Titelthema

Wach bleiben!

von Andrea Stoll | 
 |  Lesezeit: 5 Minuten

Ein Zufallsfund auf einem Kaffeetisch veränderte die Literaturgeschichte: Ingeborg Bachmanns Aufstieg erzählt von Talent, Verlust und Selbstbehauptung

Als die frisch promovierte Kärntnerin Ingeborg Bachmann (1926–1973) Anfang der 50er Jahre versuchte, in Wien literarisch Fuß zu fassen, war die Literaturszene noch fest in Männerhand. In Deutschland sah das nicht anders aus. Und so waren es natürlich auch die Herren, die über dasWohl und Wehe des literarischen Nachwuchses zu entscheiden hatten. Immer auf der Ausschau nach frischen Talenten reiste der Begründer der legendären deutschen Autorenvereinigung „Gruppe 47“, Hans-Werner Richter, nach Wien, um sich mit dem tonangebenden Impresario der österreichischen Literatenszene, Hans Weigel, im von den Amerikanern zur Demokratisierung implantierten Sender Rot-Weiß-Rot zu treffen. Empfangen wurde er dort von einer jungen Mitarbeiterin, die ihn bei Kaffee und Gebäck auf seine eigentliche Verabredung warten ließ. Weigel aber erschien nicht zu der genannten Zeit. Das Fräulein war in einem Büro verschwunden, nur das Klappern ihrer Schreibmaschine war zu hören. Richter begann sich zu angweilen und griff nach einem Stapel Papier, der scheinbar absichtslos auf dem Kaffeetischchen platziert war. Was er da in Händen hielt, waren Gedichte. Gedichte, von so eindrucksvoller poetischer Sprache und so unverwechselbarem Sound, dass er von der jungen Frau, als sie denn wiederkam, unbedingt wissen wollte, von wem bitte schön diese Gedichte stammten. Es waren ihre eigenen.

Italien, die große Liebe

Mit der darauffolgenden Einladung zu dem für Mai 1952 in Niendorf an der Ostsee geplanten Treffen der „Gruppe 47“, öffnete sich für Bachmann das Tor zur literarischen Welt. Mit einem genauen Gespür für die Erwartungshaltung der vorwiegend aus Männern bestehenden Gruppe spielte sie das Spiel der schüchternen Anfängerin mit, die von den Rittern dieser literarischen Tafelrunde ans Licht der Öffentlichkeit gehoben werden konnte. Ein literarisches Fräuleinwunder nahm von da aus seinen Lauf, das mit den Gedichtbänden Die gestundete Zeit (1953) und Anrufung des Großen Bären (1956) der jungen Bachmann nicht nur bedeutende Literaturpreise im Nachkriegsdeutschland einbrachte, sondern sie auch als erste Schriftstellerin 1954 zum Cover-Girl des Nachrichtenmagazins Der Spiegel machte. Die Bewunderung der deutschen Literaturszene verstärkte in ihr den Wunsch nach einer freien Schriftstellerinnenexistenz, für die ihr in Österreich sowohl die materiellen als auch die institutionellen Voraussetzungen fehlten. In ihrem Heimatland gab es nach dem Zweiten Weltkrieg zu wenige Presseorgane, zu wenige Verlagshäuser und Rundfunkanstalten. Um den Autoren das Überleben zu sichern, brauchte es das Wirtschaftswunderland Deutschland.

Dass Bachmann offensiv den Kontakt zu den Repräsentanten der deutschen Nachkriegsliteratur suchte, markierte in ihrer Verbindung zu dem jüdischen Dichter Paul Celan einen tiefen Einschnitt. Die Liebesbeziehung zwischen der Täter-Tochter eines Nazioffiziers und dem Opfer-Sohn, dessen jüdische Eltern von den Nazis grausam ermordet wurden, erwies sich als schwer belastet von der Differenz ihrer unterschiedlichen Herkunft. Bachmanns Bemühen, mit ihrer poetischen Arbeit die Scham und Schuld ihrer Elterngeneration abzutragen, ließ sie für Celan zum „Lebensgrund“ seines eigenen Sprechens werden. Gleichzeitig haderte er damit, dass sie ihren literarischen Durchbruch ausgerechnet im Land der Täter suchte. Auch wenn sie sich in Deutschland nie dauerhaft niederlassen sollte, führten sie Lesereisen und Tagungen oft über Wochen in das Land des Holocaust, in dem sich Celan für immer unwohl fühlen sollte. Das Scheitern dieser Liebesbeziehung wurde für Bachmann zu einer großen emotionalen Niederlage, die ihr ganzes Leben überschattete.

Für eine Österreicherin wie sie begann das wirkliche Leben erst südlich von Klagenfurt

 

Nach ihrem ersten Aufenthalt mit dem Komponisten Hans Werner Henze auf Ischia 1953 wurde Italien „il primo amore“, aus der ihr die Befreiung aus der Gebundenheit traumatischer Geschichtserfahrung gelang, auch wenn sie sich ihre ersten römischen Zimmer nie lange finanzieren konnte. Die Gedichte in Anrufung des Großen Bären greifen in genau jenen Jahren einprägsame Südmotive auf, als die erstmals zu Nachkriegswohlstand gekommenen Deutschen von Bella Italia träumten und Schlagersänger von Vico Torriani über Caterina Valente bis Rudi Schuricke die Italiensehnsucht mit sentimentalen Liedern besangen. Diese historische Begleitmusik dürfte durchaus ihren Anteil daran gehabt haben, dass Bachmanns Gedichte unter den intellektuelleren Zeitgenossen enorme Popularität gewannen, denn sie erlaubten es, sich eigenen Südsehnsüchten hinzugeben, ohne in die Kitschecke zu geraten. Auch wenn Bachmann nach ihrer Frankfurter Poetikdozentur 1959/60 immer stärker zu einer öffentlichen Figur des bundesdeutschen Lebens wurde, galt ihr wichtigster Appell zuerst für sie selbst: „Seht zu, dass ihr wach bleibt!“ Gegenüber einer immer entschlossener auf Wirtschaftskraft und wachsenden Konsum ausgerichteten Nachkriegsgesellschaft beharrte sie darauf, die Mahnwache ihrer Generation zu halten. Als ihr am 17. März 1959 in Bonn der viel beachtete Hörspielpreis der Kriegsblinden verliehen wurde, erwies sich ihre Dankesrede Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar als Meilenstein poetischer Selbstbestimmung. Nachdem sie mit ihrem späteren Lebenspartner Max Frisch 1960 endlich die ersehnte großzügige römische Wohnung beziehen konnte, zerbrach auch dieser Traum nur wenig später. Bachmanns anschließende Jahre in Berlin blieben nur eine Zwischenstation, bevor sie mit wachsendem Erfolg nach Rom zurückkehrte. Für eine Österreicherin wie sie begann das wirkliche Leben erst südlich von Klagenfurt.

Warnung für die Gegenwart

Was der Zweite Weltkrieg unter den Menschen entfesselt hatte, konnte sie nie mehr vergessen. Jedes Einvernehmen zwischen Menschen, jedes gute Wort, jede zärtliche Geste, war eine Handlung auf Widerruf. Wenn es nach Bachmann für unser modernes Ich „keine Gewähr“ gibt, so gilt das erst recht für die Zivilisation der Nachkriegszeit. Ihre Literatur, allem voran der komplexe Roman Malina (1971), ist heute aktueller denn je: Bachmann traute der Friedensordnung nicht: „Hätten wir das Wort, hätten wir die Sprache, wir bräuchten die Waffen nicht.“

Andrea Stoll

ist in Film und Literatur zu Hause. Ihre aktuelle Biografie über Ingeborg Bachmann wird in den Medien gefeiert, ihre Drehbücher wurden ­vielfach ausgezeichnet.

Foto: Privat

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