Nähe als Wegmarke, nicht durch ein automatisches „Du“

Was ist besser für die Clubkultur – Duzen oder Siezen? Für viele Rotary-Mitglieder nach wie vor ein heikles Thema
Ich räume ein: Ich habe mich bislang für ein allgemeines Du bei Rotary eingesetzt und es während meiner Governorzeit 2020/21 auch clubübergreifend praktiziert – im Zweifelsfall mit der Begründung, dies sei ein „Arbeits-Du“ und gelte für diesen Anlass.
Gespräche mit älteren Rotary-Mitgliedern haben mich mittlerweile ins Nachdenken gebracht. Christof v. Dryander (RC Bad Homburg v.d.H.) hatte in seinem Standpunkt „Duzen? Wenn, dann alle!“ im Rotary Magazin 09/2020 überzeugende Pro-Argumente vorgetragen: Das „Du“ steht für einen lockeren Umgang miteinander, für Aufgeschlossenheit nach außen und, gegenüber neuen Mitgliedern, für Integrationsbereitschaft. Sagt der Präsident (Präsidentin) zum zukünftigen Rotary-Mitglied: „Herr (oder Frau) Meyer, herzlichen Glückwunsch zur Aufnahme, hier ist die Nadel“ (steckt sie an). „Sei in unserem Club willkommen, lieber Freund (liebe Freundin), ab heute per Du, ich heiße Michaela (Michael), und du, lieber Joseph (Josefine), sei herzlich willkommen.“ Beifall der Clubmitglieder.
Neulich auf einem Schild gelesen: …
Und was hat mich nun zum Nachdenken gebracht? Ist es nicht mittlerweile so, dass sogar Banken und Hotels im Schriftverkehr duzen? Kurioserweise dann per Sie im mündlichen Umgang. Gibt es nicht einige auch große Betriebe, die das Du quasi in die Unternehmenswerte aufgenommen haben? Nicht nur bei Ikea schafft man es kaum, ungeduzt mit den Einkäufen zu entkommen. Aber wir sind Rotary, und niemand zwingt uns, beim vermeintlichen Zeitgeist die Nase vorn zu haben. Denn wie geht die Geschichte vom frisch geduzten Neumitglied weiter? Er/sie geht zum Nächststehenden, streckt die Hand aus und sagt „Joseph“ („Josefine“). Der so Angesprochene, lange Mitglied im Club, 70 plus, erschrickt, reißt sich dann zusammen, murmelt seinen Namen.
Wer sagt denn, dass siezende Schlipsträger bei Rotary nicht die neue Avantgarde sind?
… „Wen ich mag, den duze ich, …
Der Ältere, so war es lange in der Gesellschaft und auch in den Clubs üblich, bietet das Du an, nicht automatisch und schon gar nicht stante pede. Sondern dann, wenn man das neue Mitglied kennen und schätzen gelernt hat. Das neue Mitglied versteht die Auszeichnung und freut sich. Nähe nicht durch Automatismus, sondern als Wegmarke. „Alle per Du“ heißt Aufgabe von Distanz als Weg zur Nähe. Geklagt wird, auch in Rotary Clubs, dass in der Gesellschaft der Respekt abnimmt. Kaum jemand steht in der Straßenbahn oder im Zug noch auf und bietet bedürftigen Personen seinen Platz an. Ausnahme: Ausländer, so heißt es. Die Beispiele lassen sich fortsetzen.
… ich finde, das sollten Sie wissen“
Bezogen auf Rotary, einen Tick schärfer formuliert: Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Verblassen vieler Regeln und Sitten, zum Beispiel der weitgehenden Vernachlässigung der Präsenzthematik, dem Abgehen von fast jeder Kleiderordnung bei den Treffen einerseits und der Aufgabe der „Sie-Schranke“ andererseits? Auch das wäre ein Grund, innezuhalten. Wie wäre es mit folgender Regel, unlängst als Spruch gefunden: „Wen ich mag, den duze ich. Ich finde, das sollten Sie wissen!“ Geschichte mäandert und entwickelt sich nicht gradlinig in eine Richtung. Wer sagt denn, dass siezende Schlipsträger bei Rotary nicht die neue Avantgarde sind? In diesem Sinne rate ich, das Thema „Stil und Regeln“ mal mutig auf die Clubagenda zu nehmen.
Zur Person: Henning von Vieregge
RC Mainz-Aurea Moguntia / ist Past-Governor 2020/21 und Publizist





