Die Helfer nach dem Sturm

ShelterBox: Die Philippinen wurden innerhalb weniger Wochen von drei Taifunen getroffen, von einem Erdbeben erschüttert, und eine Flutwelle rollte über die Insel Cebu. Das Rotary Magazin begleitete ein Einsatzteam von ShelterBox, das dort Hilfe leistete
Domi Jun Elico lässt den Blick durch das Lager schweifen, das Klemmbrett fest in der Hand. Er bleibt stehen, hebt den Kopf und ruft nach Brian Glenn. Der Texaner eilt herüber, ein kleines Notizbuch umklammert. Vor ihnen türmt sich ein Berg aus Hilfsgütern. Domi ist Lager- und Logistikleiter von ShelterBox Operations Philippines (SBOP), einer rechtlich registrierten operativen Einheit des ShelterBox Trust. Brian ist ehrenamtlicher Einsatzhelfer – und Rotarier. Gemeinsam gehen sie ihre Listen ein letztes Mal durch, mitten in einer 1100 Quadratmeter großen Lagerhalle. Alles muss stimmen. Morgen beginnt der Einsatz. Vor Ort darf nichts fehlen.
Es ist Anfang November, und die Philippinen haben eine Serie verheerender Naturkatastrophen erlebt. Auf den Taifun Bualoi folgte Ende September ein starkes Doppel-Erdbeben – zwei massive Erschütterungen, von denen die erste eine Stärke von 7,4 auf der Richterskala erreichte. Dann, innerhalb von nur drei Wochen, fegten drei weitere Taifune über den Inselstaat: Ragasa, Kalmaegi und Fung-wong, lokal bekannt als Nando, Tino und Uwan. Kalmaegi löste meterhohe Überschwemmungen aus, Tausende Häuser wurden unbewohnbar. Mehr als 200 Menschen kamen in dieser Abfolge von Katastrophen ums Leben.
Domi und Brian treten an den nächsten Stapel Hilfsgüter heran. Ihre Blicke wandern zwischen den Listen und den Materialien hin und her. Dann nickt Brian. Domi wendet sich ab. Alles gezählt. Alles bereit zum Verladen.
Fragt man Domi nach seinem Bestand – ShelterKits, ShelterToolKits, Planen, Nägel, Solarlampen –, sprudeln die Zahlen mühelos aus ihm heraus. Er braucht keinen Blick aufs Papier. „Wir haben 5760 Werkzeugsets und 2863 ShelterKits“, sagt er. Drei gewaltige Regalreihen füllen die Halle, ein Anblick, der viele überfordern würde. Nicht Domi. Er gilt als Logistiker mit außergewöhnlicher Präzision. Nach dem schweren Erdbeben in Marokko 2023 wurde er von ShelterBox eingeflogen, um den Einsatz vor Ort zu koordinieren. Denn je schneller Hilfsgüter ankommen, desto schneller erhalten Menschen Unterstützung – und im Moment braucht man sie überall auf den Philippinen.



„Wir haben das Material bereits für zwei Verteilungen in den kommenden Tagen vorbereitet“, erklärt Domi, als er John Cleverley begrüßt. Cleverley, Kommunikationsbeauftragter von ShelterBox und ebenfalls Rotarier, arbeitet an einem Impact-Report und begleitet den Einsatz, um aus der Zusammenarbeit zwischen ShelterBox und Rotary auf den Philippinen zu lernen. Seine Reise beginnt hier, auf der Insel Cebu – strategisch gelegen im Zentrum des Archipels mit seinen mehr als 7600 Inseln.
Ein Lastwagen fährt in die Halle. Domi steigt auf einen Gabelstapler und beginnt, gestapelte Wellblech-Dachplatten zu verladen, die zwei Aushilfskräfte zuvor gezählt haben. Eine Fahrt, zwei Fahrten, drei Fahrten – eine halbe Stunde vergeht in gleichmäßigem Rhythmus. In einer anderen Ecke prüfen vier Helfer Solarlampen, jede einzelne. Diese eingespielte Arbeitsteilung ist einer der Gründe, warum ShelterBox so schnell reagieren kann. „Und sie hilft uns, Kosten zu optimieren“, so Domi. „Da wir mit Spendengeldern operieren, ist das genauso wichtig.“
Die betroffenen Familien werden auf drei unterschiedliche Arten unterstützt, erklärt Brian Glenn, Senior Manager für Inlandseinsätze bei ShelterBox USA und Mitglied des Rotary Clubs Denton-Lake Cities. „Einige können nicht an ihre ursprünglichen Wohnorte zurückkehren, weil die Gegend zu gefährlich ist. Andere siedeln sich in der Nähe neu an. Und eine dritte Gruppe baut genau dort wieder auf, wo sie zuvor gelebt hat.“ ShelterBox passt seine Hilfe an diese unterschiedlichen Situationen an.
Domi fotografiert den voll beladenen Lastwagen mit seinem Handy. Arbeiter ziehen Planen über die Ladung, dann rollt das Fahrzeug vom Hof. Domi bleibt stehen, trinkt aus seiner Wasserflasche. Wie sehr ihn die jüngsten Katastrophen persönlich getroffen haben, lässt er sich nicht anmerken.



Am nächsten Tag: Nach zwei Stunden Fahrt hat sich John Cleverley an die Motorräder gewöhnt, die sich durch den Verkehr schlängeln, und an die streunenden Hunde, die plötzlich über die Straße laufen. Doch dann sieht er etwas Ungewöhnliches: Ein Mann sitzt auf einem Stuhl auf der Ladefläche eines fahrenden Pick-ups. John greift sofort zum Handy – dieses Bild will er festhalten.
Er unterhält sich mit Domi, der vorne im Kleinbus sitzt. „Wie begrüßt man sich hier?“, fragt John. „Wir sagen ‚Heko‘ statt ‚Hello‘“, erklärt Domi grinsend. Ein paar Worte in der Landessprache können im Einsatz schnell das Eis brechen.
Der Bus verlässt die asphaltierte Straße. Um 9 Uhr wollen sie San Vicente erreichen, wo die Hilfsgüter verteilt werden. Sie sind um 6 Uhr aufgebrochen; der Lastwagen mit den Materialien noch früher. Allein die Strecke zeigt, wo ShelterBox arbeitet. „Wir fahren in abgelegene Regionen, in die andere Organisationen kaum gelangen“, sagt Rosemarie Placencia, Community Development Managerin bei ShelterBox Operations Philippines. In San Vicente treffen Domi, Brian und John sie sowie Martin Strutton, Notfallkoordinator bei ShelterBox. Die beiden haben wochenlang die Grundlagen für diesen Tag gelegt. Seit dem Doppel-Erdbeben sind 29 Tage vergangen – in dieser Zeit haben sie mit Hunderten betroffener Familien gesprochen.
„Wir müssen ihre tatsächlichen Pro-bleme verstehen – und welche Lösungen für sie sinnvoll sind“, sagt Rosemarie. Gemeinsam mit Martin schulte sie lokale Freiwillige, die Interviews führten und Haushalte identifizierten, die Unterstützung benötigen.
Auch für Bernard Vonn Sia vom Rotary Club Cebu ist dieser Ansatz ganz zentral. Er unterstützt den Einsatz vor Ort. „Wir ergänzen hier die ShelterKits mit Campingkochern, Wasserfiltern sowie Ersatzkartuschen“, erklärt er. Viele Familien haben keine funktionierenden Küchen mehr und kochen über offenen Feuerstellen – mit viel Holz und wenig Hitze. Die von Rotary bereitgestelltenKocher bündeln die Hitze, sparen Brennstoff und leiten den Rauch nach oben ab. „Außerdem geben wir Wasserfilter mit sechs Keramikkartuschen aus – genug für fünf Jahre“, ergänzt er.




Gemeinsam mit Rosemarie zeigt Bernard, wie die Ausrüstung genutzt wird. Im Gespräch mit John Cleverley lobt er die enge Zusammenarbeit zwischen Rotary Clubs, Distrikten und ShelterBox. Martin Strutton stimmt zu: „Rotary ist seit vielen Jahren ein starker Partner. Rotarier öffnen Türen, schaffen Zugang und unterstützen die Logistik.“
Der Einsatztag beeindruckt aus drei Gründen: durch seine Präzision, durch die Geduld der betroffenen Familien – und durch ihre Freude, trotz allem. Dass Menschen, die ihr Zuhause und teilweise auch Angehörige verloren haben, noch lächeln können, ist vielleicht ein größerer Erfolg als jede Hilfslieferung.
Am Abend sitzt das ShelterBox-Team im Hotel um einen Laptop. Erschöpft, aber zufrieden, ziehen sie Bilanz: 143 Familien wurden an einem einzigen Tag unterstützt. Martin berichtet Richard Nixon-Eckersell, dem Sicherheitsleiter des ShelterBox Trust. „Alles ist reibungslos verlaufen“, sagt er. Für den nächsten Tag erwarten sie dasselbe – ein Tag, der mit einem freudigen Wiedersehen beginnt.
Hoffnung aufbauen
Rosemarie strahlt, als sie einen Mann mit ShelterBox-Kappe umarmt. „Wie schön, dass du wieder da bist.“ Dave Ray, technischer Leiter für Unterkünfte beim ShelterBox Trust, ist gerade angekommen. Zwei Tage zuvor war er noch in Somalia, jetzt steht er in der kleinen Siedlung Binabag im Norden von Cebu. Heute arbeitet er mit lokalen Zimmerleuten und schult Familien darin, mit ShelterKits und zusätzlichen Materialien provisorische Häuser zu errichten. Er begrüßt Martin, Brian und John – und legt sofort los. „Ich bin seit fünf Wochen im Einsatz“, lacht er. „Man gewöhnt sich daran.“
Anders als in San Vicente ist die Zerstörung hier sofort sichtbar. Die örtliche Kirche ist teilweise eingestürzt und darf nicht mehr betreten werden. Wieder sind Mitglieder von Rotary vor Ort. Mildred Vitangcol, Rotary Public Image Coordinator, möchte die Arbeit von ShelterBox besser verstehen. „Engere Kommunikation zwischen ShelterBox und den Rotary-Distrikten wird Einsätze noch schneller und wirksamer machen“, sagt sie. Sie will mit gutem Beispiel vorangehen. Dave Ray lobt die Partnerschaft: „Hier auf den Philippinen ist die Zusammenarbeit tief verwurzelt.“
Auf einem freien Feld stehen Dave und Rosemarie vor der Gemeinde, sie hat ein Mikrofon in der Hand. Die Bewohner hören aufmerksam zu, während die beiden erklären, wie man mit den Werkzeugsets sichere provisorische Dächer baut. Nur das Krähen von Hähnen auf der Wiese unterbricht die Präsentation immer wieder.


„Die Arbeit von ShelterBox gibt einigen der ärmsten Familien neue Hoffnung“, sagt Mildred. Nach der Schulung hilft sie bei der Verteilung der ShelterKits und Planen. Die Stapel schrumpfen schnell. Schließlich ist das letzte Kit ausgegeben. Domi tauscht zufriedene Blicke mit seinen Kollegen aus. Der Tag neigt sich dem Ende zu – seine Arbeit jedoch nicht.
Gemeinsam mit Martin und John fährt er den Berg hinunter, um eine Gemeinde zu besuchen, die bereits vor einigen Tagen Hilfe erhalten hat. „Weißt du, wo sie liegt?“, fragt Martin. Domi nickt. Sie wollen prüfen, ob Planen und Seile richtig eingesetzt wurden – diese Nachkontrollen sind entscheidend.
Als sie ankommen, erkennen die Bewohner sie sofort und winken ihnen zu. Entlang der Straße ist ein ganzes Zeltdorf entstanden. Kinder spielen Ball auf einer Wiese, ein kleiner Hund flitzt zwischen den Unterkünften hindurch. Eine ältere Frau ruft Domi zu sich und zeigt stolz ihre Behausung – unter der Decke hängt eine Solarlampe. Das Team ist sichtlich bewegt.
Zurück im Bus mischen sich Erschöpfung und Erfüllung. Noch eine Stunde Fahrt liegt vor ihnen. Martin denkt kurz nach und sagt dann, als würde er den Tag abschließen: „Heute Nacht werden einige Menschen hoffentlich unter einem besseren Dach schlafen.“
Dass in derselben Nacht zwei Nachbeben die Region erschüttern würden, konnte er nicht wissen. Was er wusste: dass noch viel Arbeit vor ihnen lag – hier auf den Philippinen in den kommenden Tagen und in Katastrophengebieten auf der ganzen Welt in den Jahren, die kommen werden.
Gut zu wissen:
ShelterBox Germany e.V. wird von dem Wirtschaftsprüfungsunternehmen Forvis Mazars geprüft, das auch die Jahresberichte erstellt.
• Bei ShelterBox Germany e.V. liegen die jährlichen Adminkosten bei 15 Prozent der Einnahmen
• Schirmherrin von ShelterBox ist seit 2006 Queen Camilla
• In den USA wird ShelterBox im Charity Navigator mit 4 von 4 Sternen bewertet (100 Prozent)
Spendenerlöse ShelterBox Germany e. V. der letzten drei jahre:
2022 1 Million Euro
2023 1,82 Millionen Euro (Erdbeben in der Türkei und Marokko, Ukraine-Krieg)
2024 382.000 Euro
In den zehn Jahren bis 2022 lagen die Spendenerlöse im Schnitt bei 550.000 Euro pro Jahr.Aktuell liegt das Spendenaufkommen bei 490.000 Euro


























