Im Zentrum der Welt

Während Europa mit bangem Blick auf die Ukraine schaut, sieht sich auf der anderen Seite der Erde das demokratische Taiwan der wachsenden Bedrohung einer militärischen Übernahme durch China gegenüber
Wir leben in einem Zeitalter extremer geopolitischer Unsicherheit, in dem die nach dem Zweiten Weltkrieg etablierten Regeln um uns herum zusammenzubrechen scheinen. Revisionistische Regime, die die amerikanische Instabilität, den Isolationismus und die Ablenkung der USA wittern, nutzen diese Gelegenheit, um die Weltordnung neu zu gestalten. In dieser neuen, gefährlichen Welt fühlen sich mächtige Staaten frei, in Gebiete vorzudringen, die sie als ihre legitimen Einflusssphären betrachten. US-Präsident Donald Trump hat solche Narrative genutzt, um seine Außenpolitik zu erklären, was andere Machthaber wie Wladimir Putin und Xi Jinping zu ähnlichen Maßnahmen in ihren jeweiligen Regionen inspirieren könnte. Russlands Aggression gegen die Ukraine im Jahr 2014, gefolgt von der Invasion 2022, verdeutlicht die destabilisierenden Auswirkungen, die eine solche Weltanschauung auf eine ganze Region haben kann. Xis China stellt die Ordnung infrage, die die internationalen Beziehungen jahrzehntelang geprägt hat. Neben seinen Gebietsansprüchen im Ost- und Südchinesischen Meer erhebt China auch Anspruch auf Taiwan, den demokratischen Inselstaat mit gut 23 Millionen Einwohnern. Wie nirgendwo sonst auf der Welt wird dieser Konflikt, in dem eine lebendige Demokratie und Wirtschaftsmacht auf ein mächtiges technokratisches Regime, die Kommunistische Partei Chinas (KPCh), trifft, den Lauf der Dinge im 21. Jahrhundert bestimmen.
Ist auf die USA Verlass?
Taiwans Existenz als souveräner, demokratischer Staat steht Pekings wachsenden Ambitionen im Wege. Taiwans lebendige Demokratie widerspricht der Behauptung der KPCh, Demokratie sei unvereinbar mit der „chinesischen Zivilisation“; die Partei verwehrt den 1,4 Milliarden Chinesen damit die Möglichkeit, ihr Land in diesem Sinne zu entwickeln. Darüber hinaus steht Taiwans Bündnis mit den USA und anderen demokratischen Ländern Chinas expansionistischen Bestrebungen im Wege.
Gleichzeitig produziert Taiwan einen bedeutenden Anteil der weltweit fortschrittlichsten Halbleiter und spielt daher eine wichtige Rolle für die globale Wirtschaft im Zeitalter der KI. Obwohl nationale Vorzeigeunternehmen wie die Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC) weltweit bekannt geworden sind, ist es das in Taiwan über Jahrzehnte harter Arbeit entstandene Ökosystem, das dieses Wunder ermöglicht hat – ein Erfolg, der anderswo nicht wiederholt werden kann. Er hat Taiwan zu globaler Stärke verholfen. Ein Konflikt in der Taiwanstraße – eine Invasion der Volksbefreiungsarmee oder eine Wirtschaftsblockade – hätte katastrophale Folgen für die internationale Gemeinschaft. Die Kosten eines Krieges in der Taiwanstraße für die Weltwirtschaft könnten sich auf rund zehn Billionen US-Dollar belaufen, was etwa zehn Prozent des globalen BIP entspricht – ein schwererer Schlag für die Weltwirtschaft als die Covid-19-Pandemie, die globale Finanzkrise und der russische Einmarsch in die Ukraine zusammen. Die Abschreckung vor einem Angriff der Volksbefreiungsarmee beruht auf einer Kombination von Faktoren: auf Taiwans Entschlossenheit, einem solchen Angriff entgegenzuwirken, und auf der Annahme, dass das US-Militär (und möglicherweise andere Verbündete wie Japan) Taiwan unterstützen würden. Auch die US-Waffenexporte an Taiwan spielen eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung der Abschreckung. Starke Unterstützungssignale der internationalen Gemeinschaft, un-terstrichen durch Erklärungen unter anderem der G7 und der Nato, sowie die Gewährleistung der Navigationsfreiheit in der Taiwanstraße spielen eine wichtige Rolle bei der Beeinflussung der Erfolgsaussichten Pekings bei einer Invasion in Taiwan.

Die langjährige Politik der USA beruht auf „strategischer Ambiguität“. Washington erklärt nicht eindeutig, ob und gegebenenfalls wie es in den Konflikt gegen die Volksbefreiungsarmee (VBA) eingreifen würde. Diese Strategie zielt darauf ab, die chinesische Führung im Unklaren zu lassen. Bislang hat das funktioniert, Peking hat Taiwan nicht angegriffen. Damit verbunden ist die Frage, wie die chinesische Führung den Zustand ihres Militärs einschätzt. Verfügt die VBA über die nötigen Fähigkeiten, um die beabsichtigten Maßnahmen umzusetzen? Jahrzehntelang signalisierte die KPCh ihre Absicht, Gewalt gegen Taiwan anzuwenden, handelte jedoch nie, da das chinesische Militär für einen solchen Befehl unzureichend ausgerüstet war. Vor einigen Jahren befahl Xi Jinping der VBA, bis 2027 (dem sogenannten „Davidson-Fenster“) die Mittel für eine Invasion Taiwans bereitzustellen. Diese Anweisung wurde oft fälschlicherweise als Frist interpretiert. Die chinesische Führung hat nie eine Frist für einen Angriff gesetzt, und die jüngsten Maßnahmen gegen Korruption innerhalb der VBA deuten darauf hin, dass eine Frist bis 2027 viel zu früh sein könnte.
Konstanten und Wandel
Taiwan steht nun vor einer neuen Ära großer Unsicherheit. Die offenkundige Abkehr der Trump-Regierung von Demokratie und Liberalismus bringt Taiwan in eine schwierige Lage, da die Debatte um die Notwendigkeit, Taiwan zu verteidigen, historisch gesehen vor allem auf der Verteidigung einer anderen Demokratie basierte. Um bei der aktuellen US-Regierung Gehör zu finden, musste Taipeh seinen Fokus auf andere Bereiche verlagern. Halbleiter und die Milliardeninvestitionen taiwanesischer Unternehmen wie TSMC in den USA gehören zu diesem neuen Druckmittel, ebenso wie Taiwans Rolle bei der Wahrung von Frieden und Stabilität in der Region.
China und Russland könnten versuchen, die USA und Bündnisse wie die Nato zu überfordern
Trump 2.0 ist unberechenbarer, transaktionsorientierter und deutlich weniger an internationales Recht und etablierte Regeln der internationalen Politik gebunden. Trump hat gelegentlich angedeutet, dass er Großmächten mehr Handlungs-freiheit innerhalb ihrer legitimen „Ein-flusssphären“ einräumen könnte – eine Einteilung der Welt, in der kleinere Mächte kaum oder gar kein Mitspracherecht über ihr Schicksal hätten. Da Trump sich scheinbar auf die Sicherung der westlichen Hemisphäre konzentriert, ist es nicht auszuschließen, dass Washington im Rahmen eines umfassenden Abkommens andere Teile der Welt den regionalen Großmächten überlässt. Eine solche Zukunft ist jedoch keineswegs vorbestimmt, und Trump hat immer wieder bewiesen, dass er seine Meinung ändern kann. Der Kongress bleibt unterdessen ein treuer Verbündeter Taiwans.
Die Chance der anderen
China und Russland könnten versuchen, die USA und Bündnisse wie die Nato zu überfordern. Beide Länder haben ihre militärische Zusammenarbeit in Nordostasien vertieft, wobei Nordkorea durch sein konfrontatives Verhalten die Reaktionsfähigkeit der USA und Japans im Falle einer Taiwan-Krise erschwert. China hat Russland zudem mit militärischer Ausrüstung für den Krieg gegen die Ukraine unterstützt, während Nordkorea die russische Armee mit Material und Soldaten versorgt hat.
Es ist nicht das erste Mal, dass Taiwan die Angst vor dem Verlassenwerden durch seinen wichtigsten Sicherheitsgaranten aushalten muss. Es passt sich den sich rasch verändernden Umständen und der hohen Unberechenbarkeit an. Taipeh erkennt, dass es keine Hilfe als selbstverständlich ansehen kann und dass es unabhängiger werden muss. Für den Rest der Welt bedeutet dies eine stärkere Lastenteilung und ein proaktiveres – und möglicherweise unabhängigeres – Vorgehen bei der Verteidigung seiner Werte und Interessen. Angesichts der Bedeutung Taiwans für die regionale und globale Stabilität bietet sich Taiwan in dieser Phase die Chance, robustere und dauerhaftere Beziehungen zu Ländern aufzubauen, die ein Interesse an seinem Fortbestand als Demokratie haben.
J. Michael Cole
ist Senior Non-Resident Fellow am Global Taiwan Insti-tute in Washington, D. C., am Macdonald-Laurier Institute in Ottawa und am Taiwan Research Hub der Universität Nottingham. Sein neuestes Buch „The Taiwan Tinderbox: The Island-Nation at the Center of the New Cold War“ erschien im September 2025 bei Polity.
Foto: Ketty W. Chen























