„Nicht jede Entscheidung stößt auf Gegenliebe”

Es ist ein mutiger und erfolgreicher Weg, den Elisabeth Fuchs als Gründerin und Dirigentin der Philharmonie Salzburg eingeschlagen hat
Elisabeth Fuchs steht für einen neuen Führungsstil, der auf Dialog setzt, aber keine Strenge vermissen lässt. Musikalisch weiß sie zu überraschen. Im Gespräch sprüht sie nur so vor Energie.
Wie finanziert sich die Philharmonie Salzburg?
Wir sind ein sehr umtriebiger Verein. Wir sammeln Spenden, haben Sponsoren, erwirtschaften Geld über den Verkauf von Konzertkarten, was mit einem Anteil von über 50 Prozent unsere Haupteinnahmequelle ist, und werden von Stadt und Land Salzburg gefördert. Wir sind meist selbst Veranstalter, was für ein Orchester dieser Art normalerweise nicht der Fall ist. Es läuft super, was in diesen Zeiten nicht selbstverständlich ist.
Im vergangenen Jahr haben das Orchester, die Kinder- & Jugend-philharmonie und der Chor der Philharmonie Salzburg erstmals mehr als vier Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet.
Wir haben einen Rekordumsatz, eine Rekordanzahl an Konzerten gespielt und Rekordzahlen bei Konzertbesuchern gehabt.
Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?
Wir spielen natürlich Musik der Klassik und Romantik, aber wagen auch einmal im Jahr ein Crossover, dieses Mal ist es die Musik von Michael Jackson. Dieses Symphonic-Tribute-Konzert kommt genau zur richtigen Zeit, denn parallel läuft ein Michael-Jackson-Film in den Kinos. Das wussten wir nicht, als wir uns vor eineinhalb Jahren für Michael Jackson entschieden hatten. Nach Abba, Queen und den Beatles dachten wir uns, mit seiner Musik können wir die Reihe gut fortsetzen. Immer wieder suchen wir neue Herausforderungen. Wir haben einen Arrangeur aus Wuppertal, für mich der Gott der Arrangeure, der für ein 60-köpfiges Orchester, einen 150-Personen-Chor sowie Solisten sich dieser Musik angenommen hat. Wir treten damit siebenmal im Salzburger Festspielhaus auf. Das verschafft uns einerseits viel Publikum, aber es sprengt auch Grenzen. Was hat Michael Jackson mit einem klassischen Orchester zu tun? Wenn man es gut komponiert, bewegen wir uns auf einem anderen Level. Das setzt eine großartige Energie frei.
Man stelle sich vor, Michael Jackson persönlich hätte mal mit einem so großen Orchester samt Chor auf der Bühne gestanden. Wir treffen damit, davon bin ich überzeugt, wieder den richtigen Vibe.
„Man hat es mit vielen großen Persönlichkeiten zu tun, mit vielen Egos, im Kulturbetrieb deutlich mehr als in anderen Branchen
Wissen Sie schon, was im kommenden Jahr folgen wird?
Natürlich. Wir spielen Musik der 1980er. Ich muss ja gestehen, für mich ist das neue Musik. Ich bin mit Volksmusik und Klassik groß geworden. Ich habe vor 20 Jahren angefangen, Filmmusik zu dirigieren. Ich habe ungefähr 150-mal Fluch der Karibik dirigiert, und dann erst den Film angesehen. Dann habe ich gemerkt, ich dirigiere es etwas schneller als das Original. Ich dachte mir aber, es passt trotzdem sehr gut. Jeder kennt Abba, ich kannte nur Thank You for the Music und Mama Mia. Den Rest musste ich lernen. Die Popmusik kam nie zu mir. Ich erinnere mich noch an die erste Klasse im Gymnasium. Ich war elf Jahre alt, und der Musiklehrer fragte, was wir gerne für Musik hören. Ich dachte an die Kleine Nachtmusik von Mozart und den Bozner Bergsteigermarsch. Vor mir nannten Kinder Bands wie Erste Allgemeine Verunsicherung (EAV). Das nannte ich dann auch, weil ich nicht mit Mozart aus der Reihe tanzen wollte. Als ich später Schlagzeug lernte und gefragt wurde, was ich gerne aus der Hitparade höre, wusste ich nicht, was ich sagen sollte.
Wie treffen Sie die Auswahl der Songs?
Für das 1980er-Jahre-Konzert habe ich mir 80 Lieder angehört und dann 18 ausgewählt. Als ich fertig war, habe ich mir gedacht: richtig gute Musik. So erging es mir bei Michael Jackson auch. Mehr als 17 bis 18 Lieder bekomme ich an einem Konzertabend nicht unter. Ich brauche dabei eine gute Abwechslung zwischen Action und Poesie sowie Chorgesang und Solisten.
Hören Sie jetzt auch privat Michael Jackson?
Gestern habe ich für meine Kinder gekocht, und dabei lief Michael Jackson. Richtig gute Musik.
Man spürt Ihre Begeisterung. Das ist ansteckend.
Ich bin ein Glückskind. Ich bin gesund, meine Familie ist gesund, und ich darf Musik machen. Ich bin fleißig, arbeite viel und gern, aber in einem Bereich, wo ich mir sage: Wahnsinn, wie beschenkt ich bin. Einerseits darf ich mit tollen Musikern zusammenarbeiten, habe zugleich den Chor der Philharmonie und die Kinder- & Jugendphilharmonie. Ich habe drei Klangkörper und jede Woche mindestens vier bis zehn Proben, zuzüglich Konzerte. Es kommen so über 200 Konzerte im Jahr zusammen, wovon ich mehr als 100 dirigiere. Mit Gastkonzerten komme ich auf etwa 120 Konzerte als Dirigentin. Das ist wahnsinnig viel.

Wie viele Stunden hat Ihr Tag?
24. Ich werde oft gefragt, wie ich das schaffe, zumal ich noch Intendantin und Interims-Geschäftsführerin samt Marketing und Personalleitung bin. Die Geschäftsführung soll aber nun an jemanden ausgelagert werden, der Betriebswirtschaft studiert hat. Energetisch klappt es gut, weil ich sehr auf meine Gesundheit achte. 2018 hatte ich einen Burn-out. Aber nicht aufgrund der zu hohen Arbeitsbelastung, sondern weil über mir Entscheidungen getroffen wurden, auf die ich keinen Einfluss hatte, die mich aber sehr getroffen haben. Da sind Kräfte über einem, die, obwohl man viel leistet, einen sprichwörtlich degradieren. Das ist eine häufige Ursache von Burn-out.
Da sind Sie in der Kulturbranche kein Einzelfall. Die Salzburger Festspiele haben sich vom Intendanten getrennt, nachdem Vorwürfe des Machtmissbrauchs laut wurden.
Es gibt zu wenig Schulungsangebote für Führungskräfte zu einem neuen Führungsstil. Das sieht man auch bei Dirigenten, ich sage bewusst Dirigenten. Ich möchte nicht sagen, dass alle Dirigenten über 70 zur alten Klasse zählen. Ich kenne einige, die einen neuen Führungsstil prägen. Aber man spürt den Zwiespalt zwischen Diktatur und Demokratie.
Gibt es in einem Orchester überhaupt Demokratie?
Es gibt die Möglichkeit, einen kreativen und konstruktiven Führungsstil an den Tag zu legen. Wie kann man miteinander schauen, wie es gut weitergeht? Andererseits muss ich auch sagen: In jeder größeren Menschengruppe geht es nicht nur harmonisch zu. Überall muss man Sachen ausdiskutieren, nicht jede Entscheidung stößt auf Gegenliebe. Aber irgendwer muss sie fällen, und ich mache meine Entscheidungen stets transparent. Der Ton macht die Musik.
Zur Person: Elisabeth Fuchs
RC Salzburg-Paracelsus / ist Chefdirigentin der Philharmonie Salzburg, mit der sie sowohl im Festspielhaus Salzburg als auch in der Felsenreitschule und im Großen Saal des Mozarteums ein breit gefächertes Repertoire zur Aufführung bringt.
philharmoniesalzburg.atIch kann mir vorstellen, dass das Umfeld eines Symphonieorchesters kein leichtes ist. Sie haben es mit Profimusikern zu tun, die sehr von sich selbst überzeugt sind.
Absolut.
Es auch sein müssen.
Unbedingt.
Die aber im Zweifel nicht verstehen, warum Sie nicht als erste Geige ausgewählt wurden.
Man hat es mit vielen großen Persönlichkeiten zu tun, mit vielen Egos, im Kulturbetrieb deutlich mehr als in anderen Branchen. Niemand würde eine Aufnahmeprüfung für ein Musikstudium bestehen, wenn er nicht ein gewisses Ego gepaart mit einem großen Talent und unfassbarer Disziplin besäße. Diese drei Sachen zusammen bringen den Erfolg. Trotzdem muss man ein Teamplayer sein. Diesbezüglich hatten wir gerade mit zwei jungen Musikern ein Problem. Wer nicht weiß, wie man sich in einem Orchester verhält, hat bei uns mal mitgespielt. In einem guten Ton habe ich meine diesbezügliche Kritik transparent dargelegt.
Trotzdem sicher nicht einfach für Sie.
Die junge Generation verlangt Transparenz, eine Work-Life-Balance und weniger Strenge. Aber bei uns im Orchester haben wir drei Proben, dann muss die Symphonie perfekt gespielt werden.
Reflektieren Sie Ihre eigenen Entscheidungen?
Selbstverständlich. Das habe ich früher nicht so gemacht. Aber das müssen alle Personen in Führungspositionen.

Sie sagen „müssen“. Viele machen es aber trotzdem nicht.
Nein. Das glaube ich nicht. Vielleicht nicht nach außen hin. Die Orchestermanagerin und ich haben hier im Haus mit allen 50 Stammmusikern jeweils 20 Minuten Einzelgespräche geführt – insgesamt 1000 Minuten. In der Zeit hätte ich auch viele Sponsoren gewinnen können. Aber das war mir wichtig. Früher hatten wir eine Gesprächsrunde mit dem gesamten Orchester, bei der sich immer dieselben zehn bis 20 zu Wort meldeten. Da bekomme ich aber kein Gesamtbild. Die jetzige Vorgehensweise war genau richtig. Ich bin so dankbar für diese Gespräche.
Wann war Ihnen klar, dass Sie sich beruflich mit Musik beschäftigen wollen?
Mit 16 Jahren habe ich zur Musik gefunden. Ich hörte die Matthäus-Passion in London, dirigiert von Franz Welser-Möst. Das war für mich ein magischer Moment. Wir sangen die Matthäus-Passion, doch ich konnte gar nicht singen. Ich war so ergriffen von Bach, auch von Göttlichkeit und von Glauben und von Jesus und von Passion. Seitdem ich 16 bin, glaube ich an Gott, habe ich einen Zugang zur Bibel, zu Jesus, zu Maria, zur Passion. Für mich hat sich die Göttlichkeit in der Musik erschlossen.
Orchestern werden verschiedene Attribute zugeschrieben. So sind die Wiener Philharmoniker für ihren warm-weichen Klang berühmt, die Berliner für ihre technische Brillanz. Welche Zuschreibung hat die Philharmonie Salzburg?
Ich würde sagen, dass die Philharmonie im Piano besondere Farben hat, weil es mir besonders wichtig ist, zu spielen. Wir sind ein sehr pulsierendes, energetisches Orchester. Das liegt zum großen Teil an mir. Wir sind gar nicht so jung, aber wir sind sehr jung geblieben. Ich bin sehr streng. Ich sage meinen Musikerinnen und Musikern, wir haben ein besonderes Talent, und diesem Talent sind wir auch zu Dank verpflichtet. Wir müssen mit diesem Talent wirken.
Das Gespräch führte Florian Quanz.
























