Titelthema
von Matthias Sutter |
| Lesezeit: 7 Minuten

Lieber später

Von wegen altmodische Tugend: Geduld ist die Basis von Erfolg und Wohlstand

„Geduld ist ein Baum mit bitteren Wurzeln, der süße Früchte trägt“, sagt ein afrikanisches Sprichwort. Es verdeutlicht anschaulich, dass es bei Geduld um ein Abwägen zwischen Gegenwart und Zukunft geht. Im Hier und Jetzt verlangt sie oft Verzicht und Anstrengung, ermöglicht aber langfristigen Erfolg. Das gilt für den Erfolg auf individueller Ebene genauso wie für den Wohlstand in unserer Gesellschaft.

In meinem Studium der Volkswirtschaftslehre hatte ich die Inhalte verschiedenster Lehrbücher zu lernen. Keines davon enthielt das Wort „Geduld“. Als Lehrender an der Universität unterrichtete ich aus neueren Lehrbüchern, aber wieder kam darin das Wort „Geduld“ nicht vor. Trotzdem beschäftige ich mich in meiner Forschung seit über 15 Jahren mit Geduld: warum sie so wichtig ist, woher sie kommt und wie man sie lernen und lehren könnte. Warum begeistert mich dieses Thema so?

Unter Ökonomen versteht man unter Geduld prinzipiell das Abwägen zwischen Gegenwart und Zukunft und dabei konkret die Fähigkeit, in der Gegenwart auf etwas zu verzichten, um in der Zukunft besser da­zuste­hen. Wenn man es so betrachtet, drehen sich plötzlich viele Lehrbuchinhalte in der Volkswirtschaftslehre um Geduld. Investition in Bildung ist dann ein Zeichen von Geduld. Wer länger die Schulbank drückt, kann weniger schnell eigenes Geld verdienen, macht das aber in der Erwartung, dass sich die längere Ausbildung auszahlt. Altersvorsorge passt auch zu diesem Verständnis von Geduld. Man konsumiert in der Gegenwart nicht das ganze verfügbare Einkommen, sondern legt etwas für das Alter auf die Seite, um dann nicht nur auf das in Finanzierungsschwierigkeiten steckende staatliche Pen­sions­sys­tem angewiesen zu sein. Jede Form von unternehmerischen Investitionen ist eine Frage des Verzichts auf die vollständige Ausschüttung aktueller Gewinne zugunsten von Investitionen in die Zukunft, um wettbewerbsfähiger zu werden. Als Letztes sei die Gesundheitsvorsorge als Beispiel für Geduld genannt. Es braucht Überwindung, anstatt mit der Tüte Chips vor dem Fernseher ein Fußballspiel anzusehen, selbst eine Runde laufen zu gehen.

Geduld hat immer noch bei vielen Menschen den Beigeschmack, eine altmodische Tugend zu sein

Allen Beispielen ist gemeinsam, dass man in der Gegenwart auf etwas verzichtet und aktiv auf ein besseres Ergebnis in der Zukunft hinarbeitet. Vereinfacht lässt sich Geduld messen, indem man jemanden vor die Wahl stellt, ob er 100 Euro sofort oder 101 Euro in einer Woche haben möchte. Dieses Beispiel sollte jetzt aber nicht dazu führen, Geduld mit dem neudeutschen Wort der „Prokrastination“ zu verwechseln. Letzteres bedeutet, dass man Aufgaben und Entscheidungen vor sich herschiebt und sie in der Hoffnung hinauszögert, dass sich in der Zukunft alles von allein ergeben wird. Geduld ist demgegenüber zukunftsorientiertes Handeln, das aber mit Entscheidungen in der Gegenwart (etwa sich ein weiteres Jahr zu bilden, anstatt früher ins Berufsleben einzusteigen, oder auf 100 Euro sofort zu verzichten) beginnt. Nichts hilft weniger weiter, als keine Entscheidungen zu treffen und alles auf den Sankt-Nimmerleins-Tag zu verschieben. Geduld ist also etwas fundamental anderes als Prokrastination.

Geduld hat aber immer noch bei vielen Menschen den Beigeschmack, eine altmodische Tugend zu sein. Wie kann man heutzutage nicht ultradynamisch, spontan und entscheidungsfreudig sein, sozusagen ein „Macher“, dem so etwas Altmodisches wie Geduld fremd ist? Dazu passt die Beobachtung, dass auf die Frage nach der größten persönlichen Schwäche viele Menschen in Bewerbungsverfahren sagen, dass das ihre die Ungeduld sei. Die Taktik dahinter – auch nachlesbar in Ratgebern für erfolgreiches Verhalten in Bewerbungsgesprächen – besteht darin, durch die Nennung von Ungeduld zu signalisieren, dass man Dinge voranbringt, dass man immer schnell ist, dass man im Hier und Jetzt schon Ergebnisse haben möchte und nicht erst irgendwann in der Zukunft. Und das – so die taktische Überlegung – wäre doch für jedes Unternehmen ein Gewinn. Ist das wirklich so?

Die Ergebnisse unzähliger Studien sprechen eine ganz andere Sprache: Geduldigere Menschen sind im Schnitt besser ausgebildet, erreichen höhere Positionen im Berufsleben, verdienen mehr Geld und sind gesünder. Wohlgemerkt sind das statistische Zusammenhänge. Es mag auch sehr ungeduldige Menschen geben, die erfolgreich sind. Aber empirische Daten zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit dafür bei geduldigen Menschen höher ist. Das gilt sogar auf der Unternehmensebene: In einer Studie mit 259 Tiroler Klein- und Mittelbetrieben zeigte sich, dass jene Unternehmen im Schnitt innovativer waren und eine höhere Rentabilität hatten, deren Führungskräfte (Eigentümer, Vorstände oder Geschäftsführer) sich als geduldiger und zukunftsorientierter beschrieben. Das wurde beispielsweise mit dem Ausmaß der Zustimmung zu Aussagen wie den folgenden abgefragt: „Ich bin gut darin, Versuchungen zu widerstehen.“ Oder: „Ich bin gut darin, auf langfristige Ziele hinzuarbeiten.“ Zwar ist in diesem Zusammenhang noch unklar, in welche Richtung die Kausalität läuft – ob also erfolgreichere Unternehmen eher Führungskräfte einstellen, die geduldig und zukunftsorientiert sind, oder ob geduldige Führungskräfte ihre Unternehmen erfolgreicher machen –, aber auf individueller Ebene geht die ökonomische Forschung davon aus, dass Geduld kausal eine bessere Ausbildung, größeren beruflichen Erfolg und bessere Gesundheit bedingt.

Diese Einsichten werfen sofort die Frage auf, woher denn Geduld kommt. Wie wird man geduldig? Zuerst einmal haben geduldigere Eltern im Schnitt geduldigere Kinder. Das kann mit der genetischen Veranlagung zu tun haben, ist aber sicherlich auch stark durch das Vorbild der Eltern bedingt. Kinder ahmen ihre Eltern in vielerlei Hinsicht nach, etwa auch wenn Eltern langfristige Ziele verfolgen, auch einmal auf etwas verzichten und nicht lieber alles sofort haben müssen. Außerdem zeigt sich in vielen Studien ein Zusammenhang zwischen der Geduld und der Bildung beziehungsweise dem Einkommen der Eltern. Höhere Bildung und Einkommen in der Familie gehen mit mehr Geduld bei den Kindern Hand in Hand. Diese Zusammenhänge legen es nahe, dass manche Kinder aufgrund des Elternhauses weniger gute Startvoraussetzungen als andere haben. Deshalb interessieren sich Verhaltensökonomen seit einigen Jahren verstärkt dafür, ob Bildungsinterventionen solche Startnachteile ausgleichen oder zumindest verringern können.

Matthias Sutter: Die Entdeckung der Geduld – Ausdauer schlägt Talent

EcoWing 2018, 176 Seiten, 22,95 Euro

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In einer aktuellen Studie haben wir deshalb mit über 3000 Grundschulkindern im Alter von sieben bis elf Jahren untersucht, ob die Geduld von Kindern vergrößert werden kann, und falls ja, in welchem Alter man am besten ansetzt. Die Studie haben wir in Bangladesch durchgeführt, weil einer unserer Co-Autoren von dort stammt und es in Kooperation mit dem dortigen Bildungsministerium ermöglicht hat, dass wir in über 130 Schulen während eines ganzen Schuljahres das „Skills for Growing“-Programm von Lions-Quest umsetzen. Das Programm zielt ganz generell darauf ab, junge Menschen beim Heranwachsen zu unterstützen. Kinder lernen durch verschiedenste Übungen, sich Ziele zu stecken, sich um andere zu kümmern, Beziehungen aufzubauen und wohlüberlegte Entscheidungen zu treffen. Im Hinblick auf Letzteres werden sie beispielsweise trainiert, einen „Ampelansatz“ zu verfolgen: einen Schritt zurücktreten, sich beruhigen (rote Ampel), über die eigenen Optionen und die Konsequenzen nachdenken (gelbe Ampel) und dann eine bewusste Entscheidung treffen und diese umsetzen (grüne Ampel).

Wir haben das „Skills for Growing“-Programm in jeder der Schulstufen zwei bis fünf umgesetzt und die Auswirkungen auf die Geduld der Kinder untersucht, indem wir diese mit Kindern in Schulen verglichen, in denen das Programm nicht eingeführt worden war. Unsere Ergebnisse zeigen, dass das Programm die Geduld erhöht. Ganz besonders wichtig ist aber die Einsicht, dass eine frühere Einführung (also schon in der zweiten Schulstufe) stärkere Effekte hat. Diese Erkenntnisse bestätigen das Credo des Wirtschaftsnobelpreisträgers James Heckman von der Universität Chicago, dass eine frühere Förderung nicht kognitiver Fähigkeiten (wozu Geduld, aber beispielsweise auch soziales Verhalten zählen) besser als eine spätere ist. Daraus folgt für unsere Bildungspolitik, dass wir uns bemühen sollten, Fähigkeiten wie das geduldige Abwägen zwischen Gegenwart und Zukunft möglichst früh zu vermitteln, zum Vorteil der Kinder selbst, aber auch unserer gesamten Gesellschaft.

Matthias Sutter

ist Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn und Professor für Volkswirtschaftslehre an den Universitäten Köln und Innsbruck.

Foto: Marc Thürbach
Matthias Sutter

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