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Porträt aus Rothenburg ob der Tauber

Botschafter der Weihnacht

Porträt aus Rothenburg ob der Tauber - Botschafter der Weihnacht
Harald Wohlfahrt wollte Arzt werden, jetzt ist er Deutschlands bekanntester Weihnachtsmann

Harald Wohlfahrt (RC Rothenburg ob der Tauber) will das deutsche Weihnachtsfest retten. Dafür geht sein Unternehmen sogar nach Tokio

Gerald Deckart15.12.2015

Mit einer Weihnachtsspieldose aus dem Erzgebirge hat alles angefangen. Harald Wohlfahrts Eltern hatten sie auf ihrer stationsreichen Flucht aus der DDR stets mit sich geführt. Im württembergischen Herrenberg, wo sie eine neue Heimat fanden, schenkten sie das kleine Kunstwerk Anfang der 60er Jahre einem befreundeten amerikanischen Offiziersehepaar. Die Freude, die sie damit auslösten, brachte sie auf eine Geschäftsidee. Für die vielen in der Region stationierten amerikanischen Soldaten organisierten sie fotran Wohltätigkeitsbasare mit deutschem Weihnachtsschmuck.


Zwangsumzug nach Rothenburg
Die Resonanz war so großartig, dass sich die Wohlfahrts ermutigt fühlten, einen Laden zu eröffnen. Dafür gründeten sie  1964 die Firma „Käthe Wohlfahrt – Feine Holz- und Spielwaren“. Das Geschäft lief gut an, die Unternehmer planten einen Ausbau,  konnten den aber nicht durchsetzen und zogen deshalb 1977 um nach Rothenburg ob der Tauber. Dort richteten sie in einem historischen Gebäude „Käthe Wohlfahrts Christkindlmarkt“ ein bieten seither rund ums Jahr Weihnachtsartikel an. Harald Wohlfahrt steckte damals mitten im Studium der Betriebswirtschaft. Er hatte es nur widerwillig aufgenommen, denn lieber hätte er Medizin studiert, zumal er sich in der Bundeswehr zum Sanitäter hatte ausbilden lassen. Aber als einziges Kind seiner Eltern spürte er seine Verantwortung zur Übernahme des Geschäfts. Als der Vater dann herzkrank wurde, verließ Harald die Universität kurz vor dem Examen und stieg in das Geschäft ein.


Schon bald belebte er es mit neuen Ideen. 1981 baute er in der Rothenburger Herrngasse das „Weihnachtsdorf“ - gegenüber dem alten Laden. Vor der künstlichen Kulisse fränkischer Fachwerkidylle stellte er fast alle traditionellen deutschen Weihnachtsartikel aus und bot sie zum Kauf an. Hinter dem rein Geschäftlichen stand aber für Harald Wohlfahrt schon bald weit mehr, denn er erkannte: „Wir verkaufen nicht nur Produkte, sondern Freude.“ Und: „Ich habe gemerkt, dass das, was wir tun, Werte vermittelt.“ Sein zentrales Anliegen ist es deshalb bis heute, die traditionelle deutsche Weihnacht mit all ihren Attributen zu erhalten und zeitgemäß weiterzuentwickeln. „Ich will den Weihnachtsmann gegen Santa Claus verteidigen“, sagt Wohlfahrt. Sogar eine Weihnachtswerkstatt hat er eingerichtet, in der eigene Entwickler arbeiten.


Expansion ins Ausland
Der Verteidigung der deutschen Weihnacht dient auch ein Projekt, mit dem er sich einen Herzenswunsch erfüllt hat: Im Jahr 2000 konnte er in Rothenburg endlich das Deutsche Weihnachtsmuseum eröffnen. Es stellt, gleichfalls in einem historischen Haus, neben vielen Dokumenten all das aus, was zu einem deutschen Weihnachtsfest, regional unterschiedlich, gehörte oder gehört.
Auch wenn Rothenburg als eines der Top-Tourismusziele in Deutschland ein guter Ort ist, um diese Botschaft weiterzutragen, drängte es Harald Wohlfahrt aus der fränkischen Idylle in die Welt. Die erste Filiale eröffnete 1983 in Oberammergau, die nächsten folgten in anderen deutschen Städten, in Belgien, den USA und Japan, wo sich „Käthe Wohlfahrt“, wie die Firma inzwischen heißt, schon 1981 an einer deutschen Tourismusmesse beteiligt hatte. Harald Wohlfahrt wurde zum Botschafter der deutschen Weihnacht.


Übernahme bedrohter Geschäfte
Besonderen Wert legt er bei Herstellung, Präsentation und Vertrieb seiner Produkte auf den ökologischen Faktor. 80 Prozent der Engel, Nussknacker und Schmuckgegenstände lässt er in Deutschland und einigen Nachbarländern aus möglichst natürlichen Materialien fertigen – nach guter Handwerksart. Die naturgemäß aufwendige Beleuchtung der Geschäfte hat der Weihnachtsmann auf LED umgestellt, wodurch er 60 Prozent des bis dahin verbrauchten Stroms einsparen konnte.


Das leitet über zu einem weiteren Engagement Harald Wohlfahrts, nämlich dem für seine mittelalterliche Stadt. So hat er im Taubergrund zwei alte Mühlen gekauft, um sie zu restaurieren und damit Strom zu produzieren. Und nicht nur dies. Wenn in der Altstadt ein traditionsreiches Geschäft zu schließen drohte, kaufte oder pachtete er es. „Ich will nicht, dass eine Modekette oder noch ein Souvenirladen hier einzieht“, begründet der Unternehmer sein Engagement. Stattdessen betreibt er nun an fünf Standorten unterschiedliche Läden, darunter ein Porzellangeschäft, einen für Schmuck und eine Papeterie. Sechs Jahre saß Wohlfahrt auch im Stadtrat, bis ihm die Doppelbelastung zu viel wurde und seiner Gesundheit zusetzte. Rotarisch, so gesteht er lächelnd ein, gehöre er eher zu den Spendern als zu den Hands-on-Freunden. Doch noch hofft er, einen Club gewinnen zu können für sein Tansania-Projekt, bei dem in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirche in einer eigens dafür gebauten Schule Jugendliche zu Kunsthandwerkern ausgebildet werden sollen.


Für die Idee und für alles, was rundum zur deutschen Weihnacht gehört, war 1989 ein großes Jahr. Plötzlich stand Harald Wohlfahrt der Weg offen in die Heimat seiner Eltern im Vogtland  und vor allem auch der zu den Produktionsstätten handwerklichen Spielzeugs und Weihnachtsschmucks im Erzgebirge sowie zu den Weihnachtsmärkten dort. Während „Käthe Wohlfahrt“ zuvor bereits auf einigen, vor allem norddeutschen Märkten vertreten war, erhielt die Firma 1990 den Auftrag, den Weihnachtsmarkt vor dem Leipziger Rathaus zu organisieren. Heute ist das Unternehmen allein in Deutschland auf mehr als 50 Märkten präsent. Auch in Baltimore, Verona oder Tokio vermittelt Harald Wohlfahrt den Besuchern eine bunte, glitzernde, romantische Vorstellung davon, wie Deutschland Weihnachten feiert, das große Fest der Christenheit. Der Mann ist Botschafter mit Leib und Seele.