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Wien

Neulich im Demel

Wien - Neulich im Demel
Der Kaiser hat ein Auge auf die wöchentlichen Meetings. © Hubert Nowak

Simple Präsenzmeetings gibt es ja häufig. Aber das im Café Demel ist außergewöhnlich. Und das schon seit zehn Jahren.

Hubert Nowak01.12.2019

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An der Theke im Cafe Demel © Hubert Nowak

Milde blickt Kaiser Franz Joseph herab. Fast lebensgroß ist das Gemälde an der Wand. Der Kaiser ist noch jung, noch ohne seinen späteren üppigen Backenbart, in roter Hose und weißer Gardeuniform, ordenbehangen und würdevoll. Das Bild dominiert den Raum im ersten Stock des Café Demel, in dem jeden Samstagvormittag ein besonderes Rotary-Meeting abläuft. Draußen drängen sich die Touristen, stehen Schlange schon auf der Straße. Wenn sie dann drinnen sind, wird alles gnadenlos fotografiert. Die süßen Köstlichkeiten in der Vitrine, die geschnitzte Holzdecke, die Patisseure, die sich hinter einer Glaswand dabei zuschauen lassen, wie sie Torten verzieren oder Zuckerpünktchen auf Pralinen setzen. Das Demel ist immer voll, aber das Bilderzimmer oben gehört zwei Stunden nur den Rotariern.

Ins Leben gerufen wurde das Wiener Präsenzmeeting vor rund 14 Jahren von Peter Birkmayer, Alexander Roth (beide RC Wien-West) und Toni Hilscher (RC Wien). Zunächst traf man sich im Haus der Musik, dann in der Bognergasse, und nun schon seit über einem Jahrzehnt im altehrwürdigen Demel. Anfangs war es nur etwas für Eingeweihte, jetzt ist es längst eine Institution. Neulich zählte man 44 Gäste aus Salzburg bis Graz bei diesem rotarischen Kaffeeplausch. Anläufe zu einem clubübergreifenden Präsenzmeeting gibt es in Graz, im Sommer holen sich Gäste bisweilen ihre Präsenz in Ischl oder zur Festspielzeit in Salzburg. Aber die Breite des Demel-Meetings gibt es sonst nirgendwo.

Rotarische Rotation

Das Besondere ist nicht zuletzt die wechselnde Vorsitzführung. Alle 22 Wiener Clubs sowie jene aus Korneuburg, Klosterneuburg, Mödling, Perchtoldsdorf und Tulln leiten je zwei Mal im Jahr das Treffen. Agenda gibt es keine, auch kein Protokoll, aber immer wird hier für Projekte und Veranstaltungen geworben oder es werden die jüngsten Entwicklungen im Distrikt diskutiert. „Dieses Meeting ist zu einer Kommunikationsdrehscheibe für den Großraum Wien geworden“, schwärmt Alfred Fessl (RC Klosterneuburg), der seit drei Jahren dieses Inter Club Meeting koordiniert.

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Zuschauen, wie die Leckereien entstehen... © Hubert Nowak

Berühmt war das Demel immer schon, als K. u. K. Hofzuckerbäckerei seit 1786. Noch lange nach dem Kaiser fragten die Demelinerinnen die Gäste gespreizt mit „Haben schon gewählt?“ 1974 kaufte es der ehemalige Schweinehirt und Hofnarr der Wiener Society Udo Proksch und logierte hier mit seinem Club 45, einem Geheimbund SPÖ-naher Bonzen, bis er als Versicherungsbetrüger und Mörder ins Gefängnis kam und die Korruption des Club 45 aufflog. Heute gehört das Haus einer großen Bank. Die schlangestehenden Touristen wissen von der Skandalphase vor 40 Jahren gar nichts. Auch nicht davon, dass hier Rotary tagt. Denn eine Meetingtafel gibt es an der Fassade nicht. Die Hausverwaltung mag das nicht. Aber vielleicht sieht man es irgendwann auch als Auszeichnung, dass sich lange nach dem Kaiser auch die Rotarier hier sehr wohl fühlen.

Hubert Nowak
Dr. Hubert Nowak ist Buchautor und Medienberater. Er war 40 Jahre lang als Journalist und Manager in verschiedenen Funktionen im ORF tätig, darunter als Moderator und stellvertretender Chefredakteur der „Zeit im Bild“, als Landesdirektor des ORF Salzburg, als Projektleiter für die ORF TVthek und als Redaktionsleiter des ORF für 3sat. Er ist Gründungsmitglied des RC Perchtoldsdorf. Zuletzt veröffentlichte er „Ein österreichisches Jahrhundert: 1918-2018“ (Molden Verlag, 2017). hubertnowak.at