Das andere China

Durch die Meerenge zwischen Taiwan und dem chinesischen Festland verläuft eine der entscheidenden politischen und ökonomischen Frontlinien der Gegenwart. Hier begegnen sich Demokratie und Autoritarismus, Machtanspruch und Selbstbehauptung. Und doch wissen wir in Deutschland erstaunlich wenig über diese Insel, auf die die Welt mit wachsender Nervosität blickt.
Die kommunistische Führung in Peking betrachtet Taiwan als abtrünnige Provinz, die „heim ins Mutterland“ geholt werden müsse, was Staatspräsident Xi Jinping seinem amerikanischen Amtskollegen Donald Trump auf dessen jüngstem Besuch noch einmal deutlich zu verstehen gab. Taiwan dagegen hat sich in wenigen Jahrzehnten von einer Diktatur zu einer lebendigen Demokratie entwickelt – pluralistisch, liberal, eigensinnig. Der Konflikt ist mehr als eine regionale Frage, denn die Insel produziert jene Hochleistungschips, ohne die die moderne Welt ins Stocken geriete: keine Autos, keine Smartphones, keine künstliche Intelligenz. Taiwan ist das unsichtbare Kraftwerk der digitalen Moderne. Ein chinesischer Angriff hätte daher nicht nur militärische, sondern globale ökonomische Folgen – gerade für Deutschlands exportabhängige Industrie.
Unsere Titelgeschichte nähert sich Taiwan deshalb aus verschiedenen Perspektiven. Der Sinologe Helwig Schmidt-Glintzer blickt auf die wechselvolle Geschichte der Insel als Spielball kolonialer und imperialer Interessen (Seite 32). Fabian Peltsch erzählt von den indigenen Völkern Taiwans und ihrem Kampf um kulturelle Selbstbehauptung (Seite 36). Der Journalist Klaus Bardenhagen untersucht die Frage der taiwanischen Identität zwischen chinesischem Erbe und demokratischer Eigenständigkeit (Seite 38). Der Publizist J. Michael Cole (Seite 43) und Tech-Experte Sascha Pallenberg (Seite 46) analysieren die enorme geopolitische und wirtschaftliche Bedeutung der taiwanischen Chip-Industrie – und stellen damit uns Europäer vor eine unbequeme Frage: Wie viel ist uns die Verteidigung demokratischer Partner wert? Und zum Abschluss erkundet Peter Peter die taiwanische Küche zwischen Nachtmarkt, Teekultur und kulinarischer Moderne (Seite 52).
Dass die Rotary International Convention vom 13. bis 17. Juni in Taipeh stattfindet, könnte kaum symbolträchtiger sein. Wenn mehr als 38.000 Rotarier aus aller Welt in Taiwan zusammenkommen, dann begegnen sie nicht nur einer faszinierenden Gesellschaft. Sie begegnen einem Land, in dem sich die großen Fragen unserer Zeit bündeln.
Nina war in Kanada, Julie in Taiwan, Kilian ist gerade in Kolumbien und der Argentinier Emilio dafür bei Nina und Julie zu Gast. Verantwortlich für dieses Durcheinander ist der Jugendaustausch von Rotary, eine mehr als 50-jährige Erfolgsgeschichte. Im Laufe der Jahrzehnte hat Rotary Millionen von jungen Menschen einen tiefen Einblick in ferne Länder und fremde Kulturen ermöglicht und auf diese Weise ganz wesentlich zur Völkerverständigung beigetragen. Eine der größten Fans des Jugendaustauschs ist Nina Böcke. Seit ihrer Kanada-Erfahrung vor knapp 30 Jahren hat sie zahlreiche Inbounds bei sich aufgenommen. Im Interview mit Irmgard Wilms-Haverkamp spricht die dreifache Mutter über die Chancen des Jugendaustauschs und das spannende Zusammenleben mit Inbounds (ab Seite 12).
Viel Vergnügen bei der Lektüre wünscht
Björn Lange
Chefredakteur























