Im KI-Himmel

Wenn Maschinen antworten wie Götter und Menschen ihnen millionenfach verfallen – wird künstliche Intelligenz dann zu einer Ersatzreligion?
Die Verbindung von künstlicher Intelligenz und Religion wirkt zunächst widersprüchlich: hier Technik, Daten und Berechnung – dort Götter, Rituale und Glauben. Und doch wird die Nutzung von KI, also von Maschinen, die Informationen verarbeiten und Antworten geben, von Nutzerinnen und Nutzern selbst in religiös geprägten Begriffen beschrieben. Die Interaktion mit Anwendungen wie Replika zum Beispiel, einer emotionalen Begleiter-App, wird als Begegnung mit einer höheren Instanz beschrieben. Nutzer von Social-Media- oder Astrologie-Apps führen die wahrgenommene Treffsicherheit auf übernatürliche Kräfte zurück, die außerhalb des Menschen wirken und solche Ergebnisse ermöglichen. Damit erscheinen technische Systeme mit Eigenschaften ausgestattet, die eigentlich Mächten außerhalb des Menschen vorbehalten sind, etwa vorgestellten Göttern oder kosmischen Ordnungen. Diese Deutungsmuster gehören in den Bereich der Religion. Darin zeigt sich die Religionisierung technischer Systeme: So spricht der Medienwissenschaftler Michael Latzer von einer Techno-Religion, der Historiker Yuval Harari vom Dataismus, einer Weltsicht, in der Daten zur maßgeblichen Instanz werden – Algorithmen treten an die Stelle religiöser Autoritäten.
Was Religion kennzeichnet
Mit dem Begriff „Religion“ lassen sich kulturelle Formationen beschreiben, in denen Annahmen über außerhalb des Menschen stehende Instanzen eine zentrale Rolle spielen, etwa Gott oder vergleichbare übergeordnete Größen. Diese Vorstellungen werden in Objekten wie Kirchenbauten oder Kultgegenständen materialisiert und anschaulich gemacht und durch Rituale und Praktiken stabilisiert sowie in den Alltag eingebunden. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf diese vorgestellten überweltlichen Instanzen, die als Orientierung für Deutungen und Entscheidungen dienen. So werden komplexe Lebenslagen geordnet, Unsicherheiten, insbesondere hinsichtlich der Zukunft, begrenzt, und dem eigenen Leben wird Sinn zugewiesen.
Wendet man dieses Raster auf künstliche Intelligenz an, zeigt sich: Tech-Unternehmer wie Sam Altman vergleichen KI mit einer magischen Intelligenz im Himmel, Demis Hassabis erwartet, dass sie bald „alles andere lösen“ und den Menschen grundlegend verändern wird. Solche Aussagen überschreiten technische Beschreibungen und entwerfen KI als Instanz mit besonderer Wirkmacht. Sie greifen dabei Erzählungen der Populärkultur, etwa aus Filmen wie Her oder Ex Machina sowie aus dem Transhumanismus auf. Diese Erzählungen tragen zur Verbreitung bei und lassen solche Vorstellungen selbstverständlich erscheinen.
KI schreibt sich in Routinen ein
Neben Erzählungen prägen visuelle Darstellungen und alltägliche Interaktionen die Wahrnehmung von KI. Auf Regierungsseiten, in Medien, in der Werbung und in Ausstellungen wird KI häufig in Blautönen sowie mit kosmischen und abstrakten Motiven inszeniert, die zugleich Überlegenheit und Vertrauenswürdigkeit signalisieren sollen. Zukunftsmuseen, etwa das Ars Electronica Center in Linz oder das Futurium in Berlin, präsentieren KI in groß angelegten, eindrucksvollen Installationen als schwer durchschaubare, übermächtige Größe.
Auch im Alltag werden KI-Systeme zunehmend zur Selbstverständlichkeit, so etwa bei Internetsuchen, in Navigationssystemen oder auf Social-Media-Plattformen. In Einkaufszentren oder in der Werbung trifft man auf humanoide Roboter, deren Gestaltung der KI ein freundliches, vertrautes Gesicht verleihen soll. Dadurch und durch den alltäglichen Umgang wird die Nutzung von KI zunehmend als vertraut und normal erlebt.
Diese performative Rahmung lässt KI-Interaktionen selbstverständlich erscheinen. Besonders durch die Interaktion mit Large Language Models (LLMs) wie ChatGPT dringt KI rasant in unser Leben ein. Wir lassen sie Informationen strukturieren, Komplexität reduzieren und richten uns nach ihren Vorschlägen und Entscheidungen. Durch den wiederholten Gebrauch entsteht eine Bindung, die Vertrauen schafft und stabilisiert. Unser Vertrauen beruht dabei nicht darauf, dass das von den Systemen bereitgestellte Wissen nachvollzogen oder überprüft wird. Selbst aus Sicht ihrer Entwicklerinnen und Entwickler bleibt die Funktion von KI-Systemen zum Teil eine Blackbox. Dennoch werden die Ergebnisse und Vorschläge der LLMs zunehmend akzeptiert, ohne ihre Entstehung zu hinterfragen.
Die Frage, ob wir diese neue Religion wollen, haben wir bislang noch nichtgestellt
Aufgrund dieser Dynamik entsteht ein Glaube an die Überlegenheit und Allwissenheit der KI. Den Systemen werden besondere Fähigkeiten zur Problemlösung und Zukunftsgestaltung zugeschrieben, insbeson-dere vor dem Hintergrund der gegenwärtig als komplex wahrgenommenen globalen Herausforderungen. In diesem Sinne lässt sich von einer religionsanalogen Formation sprechen, die funktional an die Rolle traditioneller Religionen anschließt.
KI gilt als rationale, neutrale Technologie. Zugleich wird sie in der Interaktion als übermenschlich wirkmächtige Instanz erfahren. Weil diese beiden Wahrnehmungen nicht als Widerspruch erscheinen, bleibt die Religionisierung der KI unsichtbar und kann gerade dadurch ihre mystifizierende Wirkung entfalten. Dies hat Konsequenzen: ökologische Kosten, die Konzentration von Entscheidungsmacht bei der Tech-Elite; Auswirkungen auf Arbeit und soziale Beziehungen treten in den Hintergrund.
Algorithmische Resonanz und Religion
Die Interaktion mit LLMs lässt sich mit Gebetspraktiken vergleichen: Eine nichtmenschliche Entität wird adressiert, Anliegen werden sprachlich formuliert, Antworten erwartet. Doch während im Gebet Antworten imaginiert werden, antwortet die KI tatsächlich. Gerade diese Konkretheit verleiht der KI eine Autorität, die das Gebet nicht besitzt: Sie antwortet immer, sofort und scheinbar kompetent. Diese technisch hervorgebrachte Resonanz festigt das Erleben der KI als höherer Instanz, und es entsteht eine neue Religion, deren Konsequenzen bislang kaum absehbar sind. Beobachten lässt sich jedoch bereits heute, dass sich unser Verhältnis zu Wissen, Entscheidungsfindung und Wirklichkeit grundlegend verändert. Die Frage, ob wir diese neue Religion wollen, haben wir bislang noch nicht gestellt.
Inken Prohl
ist Professorin an der Universität Heidelberg. Sie ist Religionswissenschaftlerin und Japanologin und forscht zu Religionen in Japan, insbesondere zum Zen-Buddhismus. Ihr aktueller Forschungsschwerpunkt liegt auf künstlicher Intelligenz sowie auf Fragen von Subjektivität und Autorität in Mensch-Maschine-Beziehungen.
Foto: Privat






















