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Der Bauer, der Maler war

von Karl-Markus Gauß | 
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Im zweisprachigen Kärntner Grenzland fand Werner Berg seine Heimat. Seine Bilder bewahren die Gesichter einer Welt, die längst verschwunden ist

Bleiburg ist eine Stadtgemeinde im Süden Kärntens, die nur vier Kilometer von der Grenze zur Republik Slowenien entfernt liegt und knapp 4000 Einwohner zählt. Weil sich viele von diesen zu ihrer slowenischen Herkunft und Sprache bekennen, heißt der Ort offiziell zweisprachig auch Pliberk. Seitdem es im 6. Jahrhundert von den slawischen Karantanen besiedelt wurde, ist das Jauntal, in dem die Gemeinde von Gebirgen umgeben entstand, stets ein Grenzgebiet gewesen, oder besser gesagt: Es handelt sich um einen Landstrich, in dem seit je zwei Nationalitäten nebeneinander lebten, in einen grimmigen Volkstumskampf verstrickt waren und sich doch in zahlreichen Familien national längst vermischt hatten.

Nach dem Zerfall der Donaumonarchie wurde das Gebiet von Truppen aus Slowenien besetzt, dann im sogenannten Kärntner Abwehrkampf zurückerobert und im Oktober 1920 nach der im Friedensvertrag von St. Germain angeordneten Volksabstimmung endgültig Österreich zuge-sprochen. Dazu hatte beigetragen, dass zahlreiche slowenische Kärntner für Österreich votierten, was der Volksgruppe selbst aber nicht gedankt wurde, denn in der Zwischenkriegszeit wurde sie einer aggressiven Germanisierungspolitik ausgesetzt und im Nationalsozialismus zum Opfer schwerer Repressionen. Mit populistischer Perfidie hat Jörg Haider als Kärntner Landeshauptmann noch einmal versucht, den obsoleten Volkstumskampf anzuheizen und politischen Erfolg zu ernten, indem er Zwietracht zwischen ewigen Nachbarn säte. 

Nach eigenen Regeln

In diese Gegend, die noch immer etwas auf reizvolle Weise Abgeschiedenes hat, verirrte sich um 1930 ein junger Deutscher, der sich so sehr in sie verliebte, dass er Land und Beruf wechselte, um sich mit seiner Frau und den schließlich fünf Kindern auf einem einsamen Bergbauernhof oberhalb von Bleiburg anzusiedeln. Werner Berg stammte aus Wuppertal und war, wie er sich später charakterisierte, ein „Bürgersohn aus dem dichtverbauten Zentrum einer der gewerbeemsigsten Städte des deutschen Westens“. Was hat ihn ausgerechnet an dem einsamen Landstrich Unterkärntens so fasziniert, dass der Student von Kunstakademien Bauer wurde und einen Hof bewirtschaftete, der über Jahrzehnte kaum Ertrag abwarf? Nun, es war die Landschaft, die er liebte, aber vor allem das so gar nicht gewerbeemsige Leben der Menschen, auf die er dort traf. Auf Hunderten Ölbildern, Holzschnitten, Zeichnungen hat er – nach und neben der Arbeit in der Landwirtschaft – deren archaisch anmutende ländliche Kultur festgehalten und die Bewohner der Gegend porträtiert, arme Bauersleute, bei ihrer Arbeit, ihren Festen, in ihrem beschwerlichen Alltag.

Der Briefwechsel zwischen Christine Lavant und Werner Berg ist ein bekanntes Meisterwerk literarischer Briefkunst

Karl-Markus Gauß

Besonders hatten es Werner Berg die Slowenen angetan, vermutlich weil sie, die mehrheitlich im bäuerlichen Umland Bleiburgs/Pliberks lebten, noch stärker der Tradition verhaftet waren als die Deutschkärntner, die das Bürgertum der Stadt bildeten. Es sind knorrige Gestalten, die er zeigt, man fühlt sich an alte italienische Filme des Verismus erinnert mit den verschlossenen Gesichtern süditalienischer Landarbeiter, deren Antlitz die Armut, aber auch ein zäher Überlebenswille eingezeichnet ist. Im Alter wird Berg beklagen, dass der technische Fortschritt, die Modernisierung, die verspätet doch auch in Unterkärnten Einzug hielten, nicht nur die Landschaft, sondern auch die Gesichter der Bewohner, ihr Mienenspiel und Auftreten veränderten. 

Berg hatte es nicht leicht, als der bedeutende Künstler anerkannt zu werden, der er war. Nach 1945 war in Österreich die abstrakte Kunst angesagt, sie galt gegenüber der im Nationalsozialismus missbrauchten gegenständlichen Kunst als fortschrittlich oder jedenfalls als ideologisch unverdächtig; dabei war es natürlich dennoch die gegenständliche, nicht die abstrakte Malerei, in der die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit geführt und gewagt wurde! Berg hatte es nicht leicht, aber er machte es seinen Bewunderern auch selbst nicht leicht, war er doch kompromisslos, was die Entwicklung seiner Kunst, aber auch den Umgang mit Repräsentanten der Politik und des Kunstbetriebs angelangt. 

Ein Museum zu Lebzeiten

Sein Ruhm wuchs dennoch, und bereits 1968 wurde in einem Biedermeierhaus mitten in Bleiburg ein ihm gewidmetes Museum gegründet, was Künstlern bekanntlich nur selten schon zu Lebzeiten beschieden ist. Es ist mehrfach erweitert und ansprechend modernisiert worden und besticht mittlerweile nicht nur mit der Sammlung von Werken Werner Bergs, sondern auch mit wechselnden Themenausstellungen: So wurden 2025 etwa Filme und Texte von Pier Paolo Pasolini, der gleich Berg der Chronist einer verschwindenden Kultur war, aufregend und stimmig zur Bildwelt Werner Bergs in Beziehung gesetzt; heuer ist es unter anderem Alberto Giacometti, dessen auf äußerste Kargheit reduziertes Werk im Wechselspiel mit dem von Berg gezeigt wird.

Der Rutarhof, auf dem Berg jahrzehntelang lebte, seine Werkstatt hatte und stets auch als Landwirt arbeitete, wäre ohne seine Frau Amalie schon früh dem Untergang geweiht gewesen. Er hat von ihr stets voller Liebe geschrieben und ihren Tod 1970 nie verwunden; und doch zwischen 1950 und 1955 eine leidenschaftliche, geradezu verzweifelte Liebesbeziehung zu Christine Lavant unterhalten. Beiden bescherte diese Liebe viel Unglück, ihr, die zeitlebens von schweren Krankheiten gequält wurde, einen medizinisch notwendigen Schwangerschaftsabbruch, ihm einen Selbstmordversuch. Der Briefwechsel zwischen Christine Lavant, einer der bedeutendsten Dichterinnen der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts, und Werner Berg, der sie mehrfach als „Frau mit Kopftuch“ porträtierte, ist ein beklemmendes Meisterwerk literarischer Briefkunst. Aber das ist eine andere Geschichte.

Karl-Markus Gauß

ist Schriftsteller in Salzburg. Seine Reiseerzählungen wurden in viele Sprachen übersetzt und mit namhaften Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung

Foto: Kurt Kaindl

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