„Wir betrieben Heilarbeit“

„Ich werde eine Tochter bekommen“, schrieb die schwangere Leni Kilius 1942 an ihr Idol, die weltberühmte Schauspielerin, Tänzerin und Sängerin Marika Rökk. „Wäre es Ihnen recht, wenn ich sie nach Ihnen nennen würde? Denn sie soll so werden wie Sie.“
Das ist gelungen! Gemeinsam mit Hans-Jürgen Bäumler gewann Marika Kilius zwischen 1957 und 1962 auf dem Eis fast alles, was zu holen war. Sechsmal Gold bei Europameisterschaften, zweimal bei Weltmeisterschaften, sehr viel Silber und Bronze. 1964 wechselte das Paar ins Profilager, und dort lief Marika Kilius mit wechselnden Partnern weitere zwei Jahrzehnte international bei Eisschauen – als Weltstar mit einem ganz besonderen Auftrag, den sie erst später erkannte. „Wir betrieben Heilarbeit“, sagt sie heute und räumt ein: „Das hat aber nur funktioniert, weil wir immer gewonnen haben.“
Der Glanz der Eisprinzessin. Ihre Schönheit, Anmut, Eleganz. Und dann noch dieser hübsche Hans-Jürgen an ihrer Seite, ein Mädchen- und Frauenschwarm. Sie waren fleißig, freundlich, fröhlich – und das war eine Wohltat für das noch immer schwer angeschlagene Deutschland. Nach vorne wollte man schauen und der Welt zeigen, dass man auch ein anderes Gesicht hatte. Diese Aufgabe war Marika von Anfang an klar: „Ich wusste, dass ich das für Deutschland tue, und das hat mich stolz gemacht.“
1954, das Wunder von Bern – Deutschland Fußballweltmeister – markierte die Rückkehr in den „Kreis der Guten“. Doch noch immer drückte die Vergangenheit schwer. Da tanzten diese beiden so leichtfüßig übers Eis, sie sprangen und drehten sich und lächelten und waren frei und unbeschwert … ihre Küren eine Kur! Mehrere Kinofilme und auch Schlager folgten. Alle, nun ja, fast alle wollten wie Marika sein oder sie heiraten.
Mit zweieinhalb Jahren begann sie Rollschuh zu laufen. Ab ihrem vierten Lebensjahr trat sie bei Schaulaufen auf, auch vor in Frankfurt stationierten US-Soldaten, und beschaffte dadurch für ihre Eltern Nahrungsmittel und Zigaretten. Mit dem sechseinhalb Jahre älteren Franz Ningel wurde sie als Siebenjährige zur Paarläuferin auf Rollschuhen und später auch als Eisläuferin. Zum Traumpaar auf dem Eis wurde sie mit Hans-Jürgen Bäumler. Ob die beiden auch privat ein Paar wären, beschäftigte die Nation jahrzehntelang.

Marika Kilius heiratete 1964 in Frankfurt tatsächlich wie eine Prinzessin. Tausende Menschen jubelten und winkten, als sie in einer sechsspännigen weißen Kutsche, eskortiert von 30 Reitern, zur Kirche gefahren wurde, wo mindestens 10.000 Menschen warteten. Die Begeisterung der Masse war vielleicht auch ein kleines Danke. Danke, Marika, dass du unsere Träume wiedererweckt hast und uns gezeigt hast: Jeder kann es schaffen mit harter Arbeit von ganz unten nach ganz oben. Heute lebt die zweifache Mutter und Großmutter, die auch im hohen Alter ständig neue Projekte verfolgt, wieder in ihrer Geburtsstadt Frankfurt. Bei den diesjährigen Olympischen Spielen in Cortina d’Ampezzo war Marika Ehrengast. Denn vor 70 Jahren debütierte sie dort auf der internationalen Bühne als jüngste Teilnehmerin der Spiele – mit zwölf Jahren – und verzauberte schon damals das Publikum.
Shirley Michaela Seul
Autorin, Ghostwriterin und Co-Autorin zahlreicher Bücher, darunter einge Bestseller. Mitautorin der Autobiographie von Marika Kilius.




























