Titelthema

Wer braucht wen?

von Sascha Pallenberg | 
 |  Lesezeit: 5 Minuten

Taiwan ist die Chipfabrik der Welt. Aber wären wir bereit, sie zu verteidigen?

Ich lebe seit 2009 in Taiwan. Ich kenne wohl ein wenig die Menschen hier, ich verstehe ihre Gelassenheit gegenüber dem chinesischen Säbelrasseln, und ich weiß, was es bedeutet, wenn in den westlichen Medien wieder einmal das Szenario einer Invasion meiner Wahlheimat auf die Titelseiten der diversen Magazine projiziert wird.

Die zentrale Frage wird allerdings nie gestellt: Wer hängt hier von wem ab, und was würde eine chinesische Übernahme Taiwans bedeuten?

Ohne Taiwan würden in den USA und Europa keine Autos vom Band rollen. Kein iPhone würde gebaut. Keine KI-Chips von Nvidia, AMD oder wem auch immer. Keine Militärausrüstung, keine Smartphones, keine Server. Keine Unterlegscheiben von Schrauben-Huber auf der Schwäbischen Alb, der Weltmarktführer in diesem Bereich ist und seine Produkte unter anderem für Airbus-Triebwerke herstellt, die dann, welch Wunder, auch nicht mehr gebaut werden könnten.

Taiwans Macht

Okay, ich gebe zu, dass ich beim letzteren Beispiel ein wenig geschummelt habe: den Schrauben-Huber gibt es nicht wirklich, aber er steht stellvertretend für viele. Von diesen Hidden Champions des deutschen Mittelstands gibt es Tausende, und deren Produktionsmaschinerie benötigt Halbleiter aus Taiwan. Taiwan – ein Staat, der gerade einmal ein Zehntel so groß ist wie Deutschland – produziert weit mehr als 20 Prozent der weltweiten Halbleiter. Und das ist nur der Gesamtmarkt. Bei den fortschrittlichsten Chip-­Ge­ne­ra­-tio­nen, also bei dem, was heute für KI, Smartphones und moderne Autos gebraucht wird, sieht die Konzentration noch dramatischer aus. TSMC und UMC zusammen decken fast zwei Drittel der weltweiten Auftragsfertigung ab. Zwei Unternehmen, eine Insel.

Die Chipkrise der Coronajahre? Das war ein müder Vorgeschmack. Ein Schnupfen im Vergleich zu dem, was passieren würde, wenn Taiwan wirklich ausfiele. Und dabei hat dieser Schnupfen selbst die deutsche Automobilindustrie bis ins Mark getroffen. Alleine Volkswagen musste 2021 über 800.000 Fahrzeuge weniger ausliefern. Weil Chips fehlten. Bei einem durchschnittlichen Verkaufspreis von 30.000 Euro reden wir hier über einen Umsatzverlust von 24 Milliarden Euro.

Deutschland hat viel zu verlieren

Und jetzt der Teil, den ich nicht oft genug betonen kann: Kaum ein Land weltweit hängt (noch) so sehr von Taiwan ab wie Deutschland. Nicht die USA. Nicht Japan. Deutschland. Infineon – ein Dax-Konzern, Münchner Stolz, Europas Chipriese – dürfte einen nicht geringen Anteil (wahrscheinlich rund ein Drittel) seiner Halbleiter in Taiwan fertigen. Microcontroller von TSMC stecken in praktisch jedem Auto, das in deutschen Werken produziert wird. Bosch, Siemens, die gesamte Maschinenbauindustrie – sie alle stehen auf einem Fundament, das 9000 Kilometer entfernt liegt, auf einer Insel, die China als seine Provinz betrachtet.

Als ich das vor Jahren gegenüber deutschen Journalisten erwähnt habe, stieß ich auf höfliches Desinteresse. Inzwischen nicken zumindest die Leute in den Beschaffungsabteilungen der Großkonzerne. Zu spät, aber immerhin. Wobei ich hier natürlich erwähnen muss, dass die Ansiedlung von TSMC in Dresden diese Abhängigkeiten (zumindest für die Automobilindustrie) stark verringern wird.

Chinas Eigentor

Und jetzt kommt der Teil, den Peking offensichtlich immer noch nicht verstanden hat. Als ich 2009 nach Taipeh kam, bezeichnete sich noch ein guter zweistelliger Prozentanteil der Bevöl-kerung als Chinesen – also als Menschen, die Teil einer großen chinesischen Nation sind, die zufällig in einem anderen System leben. Heute? Niedriger einstelliger Prozentbereich. Die Menschen hier sehen sich als Taiwaner.

Jedes Militärmanöver, jede Rakete, die über die Insel geschossen wird, jede Drohgebärde aus Peking beschleunigt diesen Prozess. China will Taiwan „zurückgewinnen“ und treibt dessen Bevölkerung dabei immer weiter weg. Das ist geopolitische Selbstsabotage in Zeitlupe. Aber zurück zur Wirtschaft, denn da wird es noch interessanter.

Keine Updates. Keine Ersatzteile. Die Produktion würde innerhalb weniger Jahre veralten

 

Stellen wir uns das Worst-Case-Sze-nario vor: China invadiert Taiwan und übernimmt die TSMC-Fabriken intakt. Was dann? Dann bekommt China den aktuellen Maschinenpark. Mehr nicht. Denn die entscheidenden Zulieferer – ASML aus den Niederlanden mit seinen EUV-Belichtungsanlagen, Zeiss und Trumpf aus Deutschland – würden sofort unter Sanktionen fallen. Keine neuen Maschinen. Keine Updates. Keine Ersatzteile. Die Produktion würde innerhalb weniger Jahre veralten und zum Stillstand kommen. Mal davon abgesehen, dass wir wohl davon ausgehen können, dass ASML auch sogenannte „Kill-Switches“ verbaut hat und die Ma­schinen aus der Ferne abschalten könnte.

China würde einen gewaltigen Krieg führen, um eine Fabrik zu bekommen, die es danach nicht betreiben kann. Das ist kein Trost. Aber es erklärt, warum selbst chinesische Tech-Konzerne, die ebenfalls zu großen Teilen von zuverlässigen Lieferungen aus Taiwan abhängen, kein Interesse an einem Krieg haben dürften.

Was Europa tun muss

TSMC in Dresden innerhalb eines sich wunderbar entwickelnden Ökosystems mit über 60.000 Arbeitsplätzen in der Halbleiterentwicklung und -produktion – das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Ein Schritt, der allerdings schon vor 20 Jahren hätte gemacht werden müssen.

In den 1990ern fertigte Europa noch einen Großteil seiner Chip-Nachfrage selbst. Dann hat man, wie bei so vielem, auf eine billige Produktion in Fernost gesetzt und die eigene Kompetenz systematisch abgebaut. Das Ergebnis ist diese gefährliche Abhängigkeit.

Subventionen für TSMC oder UMC in Deutschland? Ja, unbedingt. Und zwar nicht als Almosen, sondern als Investition in digitale Souveränität. Von solchen Fabriken profitiert nicht nur der eine Chipkonzern – es entsteht ein ganzes Ökosystem aus Zulieferern, Forschungskooperationen und Fachkräften.

Die unbequeme Wahrheit

China hat mit seinen Drohgebärden eine durchaus wertvolle und wichtige Diskussion erzwungen. Wobei die eigentliche Frage bleibt: Was passiert, wenn wir Taiwan nicht ernst nehmen? Wenn wir es politisch im Stich lassen, während wir wirtschaftlich abhängig sind.

Ich lebe nun seit 17 Jahren in Taiwan. Ich sehe, wie die Menschen hier mit dieser Realität umgehen – mit einer Gelassenheit, die ich bewundere und die ich gleichzeitig nicht vollständig teile. Denn die Gelassenheit der Taiwaner beruht auf Vertrauen: Vertrauen darauf, dass die Welt schon verstehen wird, was sie an dieser Insel hat. Ob dieses Vertrauen gerechtfertigt ist, hängt auch davon ab, was Europa und Deutschland in den nächsten Jahren tun. Die Chipkrise war ein Vorgeschmack. Es liegt an uns, wie es weitergeht.

Sascha Pallenberg

lebt und arbeitet seit 2009 in Taipeh. Er ist Gründer von „MeTacheles“, einem Tech-Blog und Podcast zu Digitalisierung, Mobilität und europäischer Digitalsouveränität.

Foto: Privat

Zum Magazin

Taiwan: Das andere China
06 / 2026
Die grosse Versuchung
05 / 2026
Fäden ziehen
04 / 2026
Im Namen des Volkes
03 / 2026
Die da oben
02 / 2026
Geduld
01 / 2026
Die Kraft des Singens
12 / 2025
Unter die Haut: Tattoos
11 / 2025
Die Rente ist sicher
10 / 2025
Als Gott auszog – Gedanken zur Umwidmung von Kirchen
09 / 2025
Österreich - Erinnerungen an die Zukunft
08 / 2025
Comeback des Sportvereins
07 / 2025
Man muss Menschen mögen
06 / 2025
Alles auf Anfang
05 / 2025
Cool Japan
04 / 2025
Mut zum Bruch: Deutschland nach der Wahl
03 / 2025
Gehasst oder geliebt?
02 / 2025
Wettrüsten im All: Wie Europa abghängt wird
01 / 2025