Die USA zwischen Amok und Koma

Was verrät das über die Zukunft der Demokratie?
„This never happened with an American president before.“ – Mit diesen Worten reagierte Thomas L. Friedman in der New York Times auf das vielbeachtete Treffen zwischen Donald Trump und Wolodymyr Selenskyj im Oval Office am 28. Februar 2025. Im Mittelpunkt standen die weitere Unterstützung der Ukraine und die grundsätzliche Frage, welche Rolle die Vereinigten Staaten künftig in der internationalen Ordnung spielen wollen. Friedman beschrieb die Situation als Eintritt in „completely uncharted waters“.
Tatsächlich markierte die Begegnung mehr als eine diplomatische Irritation. Sichtbar wurde eine Entwicklung, die sich seit Jahren abzeichnet: Die Vereinigten Staaten erscheinen nicht länger als verlässlicher Garant demokratischer Bündnisse und internationaler Stabilität. Zugleich zeigte sich, wie eng politische Entscheidungen, mediale Inszenierung und gesellschaftliche Polarisierung inzwischen verflochten sind.
Die Szene im Oval Office wirkte wie ein weiteres Kapitel jener politischen Dramaturgie, die die amerikanische Öffentlichkeit seit Jahren prägt. Politik wird zunehmend zur Inszenierung, Aufmerksamkeit zur entscheidenden Ressource politischer Macht. Zugleich zeigt sich eine eigentümliche Gleichzeitigkeit von Übererregung und Erschöpfung. Einerseits prägen Gewalt, Empörung und permanente Mobilisierung die öffentliche Sphäre, andererseits wächst die Gewöhnung an das Außergewöhnliche. Was gestern noch als Tabubruch galt, erscheint heute als Teil des politischen Alltags. Die Vereinigten Staaten bewegen sich damit zwischen Amok und Koma – zwischen permanenter Erregung und politischer Lähmung.
Ist es nur ein Zufall, dass Amok und Koma nur jeweils andersherum buchstabiert werden?
Die Krise der amerikanischen Demokratie beginnt nicht erst mit Donald Trump. Trump ist ihr sichtbarstes Symptom, nicht ihre Ursache. Seine politische Karriere macht Entwicklungen sichtbar, die sich über Jahrzehnte aufgebaut haben: den Vertrauensverlust in politische Institutionen, die wachsende Distanz zwischen gesellschaftlichen Milieus und die zunehmende Bereitschaft, politische Gegner nicht mehr als politische Konkurrenten, sondern als Feinde zu betrachten.
Die politischen Turbulenzen der zweiten Trump-Präsidentschaft sind deshalb nicht als eine vorübergehende Episode zu verstehen. Sie verweisen auf einen tieferliegenden Wandel demokratischer Kultur. Das Vertrauen in Institutionen schwindet, politische Loyalitäten werden emotionaler, gesellschaftliche Konflikte härter. Was lange als vorübergehende Polarisierung erschien, hat sich zu einem Strukturmerkmal der amerikanischen Demokratie entwickelt.
Demokratische Gesellschaften werden langfristig weniger durch einzelne Personen als durch schleichende Prozesse der Entfremdung, Fragmentierung und Erosion der Institutionen herausgefordert. Zugespitzt formuliert: Wo demokratische Normen erodieren, wachsen Aggression und Misstrauen; und wo Gewalt gesellschaftlich normalisiert wird, sinkt die Schwelle zur politischen Radikalisierung.
Gerade deshalb ist die amerikanische Entwicklung nicht als Ausnahmefall zu verstehen. Die Vereinigten Staaten erscheinen vielmehr als Seismograph gesellschaftlicher Veränderungen, die auch andere westliche Demokratien betreffen.
Wer die amerikanische Gegenwart verstehen will, muss sich mit der besonderen Rolle von Gewalt in der Geschichte und Kultur des Landes auseinandersetzen. Die Debatte über Massenschießereien bildet dabei nur die sichtbarste Spitze eines tieferliegenden Problems. Gewalt gehört in den Vereinigten Staaten nicht nur zur Geschichte des Landes. Sie ist bis heute Teil seiner politischen und kulturellen Selbstbeschreibung.
Der Frontier-Mythos, die Vorstellung individueller Selbstermächtigung und die symbolische Aufladung des Waffenbesitzes haben über Generationen hinweg ein kulturelles Muster geprägt, das Freiheit und Gewalt immer wieder miteinander verbindet.
Die Waffe erscheint dabei nicht allein als Instrument der Selbstverteidigung, sondern auch als Ausdruck von Autonomie, Identität und Zugehörigkeit. Gewalt wird nicht als Ausnahmezustand, sondern als gesellschaftliche Konstante, als normalisierter Bestandteil sozialer Prozesse verstanden.
Diese historische Tiefenschicht hilft zu verstehen, weshalb die amerikanische Waffendebatte weit über Fragen der Sicherheitspolitik hinausreicht. Sie berührt Grundfragen des Selbstverständnisses einer Nation, die individuelle Freiheit traditionell höher bewertet als staatliche Regulierung.
Ein weiterer Punkt ist die Transformation politischer Kommunikation im Zeitalter des Trumpismus. Politik organisiert sich zunehmend nach den Regeln medialer Aufmerksamkeit. Politischer Erfolg hängt heute oft weniger von Programmen oder Regierungsleistungen ab als von Sichtbarkeit, Emotionalisierung und Inszenierung.
Trump verkörpert diese Entwicklung in besonderer Weise. Seine politische Kommunikation verbindet Elemente des Reality-TV mit populistischer Mobilisierung. Das Oval Office ist nicht mehr als Ort politischer Entscheidungen, sondern als Bühne eines permanenten Spektakels: In dieser Ästhetik der permanenten Erregung wird Politik zum Kampfsport, bei dem es weniger um Lösungen geht als um das Gewinnen der nächsten Schlagzeile.
Die Folgen reichen weit über einzelne Wahlkämpfe hinaus. Politik folgt zunehmend den Regeln der Unterhaltung. Bilder verdrängen Argumente, Empörung ersetzt häufig den Dialog, Aufmerksamkeit wird zur entscheidenden Währung öffentlicher Kommunikation. Auch europäische Demokratien stehen vor der Herausforderung, politische Debatten gegen die Logik permanenter Erregung zu verteidigen.
Gewalt, politische Polarisierung und mediale Inszenierung können daher nicht isoliert betrachtet werden. Sie bilden miteinander verflochtene Dynamiken eines gesellschaftlichen Zustands, den man als „kollektiven Ausnahmezustand“ beschreiben kann.
Zwei Pole spielen dabei eine Rolle: A mok und Koma. Amok steht dabei für Enthemmung, Eskalation und die Mobilisierung von Affekten. Koma bezeichnet die Gegenbewegung: politische Lähmung, gesellschaftliche Erstarrung und den Verlust demokratischer Reaktionsfähigkeit. Gerade die Gleichzeitigkeit von Überhitzung und Immobilität macht den kollektiven Ausnahmezustand der Gegenwart aus. Deshalb ist die Schlussfolgerung: Der Begriff Amok wird zur Signatur einer Zeit, in der Gewalt, Affekt und Inszenierung an die Stelle von Argument, Kompromiss und institutioneller Stabilität treten… Das Koma ist die stille Schwester des Amoks: unauffälliger, aber nicht minder gefährlich.
Die Frage, die sich nach dem Treffen zwischen Trump und Selenskyj stellte, betrifft nicht allein die Vereinigten Staaten. Sie richtet sich an alle westlichen Demokratien. Wie widerstandsfähig bleiben demokratische Institutionen, wenn Vertrauen schwindet und Politik zunehmend den Regeln des Spektakels folgt?
Die Vereinigten Staaten erscheinen dabei weniger als Ausnahme denn als Vorbote. Demokratien geraten nicht nur durch Überhitzung in Gefahr. Sie können auch am Verlust ihrer demokratischen Reaktionsfähigkeit scheitern.

Frank Mehring, Hermann Strasser
Die USA im kollektiven Ausnahmezustand: Zwischen Amok und Reality-TV
Wiesbaden, Springer, 2026, 162 Seiten
24,99 Euro
Frank Mehring
(RC Kleve Schloß Moyland) ist Kulturwissenschaftler und Professor für Amerikanistik an der Radboud University in Nijmegen/NL. Er lebt mit seiner Familie in Rindern bei Kleve.

Hermann Strasser
Hermann Strasser ist ein österreichischer Soziologe und Publizist. Er beruft sich in seinen Werken auf die soziologische Theorie, die Erforschung der sozialen Ungleichheit und des sozialen Wandels.



























