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Peters Lebensart

Zum Dahinschmelzen!

Peters Lebensart - Zum Dahinschmelzen!
© Jessine Hein/Illustratoren

Ein Sommerklassiker wird 50: Spaghettieis. In der Geschichte der Schaugerichte sind die Eisnudeln aber eher eine Kreation jüngeren Datums.

Peter Peter01.05.2019

Die 1968er haben nicht nur die Gesellschaft gründlich durchgerüttelt, sondern auch die Küche. Die Generation Paul Bocuse verschrieb sich dem Diktat tu seras creatif! und traute sich an bisher ungewohnte Kombinationen. Dieser kecke Zeitgeist wehte auch in deutschen Landen. Eine seiner dauerhaftesten Kreationen wurde nicht von einem Spitzenkoch erdacht, sondern von italienischen Gastarbeitern: das Spaghettieis!

1969 schlug die Geburtsstunde dieses Neoklassikers. Da fatalerweise die beiden Erfinderkandidaten versäumten, ihre Idee patentieren zu lassen, werden wir wohl nie genau erfahren, wer die Nase vorn hatte. War’s der längst verstorbene Eliano Rizzardini aus den Dolomiten, der in Neuss eine Eisdiele betrieb? Oder der damals 17-jährige Dario Fontanella, der in Mannheim Deutschlands größte Eismanufaktur mit über 200 Eissorten aufgebaut hat und aus einer venetischen Eiskünstlerdynastie stammt?

Egal, die Überlegung war marketingtechnisch ebenso simpel wie genial: konzentrierte Urlaubsemotionen vermitteln! Den Deutschen ihre zwei italienischen Lieblingsgenüsse auf einem Teller servieren, Gelato und Spaghetti! Aber wie erzeugt man lange Fäden aus Vanilleeis? Mit heimischen Haushaltsgeräten! In Neuss war’s eine gekühlte Kartoffelpresse, in Mannheim ein bodenständiger „Spätzleschwob“, durch den das Eis getrieben wurde. Dazu kommt bis heute Erdbeerpüree, das die Illusion von Tomatensugo vermittelt, sowie geraspelte weiße Schokolade, die optisch geriebenen Parmesan nachahmt.

Was da herauskam, sah so täuschend echt aus, dass es eisversessenen Kindern angeblich Tränen der Enttäuschung ins Gesicht trieb. Damit steht das Spaghettieis in einer jahrtausendealten Tradition von Schaugerichten, wie sie bei antiken Symposien, mittelalterlichen Fürstenhochzeiten oder barocken Festmählern aufgetischt wurden. Man muss gar nicht zurückgehen bis zu dem kreuzschleppenden Jesus aus Zuckerguss, der einst die päpstliche Tafel schmückte, oder den Hochzeitstorten in Form eines griechischen Tempels, die Antoine Carême für Napoleon verfertigte. Aktuelle Schaugerichte sind in Blütensilhouette ausgelegte Fischfilets auf japanischen Tellern, in Bratwurstform gepresstes Tofu, Lübecker Marzipanfrüchte und ja, Schoko-Osterhasen. Oder der knallbunte Rubikwürfel aus kubischen Pralinen, den der Starpâtissier Cédric Grolet im Hotel Le Meurice in Paris serviert.

Ein Schaugericht aus der Renaissance stand auch Pate für die Eisspaghetti. Jede feinere Pasticceria in Italien, jede Confiserie in Frankreich kennt Montblanc oder Montebianco – „Würmchen“ aus Maronenpüree werden mit schneeweißer Sahne getoppt. Wobei das Wort „vermicelli“ oder „vermicelles“ eben auch der traditionelle neapolitanische Begriff für Spaghetti ist. Der Kreis schließt sich und Eisspaghetti sind ein schönes Beispiel dafür, dass man sehr wohl mit Essen spielen darf, wenn man es zugleich ernst nimmt und zum Genuss bereit ist.

Eisspaghetti stehen zugleich für gelungene kulinarische Integration, die in der Küche zu hybriden Experimenten, zu mutigem Crossover bereit ist. Längst sind die an die biedere Wirtschaftswunderschlemmerei erinnernden deutsch-italienischen „spaghetti di gelato“, die einst Fürst-Pückler-Eiskrem verdrängten, zu einem weltweiten Renner geworden. Selbst in Eiscafés in Bella Italia tauchen sie immer häufiger auf, übrigens gern mit Pistazien- statt Schokosplittern überkrümelt, so gleichzeitig als „flag food“ die Nationalfarben der Trikolore zitierend.

Peter Peter

Peter Peter ist  ein deutscher Journalist  und Autor für die Themen Kulinarik und Reise. 2005 wurde er Mitglied der Deutschen Akademie für Kulinaristik, 2009 war er zudem Gastdozent am Gastrosophiezentrum der Universität Salzburg. Außerdem ist er Restaurantkritiker der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ und Autor einiger ausgezeichneter Kulturgeschichten der europäischen Küche. Im Rotary Magazin schreibt er monatlich über aktuelle Themen rund um das gute Essen und die feine Küche.

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