Michael Tsokos, RC Berlin-Brandenburger Tor - Besuch beim Rechtsmediziner Michael Tsokos: Ein süßlich stechender Geruch

Michael Tsokos

15.02.2011

Michael Tsokos, RC Berlin-Brandenburger Tor

Besuch beim Rechtsmediziner Michael Tsokos: Ein süßlich stechender Geruch

Insa Fölster

Er wirft sich seine knallrote Jacke über, auf seinem Rücken prangt in großen Lettern „Rechtsmedizin“. Dann schnappt er sich die kleine Videokamera von seinem Schreibtisch und geht in den Obduktionssaal. „Da hat sich jemand die Pulsadern aufgeschnitten und die Sehne hängt heraus. Wenn man an ihr zieht, macht der Finger immer so“, sagt er und bewegt seinen Zeigefinger, als würde er einem Kind sagen: Komm mal her!
Dieses Phänomen muss dokumentiert werden, denn „das ist gut für Studentenunterricht“, sagt Michael Tsokos. Der 44-Jährige ist Professor für Rechtsmedizin an der Humboldt-Universität und an der Freien Universität Berlin. Außerdem leitet er das Institut für Rechtsmedizin der Charité und das Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin in Berlin-Moabit. 11.000 bis 12.000 Obduktionen hat Michael Tsokos bisher durchgeführt, bei rund 20.000 war er dabei. „Für mich ist es genauso normal, mit dem Messer jemanden aufzuschneiden, wie morgens den Computer anzuschalten“, sagt er abgeklärt. An seine erste Obduktion als Rechtsmediziner kann er sich noch gut erinnern. Es war eine 19-Jährige, die sich die Pulsadern aufschnitt, anschließend mit dem Auto durch die Stadt raste und dann von einem Hochhaus sprang.
„Ich könnte jedes Jahr ein Buch ­schreiben. Die Wirklichkeit ist unglaublicher als jegliche Fantasie eines Drehbuchautors“, so Tsokos, der bei ungeklärten Todesfällen im Auftrag von Staatsanwaltschaft, Gerichten und Polizei auch direkt zu den Tatorten gerufen wird.

Liegt die Leiche erst einmal im Obduktionssaal, geht es dort nicht so actionreich zu wie im TV. „Wir untersuchen mit wissenschaftlichen Methoden Todesfälle und sind keine Profiler, die mit parapsychologischen Fähigkeiten die Fälle lösen“, sagt Tsokos und denkt dabei an manch eine Szene aus dem „Tatort“.
Schlagzeilen machte er kürzlich mit der These, es handele sich bei einer anonymen Wachsleiche in den Kellern der Charité um die Leiche von Rosa Luxemburg. Tsokos wandte sich an die Öffentlichkeit, um das anhand von DNA-Spuren zu beweisen. Bis heute konnte keine DNA aufgetrieben werden. Die Leiche wurde anonym auf einem Berliner Friedhof begraben. Der Fall ist auf unbestimmte Zeit auf Eis gelegt.

 „Emotionen muss man ausblenden, sonst ist man nicht objektiv“, sagt Tsokos. Etwas mehr Weichheit in der Stimme bekommt er allerdings, wenn er von Fällen spricht, bei denen Kinder betroffen sind. Diese Fälle, etwa wenn Kinder „zu Tode geschüttelt oder vergewaltigt werden“, die wird er niemals vergessen. Dennoch: In seine Träume in der Nacht nimmt Tsokos auch diese Geschichten nicht mit. „Man muss ziemlich dickfellig sein und darf sich nicht leicht aus der Bahn werfen lassen“, fasst der Rechtsmediziner zusammen. Kalt lassen muss ihn zum Beispiel das Geräusch der Kreissäge, wenn er damit den Kopf aufschneidet, dazu eventuell der Anblick von Maden, die überall umherkrabbeln. Hinzu kommt der stets süßliche, etwas stechende Geruch, der ihm bei Leichen mit fortgeschrittenem Verwesungszustand in die Nase steigt – „wie von einem Steak, das vor Urlaubsanbruch in der Mülltonne vergessen wurde“.

Michael Tsokos lässt sich von alldem nicht aus der Bahn werfen und erledigt professionell seine Arbeit. Er hat eben ein dickes Fell.Insa Feye

Erschienen in Rotary Magazin 2/2011

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