Geteiltes Zuhause

Viele Taiwaner sagen, sie seien Chinesen, andere sagen, sie seien Taiwaner. Was denn nun?
Taiwaner sprechen Chinesisch.“ – „Taiwaner sind Chinesen.“ – „Taiwan gehört zu China.“ Was davon stimmt, was nicht? Die Situation ist verworren. Schließlich heißt der Staat, der die Insel regiert, offiziell nicht Taiwan, sondern Republik China. Seine Verfassung wurde einst für ganz China geschrieben. Und die meisten Taiwaner folgen chinesischen Traditionen – ob Lieblingsessen, Mond-Neujahrsfest oder Ahnenverehrung. Aber „chinesisch“ kann viel bedeuten: sprachlich, ethnisch, kulturell, politisch. Klar ist zumindest, dass Taiwan wie ein normales Land funktioniert, in dem die Volksrepublik China – ganz anders als in Hongkong – politisch nicht mitredet. Je länger das andauert, desto weniger spüren viele Taiwaner historische oder kulturelle Verbundenheit. Aber nicht alle.
Stellen wir uns Taiwan als ein Haus vor. Aktuell leben 23 Menschen hier, die meisten seit Generationen. Fast jeder kennt das Haus als „Taiwan“, doch auf seinem Klingelschild steht „Republik China“. Nebenan steht ein riesiger, rot angestrichener Wohnblock mit mehr als 1400 Bewohnern. Auf der Fassade prangt „Volksrepublik China“, und darunter: „Nur wir sind China!“ Früher hing hier das „Republik China“-Schild. Aber vor fast 80 Jahren gab es nach einem großen Streit einen Eigentümerwechsel. Zum Glück für die alten Eigentümer hatten sie vier Jahre zuvor die Verwaltung des kleinen Taiwan-Grundstücks übernommen, das der frühere japanische Eigentümer räumen musste. Dort hatten sie weiter das Sagen. Aber die Nachbarn behaupten seitdem, auch dieses Grundstück gehöre eigentlich ihnen.
Streit um Hausordnung
Heute hat Taiwan gut 23 Millionen Einwohner. 1949 waren es nur sechs Millionen. Dann gewannen die Kommunisten den Bürgerkrieg, und auf der Verliererseite flohen etwa zwei Millionen nach Taiwan, das der Republik China 1945 in den Schoß gefallen war. Sie führten auf der Insel ihren geschrumpften Staat weiter und unterdrückten die Mehrheit, die seit Generationen auf der Insel lebte, per Kriegsrecht.
Inzwischen geht es in der Taiwan-WG gerechter zu. Alle Bewohner dürfen mitreden. Viele finden, der Name Republik China repräsentiert sie nicht mehr. „Wir sind das wahre China.“ Dieses Mantra drückte die Regierung den Taiwanern noch bis in die 1980er Jahre auf. Doch der Megatrend „taiwanische Identität“ nahm Fahrt auf, nachdem sie mit der ersten freien Präsidentenwahl 1996 endlich Herren im eigenen Haus geworden waren. Seit Jahrhunderten hatten sie wechselnde Fremdherrscher erlebt – aus China, Japan, dann wieder China. In einer aufschlussreichen Langzeitstudie fragt die Nationale Chengchi-Universität seit 1992: „Identifizieren Sie sich als Chinese, als Taiwaner oder beides?“ Das Bild ist klar: 1996 hatte sich nur jeder Vierte ausschließlich als Taiwaner gesehen. 2025 waren es mehr als 60 Prozent. Im Gegenzug sank der Anteil derer, die sich nur als Chinesen fühlen, von 18 auf unter drei Prozent. Und beide Identitäten unter einen Hut bringt statt der Hälfte nur noch knapp ein Drittel.
Das Gerüst der Republik China wie historischen Ballast abzustreifen, ist ein Traum vieler Taiwaner
Aber die Bewohner können nicht einfach „Taiwan“ auf ihr Klingelschild schreiben. Dann würden die Eigentümer von nebenan rüberkommen und das Haus besetzen.
Das Gerüst der Republik China wie historischen Ballast abzustreifen, ist ein Traum vieler Taiwaner. Er wird sich in absehbarer Zeit nicht erfüllen. Eine neue Verfassung oder auch nur eine Umbenennung in „Republik Taiwan“? Das wäre für die Volksrepublik eine „Unabhängigkeitserklärung“, ein Vorwand für Aggression – und dafür, Taiwan noch als Provokateur darzustellen. Die meisten akzeptieren diese Realität.
Die 23 Bewohner des Taiwan-Hauses streiten oft über ihre Hausordnung, aber in einem Punkt sind sie sich – bis auf ein oder zwei Ausnahmen – einig: Sie wollen diese Hausordnung weiter selbst bestimmen und sich nicht alles von den Nachbarn vorschreiben lassen. Die Taiwaner ringen um den richtigen Weg, wie es in Demokratien üblich ist. Der überwältigende Konsens: Man will sich weiter souverän selbst regieren, das Regime der Volksrepublik soll nichts zu melden haben. Laut einer weiteren Langzeitumfrage sind nur sieben Prozent für eine Vereinigung.
Klaus Bardenhagen: Die wichtigste Insel der Welt
„Was Sie wissen müssen, um Taiwan zu verstehen“, Verlag Herder 2024.
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Aber zwei Gruppen verstehen sich in der Taiwan-WG gar nicht: Die einen finden die Bewohner des China-Wohnblocks vor allem übergriffig und möchten auf ihrem Grundstück in Ruhe gelassen werden. Andere wollen kein rein nachbarschaftliches Verhältnis. Ihnen ist es wichtig, dass ihre Vorfahren früher nebenan gelebt hatten, und diese Identität fühlen sie bedroht. Trotz der Drohungen aus dem Nachbarhaus lassen sie sich regelmäßig einladen, und was sie dort besprechen, verraten sie nicht.
Ganz im Sinne Chinas
Als Folge der Diktatur spaltet die Identitätsfrage Taiwans Gesellschaft bis heute. Misstrauen und Abneigung zwischen den Lagern überdecken zuweilen ihr gemeinsames Anliegen: den Erhalt von Freiheit und Eigenständigkeit. Seit 2024 zeigt sich das deutlich. Die Partei, die Taiwans eigene Identität betont, stellt nur noch eine Minder-heitsregierung. Die Opposition nutzt ihre Mehrheit im Parlament wenig konstruktiv und wirft der Regierung Knüppel zwischen die Beine, kürzt etwa den Verteidigungshaushalt. So kann der Eindruck entstehen, Taiwan sei die eigene Sicherheit nicht wichtig genug. Immer wieder treffen Kuomintang-Politiker in China Kader der Kommunistischen Partei – die Abneigung gegen Taiwans Regierung scheint die historischen Todfeinde zusammenzuschweißen. Für manche agieren Teile der Opposition wie Pekings fünfte Kolonne. Die so Kritisierten sagen, es sei doch gut, dass beide Seiten überhaupt noch miteinander redeten. Nachdem das Parlament das Verfassungsgericht lahmgelegt hatte, wuchs die Situation sich Ende 2025 zu einer veritablen Verfassungskrise aus.
„Ein Haus, das uneins ist, kann nicht bestehen“, warnte Abraham Lincoln Jahre vor dem US-Bürgerkrieg. Ein zerstrittenes Taiwan ist ganz im Sinne der Volksrepublik, die auf vielen Wegen versucht, die Spaltung noch zu vertiefen. Ein normales Land unter normalen Umständen könnte solche Gegensätze mit der Zeit überwinden. Die Frage ist, ob Taiwan diese Zeit hat.
Klaus Bardenhagen
berichtet seit 2008 als freier Journalist aus Taiwan (taiwanreporter.de).
Was in der aktuellen Berichterstattung oft zu kurz kommt, hat der Autor in einem Buch zusammengefasst (siehe Buchtipp oben).
























