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Die große Transformation?

Titelthema - Die große Transformation?
© Illustration: Rohan Eason/Die Illustratoren

„Transformation“ ist ein Modewort. Ahnherr des Begriffs ist der Intellektuelle Karl Polanyi. Er erlebt eine überraschende Renaissance.

Rainer Hank01.12.2021

Unser Land stehe vor der größten Transformation seiner Geschichte, hören und lesen wir derzeit: 250 Jahre lang beruhte unser Wohlstand auf Kohle, Erdöl und Erdgas. In nicht einmal 25 Jahren soll damit Schluss sein. Bis dahin müsse Deutschland klimaneutral werden. Das ist nicht weniger als eine zweite industrielle Revolution.

Seit Helmut Kohls „geistig-moralischer Wende“ und dem „rot-grünen Projekt“ von Gerhard Schröder und Joschka Fischer war nicht mehr so viel Pathos im politischen Äther: Auf der Agenda der neuen Regierung steht eine „digitale“, eine „grüne“, eine „ökosoziale“ Revolution. Transformationsforschung ist ein boomendes Business, dessen Prophetin Maja Göpel heißt. Ihr Zeitbudget für Vorträge zum Thema Transformation sei bis inklusive März 2022 „aufgebraucht“, heißt es auf ihrer Homepage.

Lassen wir die Vermutung beiseite, dass es auch eine Nummer kleiner ginge. Ahnherr der „großen Transformation“ ist der ungarische Wirtschaftsphilosoph Karl Polanyi (sprich: Póläni). Ob die rot-grün-gelben Koalitionäre wissen, wem sie ihr Motto verdanken? Wohl kaum. Jedenfalls gibt es in ihren Verlautbarungen weder einen expliziten noch impliziten Verweis auf Polanyi. Dessen Transformation erzählt die Entstehung einer entfesselten Marktgesellschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts, eine Zäsur von säkularem Ausmaß. „Teuflische Mühlen“ nennt Polanyi diesen Prozess, der die sozialen und gesellschaftlichen Ordnungen zermalmt habe: „Sich selbst regulierende Märkte zerstören den Menschen.“ Statt dass der Markt der Gesellschaft dient, steuert der Markt die Gesellschaft.

Das 19. Jahrhundert, das wir üblicherweise als Wohlstand schaffenden Beginn der industriellen Revolution zu deuten gewohnt sind, ist für den Denker aus Ungarn eine einzige Katastrophe. Sein 1944 entstandener Besteller „Die große Transformation“ sollte ursprünglich „Ursprünge der Katastrophe“ („Origins of the cataclysm“) heißen. Lebten die Menschen bis 1800 eingebettet in eine Gesellschaft, die mit Normen, Werten und religiösen Glaubensüberzeugungen Halt gab, so wurden sie nun vom industriellen Kapitalismus ihrer selbst entfremdet. Entfremdung – die Nähe zum Denken von Karl Marx ist nicht zu übersehen. Polanyi verstand sich als Sozialist. Er bewunderte Josef Stalin und dessen ökonomische Fünf-Jahres-Pläne. Er hoffte nach der Katastrophe von Faschismus, Nationalsozialismus und mörderischem Zweiten Weltkrieg auf eine neue Transformation zum Guten, welche die 150 Jahre währende „Entbettung“ der Gesellschaft überwinden und wieder in eine harmonische „Einbettung“ der Wirtschaft einmünden werde.

Die Gesellschaft übersichtlich gestalten

Dass der Denker der großen Transformation selbst mehrfach großen Transformationen ausgesetzt war, erklärt vieles. Gleich dem Philosophen Georg Lukács oder dem Soziologen Karl Mannheim, außergewöhnlichen Intellektuellen, mit denen gemeinsam er aufwuchs, wurde Polanyi in seiner Heimatstadt Budapest zum Zeugen des Zerfalls einer Weltordnung: Der Untergang der Donaumonarchie veränderte nahezu alles. „Nineteenth century civilization has collapsed“, so lautet der erste Satz der „Großen Transformation“: Polanyi ergriff die Chance, denkerisch die Blaupause einer neuen Ordnung zu entwerfen.

Polanyi ist Essayist, Pamphletist, glänzender Stilist und ein immens gebildeter Wirtschaftshistoriker. Sein Vater, ein erfolgreicher Eisenbahnunternehmer, zählte zur emanzipierten jüdischen Bourgeoisie Budapests, der es um gelungene Assimilation zu tun war. Nicht unüblich für das emanzipierte Judentum der Jahrhundertwende wurden die vier Geschwister zum calvinistischen Protestantismus konvertiert. Die Mutter Cecile Wohl, eine Russin aus Vilnius, deren Vater den Talmud ins Russische übersetzt hatte, führte einen prominenten Gesellschaftssalon in Budapest, wo sie mit ihrem markanten russischen Akzent ihrer Kindheit kokettierte. Die emanzipierte Frau gründete eine Akademie für Eurythmie und noch vor dem Ersten Weltkrieg ein College, an dem ausschließlich Frauen studieren konnten. Jüdische Frauen sollten „salonfähig“ und „zeitgemäß“ leben.

Revolutionärer Umtriebe wegen floh Polanyi 1919 aus Budapest nach Wien. Weil er die antisemitische Gefahr früh erahnte, verließ er Österreich 1933 nach England, damals für viele ein Hort der Freiheit. Dazwischen lagen unstete Jahre eines nachlässig verfolgten Jurastudiums, aktivistische Verirrungen in anarchistischen Studentengruppen, allfällige journalistische Versuche und die intensive Auseinandersetzung mit dem Marxismus. „Wo immer mein Vater gerade lebte, engagierte er sich in allem, was gerade los war“, erzählt seine Tochter Kari Polanyi Levitt. Sie lebt heute 98-jährig in den USA.

Die Jahre in Wien und London (später auch in Amerika) bedeuteten für Polanyi den Abschied von der bürgerlichen Welt seiner Jugend und der Hoffnung auf Assimilation in einer toleranten Gesellschaft. In einem Brief an einen Freund aus dem Jahr 1925 schrieb er, damals habe er das tiefe Bedürfnis verspürt, die Gesellschaft „übersichtlich“ zu gestalten: „So wie das innere Leben einer Familie.“

Dieses tiefe Gefühl der Unbehaustheit, nicht ohne romantisch gefärbte Nostalgie, ist der Kern der „Großen Transformation“. Die These des Buches entwickelte Polanyi in den Jahren 1939/40. Die zerstörerische Autonomisierung der Märkte ereignete sich seiner Ansicht nach in England zu Anfang des 19. Jahrhunderts. Zum ersten Mal in der Geschichte habe man Boden, Arbeit und Geld wie ganz normale Rohstoffe behandelt. Den Beweis liefert ihm die Abschaffung des überkommenen Armenrechts durch den „Poor Law Report“ von 1834, der die Armen für ihre Notlage verantwortlich machte, anstatt sie – wie früher – als unschuldige Opfer des Schicksals zu sehen, was diese Armen zum Bezug einer Art bedingungslosen Grundeinkommens berechtigt hatte. Von jetzt an wurde es ihre Pflicht, ihre Arbeit als Ware am Arbeitsmarkt anzubieten.

Von der Marktwirtschaft zur Marktgesellschaft

Dass menschliche Arbeit als Ware mit einem Preis versehen und „handelbar“ wurde, war auch für Karl Marx und die frühen Sozialisten ein Skandal. Polanyi argumentiert weniger moralisch als systemisch: Land, Arbeit und Geld nennt er „virtuelle Ressourcen“, die ihre Heimat eigentlich im sozialen Leben einer Gesellschaft haben und eben keine Waren sind. Arbeit ist nur ein anderer Name für eine menschliche Betätigung; Land ist nur ein anderes Wort für Natur. Und  Geld ist eine Metapher für die Kaufkraft in einer Gesellschaft. An Land, Arbeit und Geld veranschaulicht Polanyi, was es mit der großen Transformation auf sich hat: die Konversion gesellschaftlicher Prozesse in einen Tauschhandel auf dem Markt. Aus einer Marktwirtschaft wurde eine Marktgesellschaft.

Polanyi nennt es einen Mythos, zu meinen, „freie Märkte“ seien der naturwüchsige Anfang der Wirtschaftsgeschichte, die erst später vom regulierenden Eingriff des Staates eingehegt worden wären. Die liberale Marktverfassung selbst ist Ergebnis politischer Intervention, eines Akts der Deregulierung, welcher die Ökonomie „entbettete“. Was dereguliert wurde, kann auch re-reguliert werden, in Polanyis Sprache: muss „eingebettet“ werden. Das Ende des Zweiten Weltkriegs, mithin das Erscheinen der „Großen Transformation“, galt ihm zugleich als das Ende des liberalen Zeitalters. Wenn man so will, hat Polanyi damit schon 1944 hellsichtig den britischen Wohlfahrtsstaat (William Beveridge), die interventionistische Wirtschaftssteuerung durch die Fiskalpolitik (John Maynard Keynes) und die soziale Marktwirtschaft (Ludwig Erhard) vorausgesehen, alles Weisen der Re-Regulierung zur Einbettung der Märkte.

Im selben Jahr 1944 erschien übrigens – quasi als großer Gegenentwurf zu Polanyi – das populäre Werk The Road to Serfdom des Wiener Gesellschaftstheoretikers Friedrich A. von Hayek, für den eine solche zweite Transformation geradewegs in die sozialistische Knechtschaft führen musste. Ein Vergleich zwischen Hayek und Polanyi steht noch aus.

Polanyi selbst wäre die soziale Marktwirtschaft zu wenig gewesen. 1960 und 1963, in seinen letzten Lebensjahren (er ist 1964 in Kanada gestorben), hat er noch einmal Budapest, die Stadt seiner Kindheit, besucht – und war begeistert. In Vorträgen hat er die dortigen Machthaber für ihre kluge Planwirtschaft beglückwünscht. Ungarn galt damals als „fröhliche Baracke“ des Kommunismus. Seit Jahren erfährt Polanyi eine Renaissance, weniger in Amerika und Großbritannien als hierzulande. All jene, die mit dem (Neo-)Liberalismus auf Kriegsfuß stehen und einen „demokratiekonformen Markt“ einer „marktkonformen Demokratie“ (Angela Merkel) vorziehen, finden in Polanyi ihren Anführer: Er zeigt einen Ausweg aus der simplen Dichotomie Markt versus Staat, indem er die Gesellschaft als vermittelndes Drittes einführt, als notwendige normative Einbettung des Marktes. Womöglich könnte Polanyi damit auch der rot-grün-gelben Ampel Hilfe anbieten für die „klimagerechte“ Transformation der Wirtschaft: Marktlösungen (CO2-Bepreisung, Emissionshandel) bedürfen eines gesellschaftlichen Rahmens (inklusive maßvoller Kompensation der Verlierer), der für Akzeptanz bei den Menschen sorgt.

Rainer Hank

Rainer Hank, RC Frankfurt am Main-Städel, leitete 17 Jahre das Ressort Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Seit 2018 ist er Publizist und Kolumnist für unterschiedliche Medien, seine Kolumne „Hanks Welt“ erscheint jeden Sonntag in der FAS.

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