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Queere Vielfalt unter Druck – Europas Wirtschaft hält dagegen

von Jens Schadendorf | 
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Weltweit gewinnen autoritäre Kräfte an Einfluss. In den USA zeigt sich das seit fast eineinhalb Jahren auch in der Arbeitswelt – bei den Regierungsattacken auf Vielfalt und besonders die queere Community. Europas Wirtschaft und mit ihr verbundene zivilgesellschaftliche Organisationen wie Stiftungen, Vereine und Netzwerke leisten klugen Widerstand – weil es ökonomisch nützt

Forschung und Praxis zeigen seit Jahren: Moderne Gesellschaften brauchen Diversity. Vielfalt, Teilhabe und Chancengleichheit fördern nicht nur Fairness und sozialen Zusammenhalt, sondern auch Innovation und Wettbewerbsfähigkeit. Das gilt für alle Generationen und Geschlechter, für Menschen unterschiedlicher Herkunft ebenso wie für sexuelle und geschlechtliche Minderheiten.

Seit ihrem Amtsantritt geht die US-Regierung jedoch gezielt gegen Diversitätsprogramme in Unternehmen und Behörden vor. Besonders betroffen ist die queere Community. Damit werden nicht nur demokratische und ethische Grundprinzipien infrage gestellt, sondern auch Faktoren, die nachweislich zum wirtschaftlichen Erfolg von Unternehmen und Volkswirtschaften beitragen.

Europa schlägt bislang einen anderen Weg ein – und das ist gut so.

Warum Vielfalt auch ökonomisch sinnvoll ist

Unternehmen sind weit mehr als wirtschaftliche Akteure. Sie prägen Werte, eröffnen Chancen und entscheiden mit darüber, wer Zugang zu Einkommen, Sicherheit und beruflicher Entwicklung erhält. Deshalb kommt ihnen auch bei der Förderung von LGBTQ+-Teilhabe eine Schlüsselrolle zu.

Die Londoner Non-Profit-Organisation Open for Business, die von rund 30 Großunternehmen getragen wird, hat zahlreiche Studien zu den wirtschaftlichen Folgen von Diskriminierung initiiert. Demnach führt die unzureichende Nutzung queerer Talente zu weniger Investitionen, Innovationen und Produktivität. Die volkswirtschaftlichen Verluste können bis zu zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts betragen.

Nicht nur menschlich gesehen, sondern auch ökonomisch betrachtet ist es für staatliche Institutionen also sinnvoll, Antidiskriminierungsgesetze zu schaffen und ein gesellschaftliches Klima zu fördern, in dem Minderheiten respektiert werden.

Das gilt ebenso für Arbeitgeber – unabhängig davon, ob sie privatwirtschaftlich oder öffentlich organisiert sind. Die Logik dahinter ist einfach: Wer seine Identität am Arbeitsplatz verbergen muss, verliert Energie, die für Kreativität und Leistung fehlt. Unternehmen profitieren deshalb von einer Kultur, in der Beschäftigte authentisch sein können.

Die USA: Vom Vorreiter zum Bremser

Solche Überlegungen spielen in Washington derzeit eine untergeordnete Rolle. Die kulturkämpferisch geführten Angriffe der Trump-Administration haben in den vergangenen anderthalb Jahren Diversity-Abteilungen und Inklusionsprogramme in Unternehmen, Behörden und anderen Organisationen deutlich geschwächt. Besonders betroffen sind Initiativen mit LGBTQ+-Bezug.

Zwar regt sich inzwischen vereinzelt Widerstand, auch von Finanzinvestoren. Einige Unternehmen haben Wege gefunden, bewährte Maßnahmen fortzuführen, ohne sie ausdrücklich als Diversity-Programme zu bezeichnen. Auch die Unterstützung von Pride-Veranstaltungen, die zuletzt stark zurückgegangen war, nimmt teilweise wieder zu.

Dennoch bleibt die Bilanz eindeutig: Die USA haben sich vom globalen Vorreiter bei LGBTQ+-Inklusion in Wirtschaft und Gesellschaft zu einer der wichtigsten Bremskräfte entwickelt.

Europas Gegenmodell

Auch Europa ist keineswegs frei von Gegenwind. Der Aufstieg ultrarechter Parteien,wachsende Gewalt gegen queere Menschen und Angriffe auf Pride-Paraden geben Anlass zur Sorge.

Hinzu kommen wirtschaftliche Zwänge. Europäische Unternehmen mit starkem US-Geschäft stehen unter Druck, ihre Diversity-Aktivitäten in Amerika zurückzufahren, wie dies vor gut einem Jahr etwa die Telekom-Tochter US Mobile US tat. Gleichzeitig belasten schwaches Wirtschaftswachstum und hohe Investitionen in Künstliche Intelligenz vielerorts die Budgets.

Trotzdem senden zahlreiche Firmen in Europa in ein klares Signal.

„Aktivitäten rund um Vielfalt und Inklusion – und als Teil von ihnen LGBTQ+-Engagements – sind gekommen, um zu bleiben“, sagt Liane Hirner, Finanz- und Risikovorständin der Vienna Insurance Group, des größten Versicherungskonzerns Österreichs sowie Mittel- und Osteuropas. Ihr Unternehmen denke langfristig und handle entsprechend.

Ähnlich positioniert sich die Deutsche Bank. Bereits wenige Tage nach dem Amtsantritt der neuen US-Regierung erklärte Vorstandschef Christian Sewing Ende Januar 2025, Programme für Diversität, Chancengleichheit und Teilhabe seien fester Bestandteil der Konzernstrategie. An dieser Linie hält die Bank seither fest. Intern zeigt sich das etwa durch Workshops zur Überwindung von unbewussten Vorurteilen, die Förderung von queeren Mitarbeiternetzwerken oder Trainings für inklusives Führen, extern zum Beispiel durch die breit vermarktete Teilnahme an global besonders wahrgenommenen Pride-Events wie denen in New York, London und Tokio.

Die Rolle der Zivilgesellschaft

Wie belastbar das Engagement von Europas Unternehmen ist, zeigt sich auch bei zivilgesellschaftlichen Organisationen (ZGO), die an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und queerer Community für bessere LGBTQ+-Teilhabe arbeiten. Sie werden überwiegend von Firmen finanziert und unterstützen diese mit Beratung, Netzwerken und Expertise.

In den USA mussten finanzstarke und einflussreiche ZGO wie Out & Equal oder die Human Rights Campaign erhebliche Einnahmeverluste verkraften, Angebote reduzieren und Personal abbauen.

Anders die Situation in Europa. Die niederländische Workplace Pride Foundation etwa wird weiterhin stabil von der Regierung in Den Haag sowie rund 90 Unternehmen unterstützt. Die spanische Schwesterorganisation REDI legt sogar stark zu und hob 2025 zudem einen Ableger in Portugal aus der Taufe.

Auch die deutsche PrOut @Work-Foundation berichtet von Kontinuität. „Wir sind seit unserer Gründung vor gut zehn Jahren laufend gewachsen. Aktuell verzeichnen wir eine kleine Delle, hatten damit aber ohnehin gerechnet“, sagt Mitgründer und Stiftungsschef Albert Kehrer. „Das Commitment bleibt bei den meisten Firmen hoch, selbst wenn sie es nun oft weniger zeigen.”

PrOut@Work begleitet weiterhin rund 80 zahlende Unternehmen im Rahmen seines Employer-Programms. Besonders erfreulich sei das steigende Interesse öffentlicher Institutionen.

Öffentliche Arbeitgeber werden sichtbarer

Diese Entwicklung zeigt sich europaweit, auch bei Schwesterorganisation von PrOut@Work in den Nachbarländern. In Österreich gewann Pride Biz Austria jüngst die staatliche ÖBB mit ihren 50.000 Beschäftigten als mächtige Inklusionsunterstützer. In der Schweiz gelang das dem Swiss LGBTI+-Label mit der staatseigenen Schweizer Post sowie zahlreichen weiteren öffentlichen Einrichtungen.

Auch auf der Sticks & Stones, Europas größter LGBTQ+-Job- und Karrieremesse, wird dieser Trend sichtbar. Zwar waren bei der Berliner Ausgabe im Sommer 2026 weniger private Unternehmen vertreten als früher. Dafür präsentierten sich so viele öffentliche Arbeitgeber wie nie zuvor – von der Bundeswehr über BKA, BND und Verfassungsschutz bis hin zum Europäischen Patentamt.

 

 

Europas Netzwerk wächst

Passend dazu kommt Unterstützung aus Brüssel. Die EU verabschiedete 2025 ihre zweite LGBTIQ+-Gleichstellungsstrategie, gültig für die Jahre 2026 bis 2030. Sie unterstützt unter anderem Maßnahmen gegen Diskriminierung und Hasskriminalität, zielt auf den Schutz von Regenbogenfamilien und vor Konversationstherapien und fördert die Arbeit von Gleichstellungsstellen und zivilgesellschaftlichen Organisationen.

Davon profitiert auch das European Pride Business Network (EPBN). Aus einem losen Zusammenschluss entstand innerhalb weniger Jahre ein professioneller Verband mit 26 Mitgliedsorganisationen aus mehr als 20 Ländern, darunter Pride Biz Austria, das Swiss LGBTI Label und der deutsche Berufsverband VK.

Ende Mai 2026 organisierte das EPBN gemeinsam mit dem auch zum Verband gehörenden tschechischen Pride Business Forum in Prag eine von der EU geförderte LGBTQ+-Wirtschaftskonferenz und vergab dort auch Preise an besonders LGBTQ+-inklusive Firmen sowie an queere Vorbilder und Mentoren. Mehr als 500 Teilnehmende aus 130 Unternehmen und 24 Ländern kamen ins Hilton Hotel.

Ein großer Erfolg in ökonomisch und politisch herausfordernden Zeiten – und „ein Signal“, findet EPBN-Mitgründer und -Präsident Matthias Weber. Die Debatte über LGBTQ+-Inklusion in Europa bewege sich zunehmend von einer reinen Wertediskussion hin zu einer wirtschaftlichen Frage von Strategie, Talenten und organisatorischer Widerstandsfähigkeit.

Viel spricht dafür, dass er recht hat. Auch wenn diese Entwicklung nicht neu ist, so wirkt Europas Engagement für queere Vielfalt in der Arbeitswelt sehr robust. Getragen wird sie nicht nur von privaten und öffentlichen Unternehmen, sondern im hohen Maß auch von stabilen auf die Wirtschaft spezialisierten zivilgesellschaftlichen Organisationen.

Davon profitieren nicht nur die mehr als 30 Millionen queeren Menschen in Europa. Es stärkt auch die Innovationskraft von Unternehmen, den sozialen Zusammenhalt und die demokratische Stabilität.

Je breiter dieses Verständnis verankert wird, desto größer sind die Chancen, dass Vielfalt auch künftig als das erkannt wird, was sie ist: ein gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Erfolgsfaktor.

 

Jens Schadendorf

ist Ökonom, freier LGBTQ+-Forscher und eine der wichtigen Stimmen zu Diversity in der Wirtschaft. Im Herder Verlag ist gerade sein neues Buch erschienen: „Der bedrohte Regenbogen. Wie Unternehmen und Gesellschaft Vielfalt schützen können und davon profitieren“. Sein Vorgängerwerk „GaYme Changer“ war für den Financial Times Book Award nominiert und wurde in vier Sprachen veröffentlicht.

PrOut@Work-Webseite

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