zwischen Institutionen und Bürgerschaft. Auf Augenhöhe und mit Respekt. Genau deshalb gilt es, Beteiligungsformate nicht als formale Unausweichlichkeit oder schmückendes Beiwerk zu begreifen, sondern als Grundnahrungsmittel einer lebendigen politischen Kultur. Wer mitreden darf, fühlt sich gehört; wer mitgestalten kann, übernimmt Verantwortung und akzeptiert Entscheidungen auch dann eher, wenn sie anders ausfallen als erhofft.
Viele Beispiele aus der kommunalen Praxis belegen, dass Bürgerbeteiligung trotz anfänglicher Vorbehalte und Widerstände mit dem richtigen Mindset und dem passenden Werkzeugkasten erfolgreich sein kann. Und wie im Handlungsgeflecht zwischen Bürgermeister, Gemeinderat, Verwaltung und Zivilgesellschaft die intensive und nicht selten leidenschaftlich geführte Auseinandersetzung vor Ort ungeahnte Kreativitätspotenziale eröffnen kann! Kreativitätspotenziale, die ein wichtiger Schritt in Richtung Problemlösung sein können: beim Neubau einer Justizvollzugsanstalt, dem Bau eines Testturms für Hochgeschwindigkeitsaufzüge mit Deutschlands höchster Aussichtsplattform oder die Errichtung einer 606 m langen Fußgängerhängebrücke in der ältesten Stadt von Baden-Württemberg.
Kurz: Beteiligung kostet Überzeugungsarbeit, Zeit und Ressourcen – aber Nicht-Beteiligung kostet Vertrauen. Und Vertrauen ist längst zur härtesten Währung unserer Zeit geworden.
Unverfasste und damit informelle Beteiligungsformate wirken wie Katalysatoren: Sie ermöglichen Politik und Verwaltung, Entscheidungen breiter zu erklären, Alternativen abzuwägen und Interessen transparent zu machen. Projekte müssen früher kommuniziert, verständlicher begründet und besser moderiert werden. Beteiligungsprozesse verändern auch die Arbeitslogik von Verwaltungen: von „Wir entscheiden und informieren anschließend“ hin zu „Wir diskutieren und entwickeln gemeinsam“. So entsteht ein Klima, in dem politische Entscheidungen nachvollziehbarer sind. Das ist eine Chance, um Verwaltungshandeln als gemeinsamen politischen Prozess erleben zu können statt als technokratischen Akt.

Beteiligung ist kein Risiko! Der Verzicht darauf wäre eines – und davon bin ich nach einiger Erfahrung auf diesem Feld zutiefst überzeugt. Denn Demokratie erodiert nicht durch Lautstärke, sondern durch Gleichgültigkeit.
Allerdings neigen wir viel zu oft dazu, an gewohnten Abläufen und vertrauten Verhaltensweisen festzuhalten, auch wenn Veränderungen für uns besser wären. Diese Status-Quo-Orientierung erschwert notwendige Erneuerungen und begünstigt das Verharren im Bekannten. Beteiligung braucht deshalb den Mut, neue Wege zu gehen. Politikverdrossenheit, Krise der politischen Repräsentation, Wahlmüdigkeit und wachsende Bedeutung der Bürgerbeteiligungen verlangen neue Ansätze und ein neues Verständnis von ernsthafter und ehrlicher Partizipation.
Wo die Menschen erleben, dass ihre Beiträge Wirkung entfalten, wächst Vertrauen. Und Vertrauen wird zur Basis, auf der Verwaltung, Politik und Bevölkerung miteinander arbeiten.
Wer Bürger beteiligt, bekommt mehr zurück, als er investiert: Identifikation, Kreativität, Gemeinsinn. Eine Demokratie von unten wächst nicht nur, sie trägt Früchte, indem sie die Gesellschaft trägt.
Ralf Broß (RC Rottweil)
ist seit 2022 Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Städtetags Baden-Württemberg. Er vertritt damit die Interessen der südwestdeutschen Städte gegenüber Landesregierung und Landtag. Zuvor war er von 2009 an Oberbürgermeister der Stadt Rottweil. In dieser Zeit hat er durch die Neuausrichtung der Bürgerbeteiligung auch bei Großprojekten landesweit Maßstäbe gesetzt.

Der Artikel „Auf Augenhöhe mit Respekt“ erschien zuerst in der Publikation „Zugehört – 15 Jahre Politik des Gehörtwerdens“, herausgegeben von der Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung im Staatsministerium Baden-Württemberg, Stuttgart 2026

























