Die letzte Kurve?

Deutschlands Schlüsselindustrie steckt in der Krise, links und rechts haben uns andere überholt. Wie steht’s um die Zukunft des deutschen Autos?
Es knirscht im Gebälk der deutschen Paradedisziplin: Volkswagen baut Zehntausende Stellen ab, Mercedes und BMW kämpfen mit sinkenden Absätzen, und selbst Porsche durchschreitet eine schmerzhafte Talsohle. Gerade der Sportwagenhersteller, dessen legendärer 911er unser Titelbild ziert, zeigt jedoch, wie widersprüchlich diese Zeit ist: Während Absatz und Ertrag unter Druck geraten, bleibt die Begehrlichkeit der Marke nahezu unversehrt. Vielleicht liegt darin die eigentliche Botschaft dieser Krise. Nicht jede Erschütterung zerstört einen Mythos – manchmal zwingt sie ihn lediglich, sich neu zu erfinden.
Unsere Titelgeschichte fragt deshalb nicht nach der nächsten Batteriegeneration und auch nicht nach der letzten Zukunft des Verbrenners. Sie fragt, warum das deutsche Auto über mehr als ein Jahrhundert weit mehr war als ein Fortbewegungsmittel: Projektionsfläche für Freiheit, Wohlstand und Selbstbehauptung, Ausdruck ingenieurtechnischer Vernunft und kulturelles Symbol zugleich (ab Seite 30).
FAZ-Redakteur Holger Appel beschreibt das Auto als Freiheitsversprechen, das trotz aller politischen Regulierungsdebatten und technologischen Umbrüche seine gesellschaftliche Anziehungskraft nicht verloren habe (Seite 32). Der Autor Michael Köckritz richtet den Blick auf die Formensprache deutscher Automobile und erinnert daran, dass Ikonen wie Käfer, 911er oder S-Klasse nicht bloß gestaltet, sondern aus einer eigenen Schule des Denkens hervorgegangen sind – einer Kultur der Konsequenz statt der Beliebigkeit (Seite 36). Und Mercedes-Insider Thorsten Mumme verfolgt die Geschichte des Mercedes-Sterns als vielleicht stärkstes deutsches Markensymbol überhaupt: ein Emblem, das Ingenieurskunst, Prestige und das Versprechen von Verlässlichkeit bis heute miteinander verbindet (Seite 39).
Die Zukunft des Autos wird elektrisch, digital und globaler sein. Ob sie auch dieselbe kulturelle Strahlkraft entfalten wird wie das deutsche Automobil des 20. Jahrhunderts, ist eine andere Frage. Gerade deshalb lohnt es sich, auf diesen Mythos noch einmal genauer zu schauen – bevor er Geschichte wird. Oder eine neue schreibt.
Kulturelle Strahlkraft ist auch Thema unseres rotarischen Schwerpunkts, denn Denkmalpflege und Schutz von regionalem Kulturgut war Rotary Clubs schon immer ein wichtiges Anliegen. Wir stellen eine Auswahl aktueller Projekte in Deutschland und Österreich vor und befragten Eva Hody, Leiterin des Denkmalamts Salzburg, warum die Beschäftigung mit baulichen Zeugnissen der Vergangenheit für viele Menschen eine so große Rolle spielt (Seite 12).
Viel Vergnügen bei der Lektüre wünscht
Björn Lange
Chefredakteur


























