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Kaiserslautern

Wenn der Staat seine Soldaten im Stich lässt

Zur Zeit sind mehr als 3. 000 Bundeswehrsoldaten in 16 Auslandseinsätzen. Einige kommen schwer versehrt zurück. Wenn die Grenzen der staatlichen Hilfe für diese Menschen erreicht sind, hilft Rotarier Horst Schöttler mit seiner Stiftung.

Insa Fölster01.11.2016

Wenn Robert Sedlatzek-Müller seine Fisherman’s-Friend-­Bonbons – immer die extra scharfen – aus der Hosentasche holt, ist es wieder so weit. Meistens hört er dann auf dem rechten Ohr schon nichts mehr, oder links setzt ein lautes Pfeifen ein. Die Anspannung in seinem Körper steigt. So stark, dass er um sich herum nichts mehr wahrnimmt und der Film in seinem Kopf wieder losgeht. ­„Kognitiv kann ich dann nicht mehr viel“, sagt er. Oft ist es dieser eine Film vom schwärzesten Tag seines Lebens. Damals war Robert Sedlatzek-Müller als Fallschirm­jäger und Hundeführer im Afghanistan-­Einsatz.

Es ist der 6. März 2002, als er mit 24 Jahren zusammen mit Kameraden in der Nähe von Kabul eine russische Flugabwehrrakete entschärfen will. Sie explodiert aus Versehen. Zwei deutsche und drei dänische Soldaten sterben, Robert Sedlatzek-Müller überlebt um ein Haar. Von da an ist nichts mehr, wie es war in seinem jungen Leben. Bis heute. Und wahr­schein­lich für immer. Wenn der Film wie­der los­geht, zum Beispiel, weil zufällig ein Kind neben ihm einen Luftballon plat­zen lässt und er „am liebsten in Deckung sprin­gen“ würde, lutscht Robert Sedlatzek-­Mül­ler einen seiner scharfen Bonbons und versucht so, den Panik-Kreislauf zu unterbrechen. „Der Geschmacksreiz wirkt sofort“, sagt er. Es sind Hilfsmittel und Vermeidungsverhalten, die sich Robert Sedlatzek-­Müller im Laufe der Jahre angeeignet hat, um irgendwie den Alltag zu bestehen. Dazu gehört, dass er keine öffentlichen Verkehrsmittel nutzt, Auto nur gut geplant fährt, keinen Alkohol mehr trinkt und im Supermarkt nur in Begleitung einkaufen geht – am besten spätabends, wenn kaum noch ein Kunde im Laden ist.

Gründung der Stiftung
Robert Sedlatzek-Müller ist seelisch schwer traumatisiert. Die medizinische Diagnose lautet: Posttraumatisches Belastungssyndrom, kurz: PTBS. Diese konkrete Diagnose bekam er erst Jahre später nach seinem Afghanistan-Einsatz im Jahr 2002. PTBS war damals in der Politik und in der Gesellschaft noch kein Thema. Bei der Bundeswehr gab es für seelisch versehrte Soldaten keine Strukturen. Wer nicht mehr funktionierte, wurde wegen Dienstunfähigkeit entlassen. „Ich habe zwischendurch die Orientierung verloren und keine Hilfe bekommen“, sagt Robert Sedlatzek-Müller. Sein Wehrdienstbeschädigungsverfahren (WDB) dauerte geschlagene zwölf Jahre. „Der Nachweis, dass es sich um einen Einsatzunfall handelt, ist außerordentlich pro­blematisch“, sagt Horst Schöttler (RC Rockenhausen).

Der Oberst d. R. ist sen­si­bilisiert für das Thema, war er doch nach einer sechs­jährigen Bundeswehrzeit, unter anderem im Einsatz in Bosnien-Herzegowina und Albanien, 30 Jahre im Katastrophenschutz aktiv. Im Jahr 2007 gründete er schließlich in Kaiserslautern unter Schirmherrschaft von Bundestagspräsident Norbert ­Lammert die Oberst Schöttler Versehrten-Stiftung. Eine Verbindung zu Rotary gibt es im aktuellen Stiftungsvorstand gleich mehrfach, etwa durch Brigadegeneral Peter Braunstein (RC Meissen), den Oberst­arzt der Reserve Georg T. Brenner (RC Stromberg-Naheland) sowie den Präsidenten des Technischen Hilfswerkes, Albrecht Broemme, aus dem RC Berlin-Süd.

„Die Hilfe der Stiftung setzt da an, wo der Staat nicht mehr zahlt“, sagt Horst Schöttler. Früher gab es keine Ausgleichszahlungen, keine Rentenansprüche, keine Absicherung für Hinterbliebene und für die Soldaten keine Möglichkeit, bei der Bundeswehr zu bleiben. Inzwischen haben sich die Gesetze und damit die so­ziale Absicherung erheblich verbessert, ­zunächst durch das Einsatzweiterverwendungsgesetz und das Einsatzversorgungsgesetz, letzteres ergänzt im Jahr 2011 durch das Einsatzversorgungs-Verbesserungsgesetz.

Alle Lücken im System sind allerdings noch lange nicht gestopft, und die staatlichen Leistungen reichen oft nicht aus, um die anfallenden Kosten zu decken, wenn das Leben durch das Schicksal der Soldaten plötzlich eine ganz neue Wendung bekommt. Da muss von heute auf morgen das Haus oder die Wohnung behindertengerecht umgebaut oder das Auto umgerüs­tet werden. Es müssen Mieten oder Kinder­gartenbeiträge weiterbezahlt oder Schulden auf dem Konto ausgeglichen werden, Gerichtskosten getragen und Krankenkassenbeiträge geleistet werden. Halbwaisenkinder werden mit Spielzeug oder ­Kleidung ausgestattet.

Alternative Heilmethoden sind weder Teil der freien Heilfürsorge noch eine Kas­senleistung und werden damit nicht über­nommen, sind aber in der Traumatherapie gerade von PTBS-Patienten von Erfolg ge­krönt. In Fällen wie diesen springt die Schöttler-Stiftung ein und zahlt „Überbrückungshilfen“. So nennt Horst Schöttler die Hilfe zur Selbsthilfe, die seine Stiftung leistet und von Fall zu Fall neu und sorgfältig entscheidet. Empfänger der vielfältigen Hilfen sind hauptsächlich Soldaten und deren Familien und Hinterbliebenen, aber auch verletzte Polizeibeamte und Hel­fer des Technischen Hilfswerks werden bedacht. Durchschnittlich betreut die Stiftung mit Spendenbeiträgen von 40.000 bis 60.000 Euro pro Jahr 35 Fälle.  

Auch die Rotarier waren im Laufe der Jahre durch persönliche Spenden oder Zuwendungen der Clubs bereits mit über 70 000 Euro als Unterstützer aktiv. „Ohne ihre Hilfe können wir nicht helfen“, sagt Horst Schöttler dankbar über die kontinuierliche rotarische Unterstützung, Förderung und Ermutigung für sein Projekt, das ihm schon lange zu einer Herzens­angelegenheit geworden ist. Da gehört es dazu, auch für den Ernstfall vorzusorgen. Horst Schöttler hat das getan und dabei natürlich auch an Rotary gedacht. Sollte sich die Stiftung einmal auflösen, fällt das Geld nach der sogenannten Anfallregelung an den Rotary Deutschland Gemeindienst (RDG) in Düsseldorf, und RDG wird verpflichtet, den Stiftungsgedanken weiter­zu­führen.

Unermüdliches Engagement
Erst im vergangenen Jahr hat der Distrikt 1860 einen Distrikt-Grant in Höhe von 10.000 Euro beantragt. „Dadurch konnte eine Multiplikatorentwicklung erzielt werden“, sagt Matthias Roth aus dem RC Rockenhausen. „Eine weitere Motivation unseres finanziellen Engagements war, das unermüdliche Engagement unseres Clubfreundes Horst Schöttler zu würdigen. Dieses „unermüdliche Engagement“ kommt auch dem rotarischen Gedanken sehr nah.

Die Kombination aus seinem Erfahrungsschatz als Katastrophenschutz­experte, seiner Laufbahn als Reserveoffizier und seiner staatsbürgerlichen Einstel­lung, auch als Rotarier, ist „eine Verbindung, die man nicht trennen kann“, sagt Horst Schöttler. „Ich brauche nicht immer nur nach dem Staat zu fragen, sondern kann auch selber Menschen unterstützen und in die Gesellschaft zurückführen.“ Die Trefferquote von denjenigen, die durch die Hilfe der Stiftung wieder zurück ins Leben finden, liege bei 60 bis 70 Prozent. „Wir hoffen, dass wir das, was Sie für uns tun, irgendwann wieder zurückgeben können“: Reaktionen wie diese sind es, die für Horst Schöttler die Stiftungsarbeit so erfüllend machen.

 
Versorgung unbefriedigend
Auch Helmut Falter aus dem RC Aachen-­Frankenburg unterstützt die Stiftung. „Das Thema ›Kriegsversehrte‹ ist mir seit früher Jugend bekannt. Ich bin Jahrgang 1935 und aufgewachsen mit der Tatsache, dass viele Soldaten 1945 ohne Arme oder Beine, ohne Rollstühle, nur mit Krücken, täglich zu sehen waren. Psychische Erkrankungen waren damals kein Thema. Die Schilderung von Horst Schöttler von der unzureichenden staatlichen Unterstützung unse­rer Kriegsrückkehrer ist schlicht gesagt unglaublich. So freue ich mich, dass lang­sam Bewegung in die Sache kommt.“

Etwa 30 der jährlich im Durchschnitt 35 betreuten Fälle sind PTBS-Patienten. „Das hat sich seit dem Jahr 2010/11 verlagert“, sagt Horst Schöttler. Denn während bei den körperlich versehrten Soldaten die Wehrdienstbeschädigung meistens sehr offensichtlich ist, gibt es bei den see­lisch Verwundeten trotz Gesetzesneu­regelungen immer noch eine Reihe von Problemen. „Die Versorgungssituation ist nach wie vor unbefriedigend“, sagt Arnd Steinmeyer, ehrenamtlicher Justiziar und Berater der Schöttler-Stiftung. Für seine Mandanten wünscht er sich grundsätzlich eine stärkere Gesamtbetrachtung der Familie, denn die werde von staatlicher Seite weitgehend außen vor gelassen.

Außer­dem wünscht er sich, dass der Grad der Wehrdienstbeschädigung deutlich schneller festgelegt wird: „Es ist nicht akzeptabel, dass die Verfahren jahrelang dauern“, sagt er. Hauptberuflich betreut der Experte im Verwaltungsrecht seit 2010 deutschlandweit einsatzgeschädigte Soldaten in ihrem rechtlichen Kampf gegen die Bürokratie der Bundeswehr.

Der lange Weg zurück ins Leben
Auch Robert Müller-Sedlatzek hat er mehrere Jahre hartnäckig und erfolgreich auf dem Weg zu seiner Anerkennung der Wehr­dienstbeschädigung durch den Verwaltungsdschungel geführt. Sein Grad der Schädigung liegt heute bei 50 Prozent, er ist als Berufssoldat zurück in der Bundeswehr und damit auch wirtschaftlich versorgt. Seit 2012 kümmert er sich in der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg als Lotse um einsatzgeschä­digte Soldaten auf ihrem Weg zur Anerkennung der Wehrdienstbeschädigung. Im Dezember möchte er Feldwebel werden. Ein Karriereschritt. Für den 39-Jährigen bedeutet das sehr viel. Er kämpft sich seit Jahren langsam zurück in ein etabliertes Leben als Berufssoldat. „Ich bin Soldat, ich habe kämpfen gelernt“, sagt Robert Müller-Sedlatzek mit fester Stimme.

Zurzeit arbeitet er vier Stunden am Vor­mittag, dann muss er sich oft hinlegen. Er ist müde, muss Schlaf nachholen. Denn nachts kommen die Albträume. Für die gesellschaftliche Anerkennung des Soldatenberufs und was es bedeutet, in den Einsatz zu gehen, wird er weiterkämpfen. Privat engagiert er sich für den Verein Combat Veteran.

Bei der Oberst Schöttler Versehr­ten­-Stif­tung möchte er demnächst einen Antrag stellen für die Finanzierung einer Reise. Im nächsten Jahr organisiert er einen betreuten Segeltörn für acht bis neun Veteranen auf der Elbe, damit sie einfach mal die Seele baumeln lassen können. Für manch einen von ihnen eine schwere Aufgabe.


Oberst Schöttler Versehrten-Stiftung
Gegründet im Jahr 2007 unter der Schirmherrschaft von Bundes­tagspräsident Norbert Lammert, unterstützt die Oberst Schöttler Versehrten-Stiftung bei Auslandsmissionen schwer verwundete Soldaten, Polizisten und zivile Helfer. Im Fokus der Hilfe stehen finanzielle Unterstützung, medi­zinische Betreuung und gesellschaftliche Begleitung. Die Finanzierung erfolgt im Wesentlichen durch Zustiftungen, Erbschaften und Benefizveranstaltungen wie Konzerte, Vorträge und sportliche Ereignisse sowie Spenden. Jährlich werden mit circa 40 000 bis 60 000 Euro im Durchschnitt insgesamt 30 bis 35 Fälle betreut.
oberst-schoettler-versehrten-stiftung.de