Hamburg/Kabul - »Tapfer sind fast  alle Kinder«

Gesund zurück in der Heimat. Saadia wird von ihrer Familie in Kabul in Empfang genommen.

03.06.2011

Hamburg/Kabul 

»Tapfer sind fast alle Kinder«

Insa Fölster

Friedrich-Christian Rieß ist medizinischer Leiter des Projektes Herzbrücke der Albertinen-Stiftung in Hamburg, bei dem Ärzte herzkranke Kinder aus Afghanistan behandeln, die dort nicht versorgt werden können. Ohne diese Eingriffe müssten die meisten von ihnen sterben. Zum Erfolg wurde das Projekt nicht zuletzt durch das rotarische Netzwerk

Saadia ist sieben oder vielleicht auch schon siebeneinhalb. Ganz genau weiß es niemand. Eine Geburtsurkunde existiert nicht. Geburtstage werden in Afghanistan traditionell nicht gefeiert. Viele Menschen dort werden einfach am 1. Januar ein Jahr älter, Saadia auch. Am 22. November des vergangenen Jahres kommt das Mädchen mit dem Flugzeug von Kabul nach Frankfurt. Übernächtigt, verlaust und tapfer. „Tapfer“, sagt Prof. Dr. Friedrich-Christian Rieß aus dem RC Norderstedt, „das sind fast alle Kinder, die zu uns kommen.“ Rieß ist Chairman des Albertinen-Herzzentrums, Chefarzt der Abteilung Herzchirurgie und der medizinische Leiter des Projektes Herzbrücke der Albertinen-Stiftung in Hamburg. Saadia, das kleine Mädchen mit dem dunklen Teint, hat einen schweren Herzfehler und ist eines der 16 Kinder, das der Herzchirurg und seine Kollegen im Winter 2010/11 operiert haben. Zehn bis 20 Kinder sind es pro Jahr. Saadia ist Gastkind bei Familie Rieß. Für vier Monate taucht das Mädchen aus Afghanistan ein in ein anderes Leben. Sie geht in den Kindergarten, nimmt zum ersten Mal am Alltag einer Familie teil, die nicht ihre eigene ist. Innerhalb von kürzester Zeit lernt sie die deutsche Sprache und das, was für Kinder hierzulande zum Alltag gehört, für Saadia aber etwas Besonderes ist: Fahrradfahren, Malen und mit Besteck zu essen. Ihre Familie isst mit den Händen. Einen Stift hat sie noch nie in der Hand gehabt. Ein Fahrrad auch nicht.

Herkunft

Saadia kommt aus Nagahar an der pakistanischen Grenze. Dort hat sie mit ihren sechs Geschwistern und den Eltern in einem Zelt gelebt. Saadia ist ein Nachzügler – das Nesthäkchen und das Sorgenkind. Aufgrund ihrer Krankheit ist die Familie vor Kurzem nach Kabul gezogen. Dort gibt es mehr Behandlungsmöglichkeiten. Zum Beispiel das Indira-Gandhi-Krankenhaus, das einzige öffentlich finanzierte Kinderkrankenhaus des Landes – ein Krankenhaus für Arme. Saadias Mutter ist Analphabetin und lebt als Hausfrau unter der Burka. Ihr Vater ist arbeitslos, sucht einen Job als Polizist in Kabul. Früher war er beim Militär. Ein Blick in Saadias tiefdunkle rehbraune Augen, die mit festem Blick unter dem zerzausten schwarzen Haar hervorschauen, und manches, was das Kind erzählt, lassen erahnen, welche Anblicke diese Augen schon ertragen mussten.

Das Geld für die Familie verdient der älteste Bruder mit seiner selbst gebauten Rikscha. Für Ausgaben wie teure Medikamente oder gar Operationen für seine Schwester reicht das Geld aber lange nicht aus. Im Indira-Gandhi-Krankenhaus setzt sie ein Arzt auf die Warteliste der „Herzbrücke“, und sie hat Glück.

Hoffnung

Mit einer starken Einengung an der Aortenklappe kommt Saadia schließlich nach Deutschland. Durch eine im Herbst 2010 vereinbarte Kooperation mit dem Herzzentrum des Hamburger Universitätsklinikums Eppendorf (UKE) kann Saadias Aortenklappe dort mittels einer Ballondilatation erfolgreich behandelt werden. Später im Erwachsenenalter wird ihr eine neue Herzklappe eingebaut werden müssen. Bis dahin wird sie weiterleben können, und ihr Herz wird keinen Schaden nehmen.

Als Nebenbefund erkennen die Ärzte bei Untersuchungen in Deutschland eine schwere Ohreninfektion bei der Siebenjährigen, die ins Gehirn durchzubrechen droht. Ihre Eltern wissen wohl, dass etwas im Ohr nicht in Ordnung ist. Doch es gibt keine Befunde, und die Eltern haben vor der Abreise nichts gesagt – vermutlich aus Angst, dass Saadia dann kein Herzbrücke-Kind wird. Für Saadia ist eine Behandlung in Deutschland ihre einzige Überlebenschance. Die Infektion würde sie nicht überleben, wäre sie kein Herzbrücke-Kind.

Ein Herzbrücke-Kind, das wollen viele sein. Das Projekt ist bekannt in Afghanistan. Wenn sich herumspricht, dass Projekt-Vertreter vor Ort sind, kommen Menschen mit Eseln und Rikschas aus dem ganzen Land. Sie bringen ihre Kinder mit und sehr viel Hoffnung. Hoffnung darauf, dass ihr Kind eine Chance bekommt. Oft die einzige, eine letzte Chance zu überleben. Denn die hygienischen und medizinischen Bedingungen sind oft katastrophal. „Die Menschen sterben an den einfachsten Erkrankungen“, sagt Friedrich-Christian Rieß. Daher gehört auch der Aufbau der medizinischen Versorgung zu einem Aufgabenfeld der Herzbrücke.

Bei vielen Kindern arbeiten die Ärzte hart an der Inoperabilitätsgrenze. Das wissen auch die Eltern, die allerdings schon bei jedem Versuch, ihrem Kind zu helfen, eine tiefe Dankbarkeit verspüren. „Obwohl ihre Kinder der größte Reichtum für die Afghanen sind, würden sie keine Vorwürfe machen“, so Rieß. Das Credo, an das sich die Menschen dort halten, sagt er, heißt Inshallah („So Gott will“) – der Herr hat’s gegeben, der Herr hat‘s genommen.

Kooperation

Mit einem Hilfegesuch russischer Kollegen an den früheren Chefarzt des Albertinen-Herzzentrums, Prof. Dr. Niels Bleese (RC Hamburg-Alstertal) begannen 1995 diese Hilfsaktionen. Zehn Jahre kollegialer „Hilfe zur Selbsthilfe“ in Jekaterinburg, bei der Niels Bleese und Friedrich-Christian Rieß vor Ort operierten und russische Kollegen ausbildeten, waren die Basis, auf der 2005 die Herzbrücke starten konnte. Fokko ter Haseborg (RC Norderstedt), Vorstandsvorsitzender des Albertinen-Diakoniewerkes, gründete u.?a. dafür die Albertinen-Stiftung: „Wir wollten unsere Diakonieprojekte für Arme erhalten und ausbauen, ohne das Albertinen-Krankenhaus zu überlasten. Darum werden Projekte wie die Herzbrücke von der Stiftung organisiert und über Spenden finanziert.“ Ein großes Netz an Helfern ermöglichte seitdem 81 Kindern eine lebensrettende Operation. Pro Kind liegen die Behandlungskosten zwischen 5000 und 25.000 Euro. Die ersten 70 Kinder hat Friedrich-Christian Rieß mit seinem Team im Albertinen-Krankenhaus operiert. Um die Effektivität der Herzbrücke weiter zu erhöhen, werden seit 2010 auch Kinder im UKE behandelt. Auch andere Hamburger Ärzte zeigen sich ausgesprochen hilfsbereit. Viele behandeln die Kinder kostenlos. „Es ist nicht nur ein Brückenschlag nach Afghanistan, sondern auch zum UKE und zu anderen Medizinern“, sagt Friedrich-Christian Rieß glücklich über die intensive Kooperation, die auch künftig beibehalten werden soll. Aber nicht nur auf medizinischer Seite sind unzählige helfende Hände am Werk. Über 100 deutsche und afghanische Helfer unterstützen zusätzlich das Projekt. Immer wieder sind es auch die helfenden Hände von Rotariern. Vor allem im RC Norderstedt ist Herzbrücke eines der größten Projekte im Club, das die Mitglieder auf ganz unterschiedliche Weise unterstützen – ob finanziell, als Betreuer, Übersetzer oder als Gasteltern.

Knapp drei Monate wohnen die Kinder in der Regel in ihren Gastfamilien. Die sollten vor allem viel Zeit für das Kind haben, aus dem Hamburger Raum kommen und nach Möglichkeit Geschwisterkinder in ähnlichem Alter haben, erklärt Saadias Gastmutter Annette Rieß. Sie ist selber Mutter von sechs Kindern und begleitet Saadia während ihrer Klinikaufenthalte Tag und Nacht. Saadia bleibt vier Wochen länger als die anderen Kinder, damit ihre schwere Ohreninfektion im Anschluss an die Herz-OP noch erfolgreich behandelt werden kann. Geweint hat das zierliche Mädchen in der ganzen Zeit nicht ein einziges Mal. „Daran merke ich, dass sie aus sehr armen Verhältnissen kommt“, sagt Annette Rieß. „Diese Menschen müssen jeden Tag aufs Neue zurechtkommen. Daher sind sie sehr flexibel und hart im Nehmen.“

Völkerverständigung

Kinder wie Saadia bereichern die hiesigen Familien mit ihrer Kultur ungemein. Umgekehrt nehmen sie einen Teil der deutschen Kultur mit in ihr Land zurück. „Jedes Kind ist ein Botschafter des Friedens und der Völkerverständigung“, sagt Friedrich-Christian Rieß. Saadia zum Beispiel möchte künftig in Afghanistan zur Schule gehen. Das hat sie mitgenommen aus der deutschen Kultur. Nach langer Überzeugungsarbeit ist auch ihr Vater von der Idee angetan und sucht gerade eine Schule für sie. Wenn er keine findet, wird ihre Gastfamilie eine von hier aus suchen. Eine Privatschule mit Fahrer, damit der Schulweg sicher ist – für umgerechnet 35 Euro pro Monat. Die wird Familie Rieß aus Deutschland überweisen. Nach vier Monaten in Deutschland ist Saadias kleiner Körper gesund, aufgepäppelt und gestärkt. Friedrich-Christian Rieß hat Saadia und zwei Nachzügler mit einem Kollegen zusammen persönlich nach Kabul zurückgebracht, wo sie begeistert in Empfang genommen wird. Saadia hat ein Fahrrad geschenkt bekommen und einen Schulranzen. Das Mädchen soll zurück in ihrem alten Leben ein neues beginnen. Das wird sie gut meistern, da ist sich Familie Rieß sicher. Denn Saadia ist tapfer, und sie ist eine Kämpferin.

Erschienen in Rotary Magazin 5/2011

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