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Peters Lebensart

Tip mit Takt – Trinkgeld als Stilfrage

Peters Lebensart - Tip mit Takt – Trinkgeld als Stilfrage
© Jessine Hein/Illustratoren

Die Regeln reichen von 25 Prozent bis Beleidigung.

Peter Peter01.08.2019

Meinen ersten Trinkgeld-Fauxpas verursachte ich in der DDR. Ich studierte damals in Wien, wo ich beim Besuch der Staatsoper den Garderobieren, wie allgemein üblich, stets ein paar Schillinge hinlegte. Als ich das mit Ostmünzen im Jugendstiltheater von Chemnitz versuchte, zog mich meine einheimische Begleiterin entsetzt zurück. „Das kannst du nicht machen!“ Andere Völker, andere Sitten, dachte ich damals in jugendlichem Hochmut.

Für die Trinkgeldfrage gibt es keinen Globalknigge. In Japan grenzt es an Beleidigung und auch im ärmeren Myanmar wird man verständnislos angestarrt. Im Orient wird von Touristen ein gefüllter Händeschlag mit Bakschisch erwartet – hier gilt das Würdeprinzip: Ein so vornehmer Fremder wird doch nicht so weit reisen wollen, um dann so knausrig auszuteilen! In den USA kalkuliert der kärglich entlohnte Service 15 bis 25 Prozent Tip als ihm quasi zustehendes Recht ein. Und der Arbeiter- und Bauernstaat hatte nicht ganz unrecht, wenn er Trinkgeld als Feudalrelikt ächtete. Schließlich gibt man Respektspersonen wie Ärzten und eigentlich auch dem Patron keins. Und überhaupt „Trinkgeld“ oder französisch pourboire – was sollen die Beschenkten denn trinken? Das zielt doch wohl darauf, dass sich die Kellner, deren Name davon kommt, dass sie Wein und Bier aus dem Keller schleppen, ihren Beruf schöntrinken sollen. 

Zugegeben, überspitzte Gedanken. Wer heute Trinkgeld gibt, tut das selten in Demütigungsabsicht – aufrunden ist längst zum Automatismus geworden. Wenn tatsächlich ein Typ wie der Kleberfabrikant, den Mario Adorf in der TV-Serie „Kir Royal“ verkörpert hat, mit seinen Scheinen alle zukleistern will, steht es jedem Ober, jeder Sommelière frei, Egoisten-Trinkgeld auszuschlagen: Annahmepflicht besteht nicht.

Traditionelle Taktiken überspielen delikat solche sozialen Rangordnungsfragen. In britischen Pubs galt eigentlich der eherne Grundsatz „tipping is unusual“ (bevor EU-Gastarbeiter die Zapfhähne bedienten). Das hieß nicht, dass der Mann hinterm Tresen leer ausgeht. Denn es gehört sich, ihn hin- und wieder auf ein Pint einzuladen, ihn in die ausgegebene Runde einzubeziehen. Dabei gilt als augenzwinkernde Fiktion, dass das Glas erst in ferner Zukunft konsumiert, aber sofort bezahlt wird. Das nenn’ ich Trinkgeld auf Augenhöhe.

Psychologisch feinfühlig ist auch die französisch-mediterrane Sitte unserer Edelrestaurants, den Extrabetrag in der Rechnungsschatulle liegen zu lassen. Erspart Knickrigen Blamagen, lässt Angeber durch die Anonymisierung der Kollekte auflaufen. Aber auch unsere volkstümliche Sitte, dem Personal mündlich mitzuteilen, auf wie viel es bitte herausgeben soll, hat etwas für sich: Denn diese Interaktion stellt die Chance dar, lächelnd Wertschätzung und Dank zu bezeugen. Wie hoch der Betrag ausfällt, kann abendfüllende Diskussionen hervorrufen und bleibt letztlich situativ.

Wir Deutschen bedienen ja angeblich lieber Maschinen als Menschen. Aber vielleicht sind wir gerade deswegen beim Tip keine Knauser. Warum soll man Wohlfühlmomente des Umsorgtseins und kompetenter Beratung nicht honorieren (wie man umgekehrt bei Nachlässigkeit sich auf Heller und Pfennig herausgeben lässt)? Wer die prekäre Situation vieler Servicekräfte ins Kalkül zieht, tut recht daran, etwa zehn Prozent anzusetzen. Denn der Gewerkschaftsstolz „Wir werden ja angemessen entlohnt“ zieht angesichts der Minijobber und Mindestlohnempfänger im Gastgewerbe nur bedingt. Übrigens: Das alte lateinische Sprichwort Bis dat qui cito dat gilt auch für Kartenzahler. Schneller, sicherer, höflicher ist Trinkgeld in bar.

Peter Peter

Peter Peter ist  ein deutscher Journalist  und Autor für die Themen Kulinarik und Reise. 2005 wurde er Mitglied der Deutschen Akademie für Kulinaristik, 2009 war er zudem Gastdozent am Gastrosophiezentrum der Universität Salzburg. Außerdem ist er Restaurantkritiker der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ und Autor einiger ausgezeichneter Kulturgeschichten der europäischen Küche. Im Rotary Magazin schreibt er monatlich über aktuelle Themen rund um das gute Essen und die feine Küche.

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