Die Kämpfe der Schönen

Taiwan war immer Spielball europäischer, chinesischer und amerikanischer Weltherrschaftspolitik. Ein Blick zurück, der die Gegenwart begreifbar macht
Mit der Auflösung von Gewissheiten in der gegenwärtigen geopolitischen Lage findet auch die „Taiwan-Frage“ verstärkt Aufmerksamkeit. Da empfiehlt sich ein historischer Rückblick. In seiner Geschichte der Insel Formosa führt Ludwig Riess die Namensgebung auf „den imposanten Anblick der fruchtbaren Ebene an der Westseite“ zurück, der die Portugiesen veranlasste, die schmeichlerische Benennung „Ilha Formosa“ („schöne Insel“) zu wählen, was den Umstand verdeckt, dass das Leben auf der Insel ihres Klimas wegen zu jener Zeit als der Gesundheit ausgesprochen abträglich galt.
Dabei ließen Besiedlung und Einbindung in den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Seehandel die Insel oder Teile von ihr immer wieder zur Konfliktzone werden, begünstigt durch die Lage an der Peripherie Chinas – eine etwa 180 Kilometer breite Meerenge trennt Taiwan vom Festland. So wurde diese Insel Teil der innerchinesischen Wanderungsbewegungen seit der Mongolenherrschaft im 13. und 14. Jahrhundert und dann auch zu einem der Brennpunkte europäischer und schließlich auch japanischer und amerikanischer Beherrschungsabsichten.
Ursprünglich siedelte auf der Insel eine mit Bevölkerungsgruppen im Malaiischen Archipel verwandte Urbevölkerung. Diese war mit der seit dem 15. Jahrhundert wachsenden Zuwanderung in das gebirgige Zentrum der Insel zurückgewichen. Eine große Gruppe waren die aus dem Norden in die gegenüberliegende Provinz Fujian gelangten, aber dort als Fremde angese-henen Hakka, selbst eine Minderheitenpopulation unter den Chinesen.
Aus europäischer Perspektive war Taiwan seit der Bulle des Papstes Alexander VI. von 1493 und dem Vertrag von Tortesillas 1494 Teil des spanischen Weltbeherr-schungsanspruchs und nicht der Portugiesen, wie gelegentlich behauptet. Dann aber machten seit dem frühen 17. Jahrhundert die Tokugawa-Herrscher Japans Ansprüche geltend, bis sie von Holländern verdrängt wurden. Die Niederlassungen der Vereinigten Ostindischen Compagnie (VOC) lagen überwiegend im Südwesten der Insel, während die Spanier im Norden kleine Stützpunkte errichteten. Letztere wurden von der VOC eingenommen, bis diese dann selbst 1661/1662 von der Insel verdrängt wurde – durch chinesische Soldaten. Das war die erste große Niederlage der Europäer an der chinesischen Peripherie.

Der Eroberer der Insel war ein gewisser Zheng Chenggong, auch bekannt als Koxinga, so die portugiesische Schreibung seines Ehrentitels. Im Zuge der innerchinesischen Machtkämpfe zwischen der zusammenbrechenden Ming-Dynastie und den sich allmählich festsetzenden Mandschu und ihrer Qing-Dynastie, offiziell bestehend seit 1644, hatte er sich gegen die Mandschu-Eroberer Chinas behaupten können. Doch er starb schon im Jahre 1662, und mithin lag es an seinen Erben, die Herrschaft über Taiwan fortzuführen. Dies gelang der Zheng-Familie bis in die frühen 1680er Jahre, als dann ihr Einfluss in den Küstenzonen des chinesischen Festlandes zurückging. Zudem blieben die Beziehungen zwischen verschiedenen chinesischen Gruppen und den Niederländern zumeist angespannt. So gelang es schließlich einem chinesischen Admiral, die Zheng-Familie aus Taiwan zu vertreiben und die gesamte Insel in die administrative Struktur des Festlandes einzubinden. Fortan unterstand sie der Küstenprovinz Fujian.
Spätestens seit der Unterwerfungserklärung von Koxingas Enkel 1683 ist Taiwan chinesisch. Ludwig Riess spekulierte am Ende des 19. Jahrhunderts noch: „Es wäre […] für die spätere Geschichte Ostasiens von einiger Bedeutung gewesen, wenn es der Seeräuberdynastie (gemeint ist die Familie Zheng) gelungen wäre, in Formosa ein Überbleibsel des alten unbezopften Chinas in regem Verkehr mit der Außenwelt zu erhalten.“ Durch seine günstige Lage für die küstennahe Handelsschifffahrt, inzwischen aber auch für alle sonstigen strategischen Überlegungen, ist also Taiwan begehrenswert geblieben.
Japanisch und fortschrittlich
Insbesondere in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es verstärkte Be-gehrlichkeiten, in Japan, aber auch bei europäischen Ländern, darunter sogar Preußen. Auf amerikanischer Seite war es der Commodore Perry (Matthew Calbraith Perry) – im Juli 1853 landete unter seinem Befehl ein Geschwader amerikanischer Kriegsschiffe in Japan, um dessen Öffnung zu erzwingen –, der bestrebt war „Formosa eine extension of American territory, eine von Washington aus überwachte Colonie“ werden zu lassen, „deren Gründung allen seefahrenden Nationen Handelsvorteile bringen sollte“.
Von 1895 bis 1945 wurde die Insel vom japanischen Kaiserreich beherrscht, denn seit dem Ende des Chinesisch-Japanischen Krieges 1895, aus dem Japan siegreich hervorgegangen war, wurde Taiwan neben den Pescadoren und der Halbinsel Liaodong japanisch. Daher wird die damals als Formosa bezeichnete Insel in Meyers Konversationslexikon von 1897 auch als „japanische Insel“ bezeichnet. Es heißt dort aber auch: „Den Chinesen gehört Formosa seit Ende des 15. Jahrhunderts. Im 17. Jahrhundert gründeten die Holländer dort mehrere Forts, wurden jedoch 1662 wieder von den Chinesen vertrieben.“ Allerdings wird dort auch berichtet, dass es „China nicht gelungen“ sei, „die Eingeborenen im Innern der Insel tatsächlich zu unterwerfen. […] die Chinesen beherrschen nur die Küstengegenden.“ Daher wohl auch bemerkt Ludwig Riess: „Mit der Einverleibung ins japanische Reich hat Formosa endlich direkten Anschluss an die fortschreitende Kulturwelt unseres Jahrhunderts gewonnen.“
Das Ein-China-Prinzip
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sollten gemäß der Kairoer Erklärung von 1943, ein Erfolg Chiang Kai-sheks gegenüber den Alliierten und dann nochmals bestätigt durch das Potsdamer Abkommen, alle an Japan abgetretenen Gebiete nach Kriegsende an die Republik China zurückgegeben werden. Nach der Ausrufung der Volksrepublik China am 1. Oktober 1949 in Peking wurde nicht nur von dieser, sondern auch von der Republik China auf Taiwan diese Gesamtvertretung beansprucht. Dies änderte sich auch nicht nach der UN-Resolution 2758 von 1971, wonach nicht mehr die Republik China, sondern die Volksrepublik mit der Hauptstadt Peking China als Ganzes bei der Uno vertritt. Das Shanghaier Kommuniqué 1972 bestätigte zwar die von der Republik wie von der Volksrepublik vertretene Ein-China-Position, wovon gegenwärtig auch noch die in Taiwan gültige Verfassung ausgeht, der zufolge sich die Republik China als Fortführung der 1912 gegründeten Republik China sieht. Dieser Anspruch auf das ganze China, wonach das Festland als „abtrünnig“ galt, welches zurückzuerobern sei, trat dann aber allmählich zurück gegenüber Tendenzen zur Etablierung eines unabhängigen Taiwan. Diese Selbstständigkeitsbestrebungen lassen sich als Reaktion auf die seit den 1970er Jahren zunehmenden internationalen Erfolge der Volksrepublik verstehen, ebenso aber auch als Reaktion auf die als unbefriedigend empfundenen Entwicklungen in der an die Volksrepublik 1997 zurückgegebene ehemalige britische Kolonie Hongkong.
Bei der seit den 1990er Jahren von maßgeblichen politischen Kräften auf Taiwan formulierten Unabhängigkeitspolitik wurde die Erinnerung an Koxinga wach. Hinzu trat unter der seit der Kolonisierung in früheren Zeiten vom Kontinent zugewanderten Bevölkerung ein latentes gegen die weitere „Okkupation“ durch die Festländer gerichtetes taiwanesisches Selbstbewusstsein, welches sich bereits 1947 in einem gegen die Taiwan als Rückzugsgebiet suchende Kuomintang gerichteten Aufstand manifestiert hatte, welcher dann aber brutal niedergeschlagenen worden war.
Ein augenfälliges Signal der Einmütigkeit ist das Palastmuseum in Taipeh
Während die Volksrepublik, aber auch namhafte Auslandschinesen an der Ein-China-Politik festhalten, bestimmen in Taiwan jene Kräfte, die ein selbstständiges Taiwan anstreben, heute den interna-tionalen Diskurs. Die Diskussion auf Taiwan wird auch dadurch begünstigt, dass die USA nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur Volksrepublik zum 1. Januar 1979 wegen der allgemein anerkannten Ein-China-Politik die Beziehungen zur Republik China zwar abgebrochen hatten, andererseits aber mit dem im US-Kongress am 10. April 1979 erlassenen Taiwan Relations Act (TRA) quasi-diplomatische Beziehungen zu Taiwan weiter aufrechterhielten. So ist Taiwan ein Element im geopolitischen Machtpoker geblieben, und im Versuch der USA, einen weiteren Zuwachs an Macht und Einfluss Chinas zu begrenzen („containment“), kommt Taiwan eine Schlüsselrolle zu, wie auch die National Defense Strategy des Ministry of War der USA vom 23. Januar 2026 belegt.
Ein in China allgemein sehr stark ausgeprägtes regionalistisches Denken trägt dazu bei, der Forderung einer Selbstständigkeit Taiwans Akzeptanz zu verschaffen. Doch sind politische Konflikte in China stets zweitrangig gegenüber dem Zusammengehörigkeitsgefühl der Chinesen, was sich in der Taiwan-Frage ebenso deutlich zeigt wie in der Tibet-Frage, in der die Kommunistische Partei und die Kuomintang übereinstimmen.
Ein augenfälliges Signal der Einmütigkeit in der Frage der Ein-China-Politik ist das Palastmuseum in Taipeh, wohin die Republik die in den 1940er Jahren aus Peking, damals Peiping, evakuierten größten Teile der Kunstschätze des Kaiserpalastes zunächst nach Südchina und schließlich auf Schiffen von Shanghai nach Taiwan brachte, um nach der Wiedervereinigung in das als neue Hauptstadt vorgesehene Nanjing zurückzukehren. Wie nun bald 80 Jahre später der Widerspruch zwischen der Anerkennung des Ein-China-Prinzips durch die allermeisten Staaten einerseits und andererseits der Ablehnung einer Wiedervereinigung durch einen großen Teil der taiwanesischen Bevölkerung, die sich inzwischen auch mehr als Taiwanesen und nicht als Chinesen identifiziert, zukünftig aufzulösen sein wird, bleibt eine offene Frage.
Schlussbemerkung
Die großen regionalen Unterschiede innerhalb Chinas und die durch lange Kolonialerfahrung und unterschiedliche Zuwanderungsströme in spezifischer Weise geprägte besondere Lage auf Taiwan bergen Hindernisse auf dem Weg zu einer Angleichung der Lebensverhältnisse in einem vereinten China. Auch wird ein modernes China nicht ohne eine stärkere Berücksichtigung regionaler Unterschiede erfolgreich sein und könnte dies möglicherweise auch im Rahmen einer föderalen Struktur zu verwirklichen suchen. Vor dem Hintergrund der Entwicklungen hin zu einer Nationsbildung während der Zeit der Republik China und deren Fortsetzung seit der Gründung der Volksrepublik China wäre eine Unabhängigkeitserklärung Taiwans das Überschreiten einer roten Linie und käme einer Kriegserklärung gleich, was alle Seiten, darunter ausdrücklich die USA, zu vermeiden suchen, die von sich sagen: „We will be strong but not unnecessarily confrontational.“
Helwig Schmidt-Glintzer
ist Sinologe, Publizist und Gründungs-direktor des China Centrum Tübingen (CCT). Seit 2024 leitet er das EuroAsia-Institut für Kultursysteme.
Foto: Frank Ossenbrink























