Geduld als Treiber von Fortschritt

Geduld ist trainierbar – je früher, desto besser – und zum Wohle der Gesellschaft. Eine multidisziplinäre Betrachtung
Stellen Sie sich vor, Sie sitzen hungrig im Restaurant. Der Kellner zeigt Ihnen zwei verschiedene Appetithäppchen und fragt Sie, welches Sie bevorzugen. Nachdem Sie eines gewählt haben, stellt er beide auf einem leeren Tisch ab und sagt Ihnen, dass er in der Küche gebraucht werde. Wenn Sie warten, bis er von sich aus zurückkommt, bekommen Sie das von Ihnen be-vorzugte Häppchen. Wenn Sie den Kellner vorzeitig durch Klingeln zurückholen, bekommen Sie das nicht bevorzugte Häppchen. Warten Sie, oder klingeln Sie? In einem Restaurantkontext klingt eine solche Wahl vielleicht etwas absurd, aber in seinem berühmten Marshmallowtest hat Walter Mischel Kinder im Vorschulalter (drei bis fünf Jahre) vor eine sehr ähnliche Entscheidung gestellt. Kinder warteten länger auf ihren bevorzugten Snack, wenn sie instruiert wurden, sich mit unterhaltenden Gedanken oder Aktivitäten abzulenken, als wenn sie an den Snack denken oder sich mit nicht unterhaltenden Dingen ablenken sollten. So weit, so plausibel.
Richtig interessant wurde es aber, als Mischel und Kollegen etwa 15 Jahre später nachschauten, wie gut die Kinder im Zulassungstest (Scholastic Assessment Test) für US-Unis abschnitten. Je länger die Kinder in der Bedingung ohne explizite Ablenkung warteten, obwohl die Snacks sichtbar vor ihnen lagen, desto besser war ihr Testergebnis. Zudem hatten diese Jugendlichen auch ein höheres Selbstbewusstsein, einen niedrigeren Body-Mass-Index, reagierten weniger stark auf kleine Frustrationen und konnten besser mit Stress umgehen. Besser kontrollierte Studien (zum Beispiel von Terri Moffitt und Kollegen) mit größeren und repräsentativeren Stichproben berichteten ähnliche Resultate in den Bereichen Gesundheit, Beschäftigung und Wohlstand, auch in späteren Lebensphasen. Das heißt, die Fähigkeit, unmittelbare kleinere Belohnungen (den weniger bevorzugten Snack) aufzuschieben und geduldig auf eine größere Belohnung (den bevorzugten Snack) zu warten, sagt späteren Lebenserfolg und Gesundheit voraus. Dadurch trägt die Fähigkeit zur Selbstkontrolle auch zum Fortschritt der Gesellschaft bei und eröffnet einen Weg zur Lösung von Problemen, welche die Zukunft stärker betreffen als die Gegenwart. Solche Probleme haben oft eine ähnliche Struktur wie der Marshmallowtest, indem sie erfordern, heute zugunsten von morgen zu verzichten.
Wenn wir uns besser in unser zukünftiges Selbst hineinversetzen können, entscheiden wir eher in seinem Sinn
Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, dem Morgen eine höhere Chance zu geben, unsere Entscheidungen positiv zu beeinflussen. Die Forschung in meiner Gruppe hat zum Beispiel gezeigt, dass es hilft, die unmittelbaren Versuchungen gar nicht mehr als mögliche Wahlalternativen wahrzunehmen. Dadurch entscheiden wir uns jetzt schon für das Morgen und gelangen, während wir uns in Geduld üben, weniger in Versuchung, uns doch noch für das Heute zu entscheiden. Im Beispiel oben würde man nach dieser Stra-tegie den Kellner bitten, das nicht bevorzugte Häppchen einem anderen Gast zu geben, und so sicherstellen, dass es nicht mehr erhältlich ist. Eine andere Studie aus meiner Gruppe hat gezeigt, dass wir eher geduldig sind, wenn wir gut darin sind, die Perspektive von anderen Personen einzunehmen. Es scheint so zu sein, dass wir auch unser zukünftiges Selbst bis zu einem gewissen Grad wie eine andere Person behandeln, und wenn wir uns besser in unser zukünftiges Selbst hineinversetzen können, entscheiden wir eher in seinem Sinn. Durch magnetische Stimulation einer bestimmten Gehirnregion konnten wir zusätzlich vorübergehend sowohl die Perspektivenübernahmefähigkeit verbessern als auch die Geduld erhöhen.
Wir werden auch geduldiger, wenn wir uns zukünftige Ereignisse lebhaft vorstellen und uns selbst sowie die Umstände, in denen die Ereignisse geschehen, ausmalen. Das ist besonders dann der Fall, wenn diese Ereignisse positiv sind. Durch die lebhafte Vorstellung werden die Ereignisse konkreter und scheinen weniger weit in der Zukunft zu liegen, als wenn wir nur abstrakt an sie denken. Im Gegensatz dazu können uns schon bestehende Gefühlszustände impulsiver machen. Zum Beispiel wenn wir uns traurig fühlen oder wenn wir ein Dessert sehen, werden wir impulsiver. In diesen Fällen würde die Impulskontrolle von einer Reduktion dieser emotionalen Zustände profitieren. Schließlich kommt es darauf an, wie die Entscheidung formuliert wird. Liegt die Betonung eher auf dem Warten, gelingt es uns weniger gut, geduldig zu sein, als wenn die Betonung eher auf dem positiven zukünftigen Ereignis liegt. Indem wir innerlich die Betonung umformulieren und das positive zukünftige Ereignis stärker gewichten als die negativen Aspekte des Wartens und des Verzichtens, können wir auch etwas geduldiger werden.
Das heißt auch, dass der zukünftige Fortschritt durch Geduld nicht nur in den Händen der jungen Menschen liegt
All die bis jetzt vorgestellten Strategien sind allerdings leider recht kurzlebig und verlangen immer wieder eine Anstrengung, um dem Morgen zum Durchbruch zu verhelfen. Effektiver wäre es, wenn wir Geduld und Selbstkontrolle trainieren könnten und dadurch nachhaltig geduldiger würden. Aber können Geduld und Selbstkontrolle überhaupt trainiert werden? Die Antwort auf diese Frage lautet eindeutig Ja! Der Wirtschaftswissenschaftler Ernst Fehr und Kollegen haben zum Beispiel gezeigt, dass sowohl ein Training des Zielesetzens und -erreichens sowie ein Training des Arbeitsgedächtnisses bei Erstklässlern die Fähigkeit erhöht, starke motorische Impulse zu unterdrücken. Die positiven Effekte zeigten sich nicht unmittelbar nach dem Training, sondern erst nach einem Jahr. Das ist insofern bedeutend, als viele Studien gar nicht so lange messen und dann fälschlicherweise schließen, dass das Training, wenn überhaupt, nur die trainierte Funktion verbessert („narrow transfer“, also hier zum Beispiel das Arbeitsgedächtnis), aber nicht andere Funktionen („far transfer“, hier die Im-pulskontrolle). Zudem wurden jeweils gesamte Schulklassen trainiert oder in die Kontrollgruppe eingeteilt. So konnten sich die Effekte innerhalb der trainierten Klassen über die Zeit verstärken.
Beide Trainings hatten auch einen positiven Effekt auf die Wahl der sekundären Ausbildung drei Jahre später (die Daten wurden in Deutschland erhoben). So zeigten die Kinder mit Training eine um etwa 15 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, ins Gymnasium einzutreten, als Kinder, die normalen Unterricht ohne Training bekamen. Der Trainingseffekt auf die Schulwahl war fast so groß wie der Effekt einer akademischen Ausbildung der Mutter. Zudem kamen die Effekte bei relativ kurzer Trainingsdauer zustande (fünf Stunden für Zielsetzung und -erreichung, 25 Stunden für Arbeitsgedächtnis). Das zeigte, dass relativ kleine Investitionen eine große und lang anhaltende Wirkung haben können.
Ein paar generelle Prinzipien lassen sich gemäß dem Nobelpreisträger James Heckman aus der Trainingsliteratur ableiten:
1 | Nicht nur kognitive, sondern auch nicht kognitive Fähigkeiten (Motivation, Ausdauer, Frustrationstoleranz) sind wichtig und sollten trainiert werden.
2 | Das familiäre Umfeld hat einen stärkeren Einfluss auf Ungleichheiten in den Fähigkeiten zwischen den Kindern als die Schule.
3 | Je früher das Training stattfindet(im frühen Vorschulalter), desto größer ist der Nutzen. Späteres Training hat auch einen Nutzen, aber er ist kleiner.
Zusammenfassend können wir festhalten, dass unsere Geduld nicht in Stein gemeißelt oder durch die Gene vorgegeben ist. Sie hängt vielmehr sowohl vom situativen Kontext als auch von individuellen Eigenschaften wie dem Gefühlszustand ab. Für die Gesellschaft besonders wichtig ist, dass Geduld trainiert werden kann – je früher, desto besser und nachhaltiger. Das heißt auch, dass der zukünftige Fortschritt durch Geduld nicht nur in den Händen der jungen Menschen, sondern auch in den Händen der vorhergehenden Generationen, insbesondere der Eltern und Großeltern, liegt. In diesen Rollen haben wir Vorbildfunktion und können einen richtungsweisenden Beitrag für die Zukunft leisten, indem wir den Kindern vorleben, was es heißt, geduldig zu sein und heute zugunsten von morgen zu verzichten.
Philippe Tobler
nutzt neurowissenschaftliche Methoden, um zu erforschen, wie wir entscheiden und lernen. Er hat beispielsweise gezeigt, dass im Gehirn eine Verbindung zwischen Großzügigkeit und Wohlbefinden besteht, welche erklärt, warum es uns glücklich macht, wenn wir für andere spenden. Tobler lehrt als Professor für Neuroökonomie an der Universität Zürich.
Foto: Frank Brüderli/ZVG


























